Die Amiga-Schallplatte "The Beatles" in einem Regal
Die Beatles haben für reichlich Popmusik-Klassiker gesorgt. Aber wann gefällt uns ein Popsong? Bildrechte: dpa

Studie vom Max-Planck-Institut Leipzig Warum wir gerne Pop-Klassiker hören

Warum hören Menschen gerne Popmusik-Klassiker wie "Country Roads" von James Taylor und "Obladi oblada" von den Beatles. Weil sie ihnen gefällt, würde man wohl sagen. Wissenschaftlern vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig hat diese Antwort nicht gereicht. Sie sind der Frage nachgegangen: mit 80 Versuchsteilnehmern, einem Kernspintomografen und über 700 Popsongs. Haben sie das Rezept für Hits gefunden?

von Felicitas Förster, MDR KULTUR

Die Amiga-Schallplatte "The Beatles" in einem Regal
Die Beatles haben für reichlich Popmusik-Klassiker gesorgt. Aber wann gefällt uns ein Popsong? Bildrechte: dpa
Ein Mann mit Kopfhörern singt. 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann mit Kopfhörern singt. 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was gefällt unserem Gehirn an Popmusik? Untersuchungen dazu gibt es schon seit den 50er-Jahren. Sie haben gezeigt: Es kommt auf die richtige Dosis Überraschung an. Der Neurowissenschaftler Stefan Kölsch erklärt:

"Lange Zeit dachte man, es muss der 'Sweet-Spot' getroffen werden, zwischen nicht zu überraschend, dann klingt es irgendwie chaotisch, und nicht zu wenig überraschend, dann ist es irgendwie langweilig. Wir haben jetzt entdeckt, dass es tatsächlich auf noch etwas ganz anderes ankommt: Nämlich, es ist ganz wichtig, wie die Überraschungen aufgebaut werden. Oder wissenschaftlich gesagt: Wie sicher oder unsicher wir uns vor der Überraschung über unsere Vorhersagen sind."

Wichtig ist, wie Überraschungen aufgebaut werden

Bis zu dieser Erkenntnis war es ein langer Weg. Nachwuchswissenschaftler Vincent Cheung, Doktorand am Institut für Neuropsychologie des Max-Planck-Instituts in Leipzig, erzählt, dass das Team zuerst Songs nahm und Melodien, Texte und Rhythmen aus ihnen entfernte. Übrig blieben die Akkorde. Dann kam das erste Problem: "Wie definiert man einen erwarteten oder einen unerwarteten Akkord? Unsere Lösung war das sogenannte maschinelle Lernen, also ein Computer. Der hat sich 80.000 Akkorde angehört, aus insgesamt 745 Popsongs." Darunter waren Klassiker wie "Country Roads" von James Taylor und "Obladi oblada" von den Beatles, allesamt Songs aus US-Billboard-Charts.

Was der Computer im Grunde tut: Er kalkuliert für jeden Akkord die Wahrscheinlichkeit, auf die vorherigen Akkorde zu folgen.

Vincent Cheung Doktorand am Max-Planck-Institut Leipzig
Patient in einem Magnetresonanztomographen oder auch: Kernspintomographen
Magnetresonanztomograph oder auch Kernspintomograph Bildrechte: imago images / Westend61

Zum Beispiel: Wie wahrscheinlich ist es, dass auf C-Dur und F-Dur ein G-Dur folgt? Ist die Wahrscheinlichkeit hoch, wären die Zuhörer bei ihrer Vorhersage sehr sicher und dürften von einem tatsächlichen G-Dur kaum überrascht sein. So die Annahme. Um das zu überprüfen, wurden knapp 80 Testhörer eingeladen. Die Hälfte von ihnen musste sich in eine enge Röhre zwängen: in einen Kernspintomographen. So konnten die Forscher ihnen beim Hören ins Gehirn schauen und dabei ihre Unsicherheit und Überraschung beobachten. Die restlichen Probanden hatten es bequemer: Sie sollten die Akkordfolgen bloß hören und bewerten.

Stefan Kölsch
Neurowissenschaftler Stefan Kölsch Bildrechte: imago images / Eibner

Das Ergebnis fasst Stefan Kölsch so zusammen: "Einfach gesagt ist es so, dass wir herausgefunden haben, dass in einer Situation, wo man noch gar nicht weiß, wo es genau hingehen soll und was der nächste Akkord wahrscheinlich sein wird, das angenehm findet, wenn Akkorde nicht überraschen, sozusagen ganz regulär sind und ins Schema passen. Dann können wir lernen, dann können wir uns orientieren."

Das Forschungsergebnis könnte Komponisten helfen

In einer Situation jedoch, in der man sich sicher fühle, fände man es angenehm, wenn einen der Komponist an der Nase herumführt - mit einem überraschenden Akkord. Beide Kombinationen lösen bei uns Wohlbefinden aus.

Vincent Cheung erklärt weiter: "Musik hat natürlich viele Dimensionen. Neben der Harmonie gibt es die Melodie, den Rhythmus, und auch die Texte sind wichtig. Ich würde darum nicht sagen, dass wir das Rezept für einen Hit gefunden haben. Aber die Erkenntnisse könnten Komponisten helfen oder sogar Softwareentwicklern, wenn sie Algorithmen zum Songschreiben entwickeln, Computer-generierte Musik also. Damit sie menschlicher und angenehmer klingt."

Musik und Wissenschaft

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. November 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2019, 04:00 Uhr

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