Abgeordnete debattieren im Plenum des Bundestages
Populismus findet sich bei den im Bundestag vertretenen Parteien in unterschiedlicher Ausprägung. Bildrechte: dpa

Gesellschaft Populisten: ein soziales Korrektiv?

Sind Populisten immer nur böse, immer nur schlecht? Sie haben sehr wohl gesellschaftlichen Nutzen, sagt der Anthropologe Chris Hann vom Max-Planck-Institut Halle. Durch sie stießen manche Demokraten auf ihre Defizite. Wie meint er das? Eine Betrachtung dazu von MDR KULTUR-Politikredakteur Bernd Schekauski.

Abgeordnete debattieren im Plenum des Bundestages
Populismus findet sich bei den im Bundestag vertretenen Parteien in unterschiedlicher Ausprägung. Bildrechte: dpa

Die einen euroskeptisch, die anderen gar europhob: Ungarn, Polen, Tschechien, Slowakei - gleich mehrere mittel- und osteuropäische Staaten stehen im Dauerverdacht, nicht unbedingt beste Demokratien zu sein. Als sich etwa der Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine kürzlich mit dem Verhältnis von Populismus und Demokratie beschäftigt, dienen ihm ausdrücklich die Mittel- und Osteuropäer als Beispiel.

Demonstranten mit T-shirt mit der Aufschrift "Klagt nicht Kämpft".
Populismus setzt auf einfache Antworten Bildrechte: IMAGO

Welche Eigenschaften haben regierende Populisten dort demnach an sich? Voßkuhle spricht etwa von "Zersetzung demokratischer Institutionen",  und von "Ächtung oppositionellen Verhaltens" - und kommt u. a. zu dem Schluss: "Der populistische Staat wird mit der Begründung autoritär, nur so könne der wahre Wille des Volkes vollstreckt werden. Diese beunruhigende Entwicklung lässt sich nicht nur im fernen Venezuela, sondern auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, in Ungarn und Polen beobachten."

Können Populisten nützlich sein?

Die Analyse des Verfassungsrichters stößt dem Briten Chris Hann nun heftig auf. Der Chef-Anthropologe der Max-Planck-Gesellschaft Halle ist ein Spezialist für den Karpaten-Raum. Feldforschungen führen in immer wieder dorthin, vor allem in einige der ärmsten Teile Ungarns. Ungarn weiche also von demokratischen Grundwerten ab, wie der Verfassungsrichter meint?

Nigel Farage
Nigel Farage von der United Kingdom Independence Party (UKIP) hat so lange populistisch für den EU-Austritt Großbritanniens gekämpft, bis er per Volksabstimmung beschlossen wurde. Bildrechte: dpa

Hann, schreibt eine polemische Replik, die ebenfalls in der FAZ erscheint. Der aufsehenerregende Titel: "Warum Populisten von Nutzen sind." Populisten von Nutzen? Von welchen Populisten sprechen wir da eigentlich? Auf Nachfrage meint Hann dazu: "Ja, ich finde, wenn wir diese sogenannten 'Populisten' nicht in unserem Parlament hätten, so wie das in Deutschland der Fall ist, dann gibt’s tatsächlich eine größere Gefahr, dass unsere Demokratie in Schwierigkeiten gerät. Vergleichen wir Großbritannien. Da hat UKIP (United Kingdom Independence Party) mit einem ähnlichen Profil zur AfD ungefähr 50 Prozent der Stimmen der Wahl von 2015 erhalten - aber keine Sitze. Ich bin überzeugt, wenn UKIP im Parlament vertreten gewesen wäre, dann wäre es nicht zu dieser Tragödie vom Brexit gekommen."

Hann stellt außerdem fest: Wen der eine als Populist ausmacht, den erkennt der andere als geschätzten Verfechter seiner Interessen. Populist - das kann mal Kampfbegriff sein, mal ein denunzierter Linker oder Konservativer, mal ein ausgemacht übler Typ, der schließlich sogar verbrecherischen Despoten das Terrain bereitet.

Gelegentlich, so schreibt es Hann in seinem besagten Aufsatz, hätten Populisten historisch aber auch eine durchaus progressive Rolle gespielt. Hann bemerkt: "In der neueren Geschichte lassen sich ohne weiteres zahlreiche Fälle belegen, in denen selbst ernannte Populisten wesentlich zu emanzipatorischen Bewegungen beigetragen haben, um beispielsweise aristokratische Machthaber im Namen der Demokratie und verknüpft mit dem Nationalstaatsanspruch infrage zu stellen"

Populismus in Ungarn

So seien etwa Populisten im Ungarn der Zwischenkriegszeit des vergangenen Jahrhunderts gegen die damaligen halbfeudalen Machtstrukturen vorgegangen. Allerdings sehr unterschiedlich. Ein Teil von ihnen etwa voller Bewunderung für den Kommunismus, der Jahrzehnte später aufgegangen sei, wie Hann schreibt, in den Machtstrukturen des ungarischen Sozialismus.

Heute nun erblühe der Populismus in Ungarn erneut. Und wieder sei dieser Populismus alles andere als einheitlich - (ganz anders allerdings als von Kritikern in Deutschland oft wahrgenommen).

Ob Viktor Orbáns Regierungspartei Fidesz oder die radikalen Rechtsnationalisten von der Jobbik, es sind Populisten verschiedener Couleur, die im politischen Wettbewerb seit Jahren im Land erfolgreich sind. Aber warum? Nicht etwa, weil die Ungarn leichter verführbar wären als andere Europäer. Sondern, so Hann, weil jene Politiker, die sich in Ungarn - und über Ungarn hinaus - als Demokraten verstehen, den Populisten in wichtigen Fragen schlichtweg das Terrain überließen. "Was ist aus den Versprechen, ein soziales Europa zu kreieren, von Jacques Delors damals? Was wir heute in Brüssel und Straßburg haben, finde ich nicht legitim. Vielleicht auch in Frankfurt. Wo die Banken so viel Macht haben, da haben wir Probleme. Diese Institutionen sind für die Ungleichheit auf unserem Kontinent verantwortlich. Daran müssen wir was ändern."

Populisten entlarven Bekenntnisse in Sonntagsreden

Warum also könnten Populisten von Nutzen sein? Weil sie liberalen Kräften manch unangenehmen Wahrheit aufs Butterbrot schmieren? Weil sie sie etwa darauf stoßen, dass Bekenntnisse zu Europa, zu Toleranz und lebendiger Vielfalt, zu Gerechtigkeit und Fortschritt oft eben nichts weiter sind als das: Bekenntnisse in schönen Sonntagsreden?

Flüchtlinge gehen hinter einem Fahrzeug der Bundespolizei.
Die Flüchtlingssituation wird nicht nur in Deutschland populistisch ausgewertet. Bildrechte: dpa

Hann: "Man hört jeden Abend im Fernsehen: Kein Migrant klaut den Job eines Deutschen. Ja, das klingt schön, dieses Versprechen. Aber ich meine, als Wirtschaftsethnologe, es gibt doch Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, in gewissen Segmenten. Und die Lebenschancen, die Mobilität eines unteren Teils der einheimischen Bevölkerung, das wird doch beeinflusst von all dem, was jetzt passiert. Und ich halte es für keinen Zufall, dass die Arbeitgeberverbände sehr dafür sind, dass die Migranten kommen. Man muss sie möglichst schnell integrieren, auch Arbeitskräfte, weil das natürlich Einfluss auf die Löhne in diesem Land hat. Dass diese Dimension von den traditionell Linksparteien vernachlässigt wird, halte ich für Schade."

Keine Gebrauchsanweisung für den Populismus

Nein, natürlich geht es Hann nicht etwa darum, ein Loblied zu singen auf Populisten, Demagogen, gar Despoten - er will vielmehr aufmerksam machen auf die Motive von Menschen, populistischen Verheißungen zu folgen. Als Problem sieht er vor allem: Unterlassungssünden etablierter Politakteure, in deren Folge manche Teile der Gesellschaft sich nicht mehr wahrgenommen, gar an den Rand gedrängt fühlen.

Was Politakteure zu Populisten macht und welche begriffstheoretische Kästen da in welcher Debatte genau zu ziehen wären - das bleibt unscharf bei Hann. Ihm scheint es zu reichen, wenn er vermitteln kann: es gibt gute Gründe, warum sich Populisten zunehmender Popularität erfreuen.

Und diese Gründe liegen aus der Sicht Hanns am wenigsten bei den Populisten selbst. Er verweist lieber - und doch wieder nur vage - auf eine "ineffiziente und mangelhaft legitimierte EU", und noch allgemeiner auf "extreme Funktionsstörungen der gegenwärtigen Weltwirtschaft".

Wie Populisten da von Nutzen sind? Im besten Fall, so suggeriert der britische Anthropologe aus Halle, als soziales Korrektiv. Wer in so einem Gedanken nun schon aber gleich den Anfang sieht zu einer Gebrauchsanweisung für Populismus, der dürfte ordentlich daneben liegen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 11. Januar 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2018, 11:10 Uhr

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