Interview Warum uns Horrorfilme Hoffnung geben

Ekel, Angst und Abscheu sind Gefühle, die wir im Alltag eigentlich vermeiden wollen. Der Zuschauer von Horrorfilmen allerdings sucht die Konfrontation. Warum tut er das? Medienwissenschaftler Hans-Joachim von Gottberg erklärt, wieso uns Horrorfilme Hoffnung machen und zu weniger Aggression führen als Actionfilme.

MDR KULTUR: Ist "Der Goldene Handschuh" ein Horrorfilm? Oder eher ein äußerst brutaler Actionfilm?

Hans-Joachim von Gottberg: Schwer zu sagen, aber genau genommen kein Horrorfilm. Bei einem klassischen Horrorfilm wie  "Scream", "A Nightmare On Elm Street" oder "Freitag der 13."  geht es im Wesentlichen um die Opfer. Eine Gruppe von Jugendlichen läuft durch ein Tunnelsystem und ab und zu wird einer gekillt. Man weiß nicht genau von wem, oft hat er eine Maske auf, um den Zuschauer in Angst und Schrecken zu versetzen. Der Horrorfilm spielt im Wesentlichen mit der Angst des Publikums, der Täter bleibt blass. Er taucht kurz auf, aber wir wissen kaum etwas über seine Motive. Es geht um die Gruppe, die ständig in Angst lebt. Diese Angst überträgt sich auf uns. Ein österreichischer Psychologe und Filmspezialist hat gefragt: Sind Horrorfilme eher für Menschen mit Angstneurosen oder Aggressionsproblemen?

Und für wen sind sie?

Er hat angstneurotische Menschen untersucht, die Horrorfilme gucken, um herauszufinden, warum sie das tun. Einer der wesentlichen Gründe: Sie versuchen, ihre Angst zu konkretisieren. Das Dumme ist, wir haben alle Angst. Psychologen gehen davon aus, dass wir heute in einer verhältnismäßig angstarmen Gesellschaft leben. Es gibt wenig Anlässe, wir sind behütet, es ist keiner hinter uns her.

Wer von uns kennt jemanden, der ermordet wurde? Die meisten kennen – Gott sei Dank – keinen.

Hans-Joachim von Gottberg, Medienwissenschaftler

Trotzdem spielt die Angst eine Rolle, unabhängig davon, ob es dafür einen Grund gibt. Aus den Medien wissen wir, dass es jederzeit passieren kann. Wir leben in einer friedlichen Welt und in diese Vertrautheit kommt plötzlich das Grauen. Das ist das, was wir befürchten: Dass uns ständig irgendwas passieren kann. Wir wollen uns vorbereiten, dass wir damit klarkommen.

Ist es nicht auch die Lust am Grusel?

Drew Barrymore
Angstschrei in "Scream" Bildrechte: imago/Entertainment Pictures

Ja, aber woher kommt die? Die Lust am Gruseln besteht darin, dass wir in der Lage sind, uns auf einer virtuellen Ebene in eine komplette Angstsituation hinein zu manövrieren, die wir aber jederzeit kontrollieren können. Wenn wir wirklich in einer Situation wie bei "Scream" wären, in der uns ein grausamer Mörder verfolgt, dann hätten wir daran kein bisschen Lust. Doch wir können notfalls abschalten oder uns die Augen zuhalten. Und wir hoffen darauf, dass es ein Happy End geben wird. Dass der, an dem unser Herz hängt, durchkommen wird. Der macht das symbolisch für uns. Wir hoffen daraus zu lernen, dass wir totalen Schiss haben können, aber am Ende gut rauskommen. Dieses Hoffnungsprinzip übertragen wir auch auf unser Leben.

Verhindert der Ekel nicht auch die Ausschüttung im Belohnungszentrum?

Die Belohnung kommt, wenn wir es ausgehalten haben. Wenn wir wissen: Wir leben noch.

Wir machen das Licht an und alles ist, wie es vorher war.

Hans-Joachim von Gottberg, Medienwissenschaftler

Das Interessante ist, dass wir eine Szenerie erleben, wo wir alles tun würden, um sie im normalen Leben zu vermeiden. Das ist der Vorteil im Film. Die Evolutionspsychologen nennen das symbolische Repräsentation. Jürgen Grimm,  Kommunikationswissenschaftler aus Wien, hat das mal so ausgedrückt: Das wilde Tier des Horrorfilms sitzt im Käfig. Da ist genau der Punkt: Wir sehen da etwas, was gefährlich ist, aber wissen, im Grunde kann uns nichts passieren. Diese Interaktion macht gleichzeitig Angst und Lust, weil wir es aushalten können.

Hat der Horror und der Ekel auch Einfluss auf unser Verhalten? Es wird ja mitunter befürchtet, dass Horrorfilme Effekte auf unser Unterbewusstsein haben und Hemmungen abbauen.

Courteney Cox und Neve Campbell
Bei "Scream" stehen die Opfer im Fokus Bildrechte: imago/Entertainment Pictures

Beim Horrorfilm sicherlich nicht, da er opferorientiert ist. Dazu gibt es eine Reihe an Untersuchungen, von der Uni Mannheim zum Beispiel. Die haben erträgliche Gewalt untersucht und Gewalt, wie sie im Horrorfilm gezeigt wird, bei der Blut und Gehirn an die Wand spritzen. Und das Erstaunliche ist, dass bei der erträglichen Gewalt eher eine Aggressionssteigerung die Folge ist und bei der Hardcore-Gewalt eher eine Reduktion von Aggression. Man erklärt sich das so: Bei Horrorfilmen verarbeiten wir das in erster Linie empathisch, das heißt, wir stellen es uns vor und sagen: O Gott, das will ich auf keinen Fall erleben. Und wir merken, dass Aggression in eine solche Situation führen kann. Deshalb wollen wir das auf jeden Fall vermeiden und das senkt unser Aggressionslevel.

Dabei muss man den Horrorfilm vom Actionfilm unterscheiden: Beim Actionfilm haben wir etwas ganz anderes. Da identifizieren wir uns mit dem Helden. Der ist klassischerweise jemand, der Kriegsdienstverweigerer ist, Gewalt ablehnt oder das hinter sich gelassen hat. Dann passiert etwas ganz Furchtbares: Jemand bedroht massiv die Welt. Und er wird geholt, will eigentlich gar nicht und legt los, obwohl er Gewalt ablehnt. Dieser uns sympathische Mensch, der klug ist und kräftig, schafft es, das Böse zu besiegen. Der Held erschießt den Bösen mit einer ästhetischen Geste. Und wir sind als Zuschauer in einer Situation, in dem wir das Töten gut finden. Das ist kritisch, und wir würden im Jugendschutz sagen: Der Film ist erst ab 18.

Das Interview führte Ilka Hein für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial "Wieviel Horror verträgt der Film?! | 19. Februar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2019, 04:00 Uhr

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