Ein Plädoyer für das Vorlesen Was das Vorlesen mit uns macht

Vorlesen ist eine Kunst. Wer es gut macht, der erschafft im Kopf der Zuhörer phantastische Welten. Aber worin liegt das Besondere am Vorlesen? Und was macht gutes Vorlesen aus? MDR KULTUR-Literraturredakteurin Katrin Schumacher beschreibt, wie sie schon als Kind Freude daran fand, andere mit auf eine literarische Reise zu nehmen. Und sie verrät ihr Geheimnis, worauf es beim Vorlesen ankommt.

Katrin Schumacher
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei

Vorgelesen habe ich schon, als ich noch gar nicht lesen konnte. Mein kleiner Bruder und die anderen Kindergartenkinder waren meine Probanden, wenn ich ein Buch nahm und erfand, was drin stehen sollte. Vielleicht rangiert das unter Erzählen, aber für mich war es dezidiert vorlesen. In ein Buch gucken und dabei laut sprechen. Hat meine Mutter doch auch immer gemacht. Ich glaube, ein paar Kinder haben es mir sogar abgenommen.

Eine Bühne aus Worten erschaffen

Die Erfahrung von damals ist eine Grunderfahrung: Das Vorlesen braucht Publikum, und wenn die kleine Bühne aus Worten, auf die man sich da stellt, fein gezimmert ist, dann bleibt es auch. Bleibt hängen an den Worten und an den Szenen und Figuren. Vorlesen ist intensives Lesen, intendere, anspannen, sich anspannen, die Aufmerksamkeit auf etwas richten, mit Aufmerksamkeit belohnt werden. Ein Ringen um, ein Fesseln von, ein Spiel mit.

Für die Statik dieser Bühne gibt es ein paar Regeln, die ich in den vielen (dann doch meist in echt) vorlesend verbrachten Jahren nach dem Kindergarten gelernt habe. Vorlesen bedeutet zum Beispiel ganz wörtlich: Vor-Lesen. Denn während der eine Satz gesagt wird, muss das lesende Auge bereits beim nächsten sein, muss ausloten wer spricht, welche Tonlage die Figur haben kann, die man da grade zum Sprechen bringt.

Mit Phantasie zum Leben erwecken

Und jetzt kommt das Geheimnis, mit dem man jeden Text zum Leben erwecken kann: Das, was man vorliest, muss in dem Augenblick auch da sein. Man muss es im Moment des Vorlesens denken, muss mitten in der eigenen Phantasie stehen um es weiterzugeben. Das funktioniert mit dem "Herrn der Ringe" genauso wie mit dem Wetterbericht. Versprochen.

Dichtung ist Transport, Vorlesen ist chauffieren.

Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literraturredakteurin

Man selbst fährt durch einen Text und macht ihn zur Landschaft. Auf dass die Beifahrer aus dem Fenster schauen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 26. Januar 2018 | 08:20 Uhr

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