Thea Dorn, Steffen Mensching und Christoph Stölzl
Thea Dorn, Steffen Mensching und Christoph Stölzl debattierten im Theater Erfurt, das seine neue Spielzeit unter das Motto "Auf gut Deutsch?" gestellt hat. Bildrechte: IMAGO

Identitätsfrage Was ist deutsch?

Bratwurst, Bier und Kleingärtnerei? Über die Frage nach einer "deutschen Leitkultur" wird regelmäßig gestritten. Und angesichts von Globalisierung und Migrationsströmen wird es schwieriger, so etwas überhaupt zu definieren. Einen Versuch wagen die Autorin Thea Dorn und Theater-Intendant Steffen Mensching sowie der Präsident der Weimarer Musikhochschule, Christoph Stölzl.

Thea Dorn, Steffen Mensching und Christoph Stölzl
Thea Dorn, Steffen Mensching und Christoph Stölzl debattierten im Theater Erfurt, das seine neue Spielzeit unter das Motto "Auf gut Deutsch?" gestellt hat. Bildrechte: IMAGO

Das Schöne am Deutschen ist, findet zumindest die Philosophin Thea Dorn, dass es sich jeglicher Definition entziehe: "Ich würde behaupten, dass es wenige Kulturen gibt, die so vertrackt sind wie die Deutsche", sagte sie bei der Podiumsdiskussion "Auf Gut Deutsch" im Theater Erfurt. Aber gerade dieses Vertrackte sei Teil des großen Zaubers. Denn nur aus einer widersprüchlichen Seele entspringe Kreativität und Kunst.

Der typisch Deutsche als Waldmensch?

Dorn hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, was das Deutsche eigentlich auszeichnet: Gemeinsam mit dem Autoren Richard Wagner hat sie das Buch "Die deutsche Seele" verfasst und sich in enzyklopädischem Stil, anhand einer Begriffssammlung, der Antwort genähert. Darin finden sich Begriffe wie "Abendbrot", "Ordnungsgliebe", "Arbeitswut" und "Wanderlust".

Die Liebe zum Wald nämlich sei tief im Deutschen verankert, ist die Philosophin überzeugt: Tief im Inneren sei es ein Problem für den Deutschen, nicht mehr im Wald zu leben. Die starke grüne Bewegung hierzulande sei ein Anzeichen dafür: "Auch der Kindergarten ist nur eine weitere Variation auf die deutsche Liebe zur Natur. Denn ursprünglich war der Kindergarten tatsächlich ein Garten – da sollten die Kinder das Gärtnern lernen, weil man sich Sorgen machte, dass eine zu große Entfremdung von der Natur stattfindet. Die gesamte Romantik war natürlich ein einziger Versuch, wieder hinaus ins Grüne zu gehen. Dazu gehört auch die märchenhafte Mystifizierung des Waldes."

Thea Dorn
Philosophin und Autorin Thea Dorn Bildrechte: dpa

Ein auffälliger Zug am Deutschen ist: Einerseits die höchst romantische Verklärung von Dingen und gleichzeitig ein unglaublich pragmatischer, lösungsorientierter, unsentimentaler Zugriff - einerseits schreibt man Dichtungen über den Rhein und gleichzeitig nimmt man eine Rheinkorrektur vor.

Thea Dorn, Autorin

Stirbt mit dem Bildungsbürgertum das Deutsche?

Mit dem Bildungsbürgertum sterbe ein wichtiger Bestandteil des typisch Deutschen, findet Thea Dorn. Der Kanon aus Liedern von Wagner oder Gedichten von Goethe wurde durch das Band des Bildungsbürgertums lange Zeit aufrechterhalten: "Heute ist es ein Skandal, wenn ich sage, Schumann ist mir näher als ein anatolisches Volkslied. … Ich glaube auch, dass es für eine deutsche Kulturarbeit richtiger ist, nach wie vor erst mal auf den Schumann zu setzen. […] Wenn es irgendwann so weit ist, dass 30 bis 40 Prozent der Deutschen Wurzeln in der Türkei haben, dann wird die Mischung eines deutsch-anatolischen Volksliedes ein wunderbarer Bestandteil sein."

Per politischem Dekret zu sagen, ab heute gehört das alles auch zur deutschen Kultur, kommt mir aberwitzig vor. Da muss man die Geschichte ihren Gang gehen lassen.

Thea Dorn, Autorin

Mehr Schwierigkeiten, sich deutsch zu fühlen, hat der Schriftsteller und Intendant des Theaters Rudolstadt, Steffen Mensching. Dafür verantwortlich macht er auch seine Sozialisation in der DDR: "Ich komme aus einer Republik, in der das 'deutsch' nicht so wichtig war. Uns wurde als Kindern eingetrichtert, wir kommen aus der DDR und nicht aus Deutschland. Das hatte Folgen in unserem Deutschlandbild, glaube ich."

Ist der Kern des Deutschen die Sprache?

Steffen Mensching, 2003
Schriftsteller und Regisseur Steffen Mensching Bildrechte: dpa

Es gibt bestimmte Grundregeln, wenn man in ein fremdes Land kommt, die da heißen, dass man 'Guten Tag', 'Bitte' und 'Danke' sagen kann. Das ist eine Geste, dass man sich irgendwie bereit erklärt, mit denjenigen, die dort leben, in ein Gespräch zu kommen. Das kann man, glaube ich, abverlangen.

Steffen Mensching, Schriftsteller, Regisseur und Intendant

Tatsächlich scheint sich die sogenannte "verspätete" Nation Deutschland schwer mit der eigenen Identität zu tun – wo es doch lange aus lose aneinandergefügten Fürstentümern bestand, zersplittert in viele Deutschländer. Inselstaaten wie Großbritannien hätten sich darum schon immer leichter damit getan, sich von den anderen abzugrenzen. Anders als Deutschland, das mitten im Kontinent lag, ein Durchgangsland zwischen Nord und Süd, Ost und West.

Aber auch das sei eine Besonderheit Deutschlands, so Mensching: "Diese Potenz, Leute zu integrieren. […] Kleine Städte funktionieren, wo ein Dialog vorhanden ist und sterben ab, wenn er nicht mehr geführt wird." Für ihn ist darum die Sprache das Unumstößliche, der Kern der deutschen Kultur – und sie könne auch von jedem abverlangt werden, der neu ins Land kommt.

Heißt "Leitkultur" wirklich, dass andere ausgeschlossen werden?

Christoph Stölzl
Christoph Stölzl, Präsident der Weimarer Musikhochschule Bildrechte: dpa

Typisch deutsch ist aus Sicht des Präsidenten der Weimarer Musikhochschule Franz Liszt, Christoph Stölzl, auch die Weltläufigkeit der Deutschen: Sie reisen und erkunden gern, schauen amerikanische Serien, lesen französische Romane. Gleichzeitig fragt er, ob es andere tatsächlich ausschließe, wenn man einen Kanon deutscher Musik und Literatur verbindlich machte - "Oder schließt es nicht alle ein? Weil sie sich dann besser untereinander verständigen können und die neu Ankommenden das, was sie mitgebracht haben wiederum bei uns verbreiten können?"

Informationen zur Sendung: MDR KULTUR-Werkstatt | MDR KULTUR - Das Radio | 09.01.2018, 22:00 Uhr
Die Podiumsdiskussion fand im Rahmen der Erfurter Herbstlese am 12. November des vergangenen Jahres statt.

Zuletzt aktualisiert: 09. Januar 2018, 08:44 Uhr