Dara Hobbs (Brünnhilde), Aris Argiris (Wotan)  Walküre an der Oper Chemnitz
Die "Walküre" ist der zweite Teil der Chemnitzer "Ring"-Inszenierung aus "weiblicher Sicht" Bildrechte: Theater Chemnitz, Foto: Kirsten Nijhof

Oper Chemnitz Fünf Stunden "Walküre" mit wenig Inspiration

Die Oper Chemnitz inszeniert Wagners "Ring" aus weiblicher Sicht. Nach dem hervorragenden "Rheingold" kam nun die "Walküre" auf die Bühne. MDR KULTUR-Opernredakteurin Bettina Volksdorf hat die Premiere gesehen und fällt ein durchwachsenes Urteil. Die Regiearbeit ließ wenig von der angekündigten "weiblichen Sicht" erkennen. Die Robert-Schumann-Philharmonie überzeugte jedoch vollkommen.

Dara Hobbs (Brünnhilde), Aris Argiris (Wotan)  Walküre an der Oper Chemnitz
Die "Walküre" ist der zweite Teil der Chemnitzer "Ring"-Inszenierung aus "weiblicher Sicht" Bildrechte: Theater Chemnitz, Foto: Kirsten Nijhof

Wenn hierzulande ein neuer Wagner-"Ring" geschmiedet wird, dann erregt das zumeist überregional Aufmerksamkeit. So auch beim ambitionierten Vorhaben des Chemnitzer Opernhauses, das allein 2018 sämtliche vier Teile des "Ring"-Zyklus stemmen will - und zwar aus Sicht von vier Regisseurinnen!

Mit dem "Rheingold" als "Ring"-Auftakt hatte die Chemnitzer Oper im Februar einen fulminanten Anfang gesetzt, die Aufführung wurde unter anderem bei MDR KULTUR sehr gut besprochen. Doch leider hat sich der Erfolgskurs mit der jetzigen "Walküre"-Aufführung nicht fortgesetzt. Es ließ sich weder ein stringentes Inszenierungs-Konzept noch eine überzeugende Personenführung auf der Bühne erkennen und auch musikalisch blieb einiges uneingelöst.

Ich hab mich gefreut, als ich las, dass der junge Felix Bender als 1. Kapellmeister sowie stellvertretender Generalmusikdirektor in Chemnitz diese Premiere dirigieren kann, denn Wagner-Produktionen sind zumeist Chefstücke, der Chemnitzer Generalmusikdirektor Guillermo Garcia Calvo wird aber erst im Mai zwei Vorstellungen übernehmen.

Enttäuschung gleich am Anfang

Christiane Kohl (Sieglinde), Zoltán Nyári (Siegmund), Walküre an der Oper Chemnitz
Christiane Kohl als Sieglinde und Zoltán Nyári als Siegmund Bildrechte: Theater Chemnitz, Foto: Kirsten Nijhof

Am Anfang der "Walküre" müsste eigentlich etwas Unglaubliches hör- und sichtbar werden: Zwei Menschen begegnen einander und es ist Liebe auf den ersten Blick - obwohl Siegmund und Sieglinde Geschwister sind! Die Musik erzählt davon mit einer unglaublichen Intensität und Leidenschaft.

Aber genau dieser 1. Aufzug samt Liebesduett geriet nach wenigen ungestümen Takten so zahm und unerotisch, dass ich mich wirklich gefragt habe, was der Grund für diese fehlende Expressivität ist. Felix Bender arbeitet sehr genau Details und Leitmotive sowie dynamische Kontraste heraus, er macht trotz großer Orchesterbesetzung die quasi kammermusikalischen Momente transparent, trägt die Sänger auf Händen und zerdehnt im selben Atemzug viele Phrasen, bremst das Vorwärtsdrängende des deklamatorisch-konzipierten Wagner-Gesangs, sodass die Dramatik und Innenspannung der Musik vor allem im 1. und 2. Aufzug häufig zerbröseln. Der 3. Aufzug mit dem berühmten Walküren-Ritt schien mir dann in sich kohärenter.

"Weibliche Sicht" kaum vorhanden

Christiane Kohl (Sieglinde - liegend); hinten v.l.: Alexandra Sherman (Schwertleite), Jana Büchner (Ortlinde), Guibee Yang (Helmwige), Anne Schuldt (Waltraute), Dara Hobbs (Brünnhilde), Regine Sturm (Gerhilde), Nathalie Senf (Grimgerde)  Walküre an der Oper Chemnitz
Bettina Volksdorf: "... viel Gesang an der Rampe" Bildrechte: Theater Chemnitz, Foto: Kirsten Nijhof

Von der angekündigten "weiblichen Sicht" auf den "Ring" war für mich in der in der Inszenierung der Niederländerin Monique Wagemakers kaum etwas spürbar. Im Programmheft spricht Wagemakers davon, dass die "Walküre" für sie eine Familientragödie sei, dass es sich dabei um enge Vater-Tochter-, Mann-Frau, Bruder-Schwester-Beziehungen handle und darum, wie Göttervater Wotan seine Kinder instrumentalisiere.

Das ist alles richtig, gleichwohl es natürlich um mehr geht: um Macht, um Besitz und dem, was daraus erwachsen kann. Nur hat die Regisseurin meines Erachtens keine wirklich zündende Idee, wie und warum sie das Anno 2018 erzählen will.

Ich habe gestern Abend im Chemnitzer Opernhaus vor allem viel Gesang an der Rampe erlebt, gepaart mit extrem reduzierten Interaktionen zwischen den Sängern. Das wirkte uninspiriert, oft wenig authentisch und über fünf Stunden Aufführungsdauer schlicht langweilig.

Bettina Volksdorf, MDR KULTUR-Opernexpertin

Beliebiges Bühnenbild

Gespielt wurde übrigens in einem Einheits-Bühnenbild von Claudia Weinhart, einer Art gotischen Halle, die entfernt an Schachtelbilder von Piranesi erinnert und als Spielort genauso beliebig war, wie die wenigen eingeblendeten Videoprojektionen. 

Was die Fokussierung der Regisseurin auf die frühkindlichen Erfahrungen von Siegmund und Sieglinde anbelangt, so blieb leider auch dieser Aspekt für mich mehr Behauptung als szenisch-psychologisch ausgearbeitetes Konzept!

Überzeugende Gesangsparts

Dara Hobbs (Brünnhilde), Aris Argiris (Wotan), Walküre an der Oper Chemnitz
Dara Hobbs als Brünnhilde und Aris Argiris als Wotan Bildrechte: Theater Chemnitz, Foto: Kirsten Nijhof

Aus sanglicher Sicht konnte diese "Walküre" in Chemnitz überzeugen, wenngleich im Publikum auch kritische Stimmen zu hören waren. Christiane Kohl als Sieglinde zum Beispiel überraschte mit einem sehr hellen, beinah soubrettigen Sopran. Und das meine ich nicht abwertend, denn sie hat die Kraft und die Höhe, die es für diese Partie braucht.

Ebenso die US-Amerikanerin Dara Hobbs, die vor knapp zwei Jahren als Brünnhilde in einer "Walküre"-Produktion des Theaters Minden debütierte, übrigens beim vormaligen Chemnitzer Generalmusikdirektor Frank Beermann. Hobbs überraschte mit trompetenartigen Spitzentönen und stand ihre Partie offenbar mühelos durch. Anders Aris Argiris als Wotan - ein imposanter Typ im blauen Leder-Outfit. Ihm kam im 3. Aufzug ein wenig die Flexibilität in der Tongebung abhanden.

Und um die großen Partien komplett zu machen: Mich überzeugten auch der ungarische Tenor Zoltán Nyári als Siegmund, Monika Bohinec als Fricka und der exzellent textverständliche Magnus Piontek als Hunding!

Hervorragendes Orchesterspiel

Ich bin nach dieser "Walküre" umso neugieriger darauf, wie die dritte Regisseurin den "Siegfried" angehen wird und wieder mal begeistert von dem, was die Robert-Schumann-Philharmonie da leistet! Dieses Orchester spielt Wagner so kenntnisreich, mit einem so edlen, warm-erdigen Streichersound und vielen aparten Momenten in den Bläsern, das ist eine Wohltat. Und stellvertretend für viele hervorragende Einzelleistungen sei an dieser Stelle mal Solo-Cellist Jakub Tylman erwähnt. Eine Fahrt nach Chemnitz lohnt sich also meines Erachtens schon deshalb.

Weitere Aufführungen Montag, 02.04.2018, 16:00 Uhr
Sonntag, 22.04.2018, 15:00 Uhr
Dienstag, 01.05.2018, 16:00 Uhr
Sonntag, 27.05.2018, 16:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2018 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2018, 13:35 Uhr

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