SUCHO-Projekt Ukraine-Krieg: Wie eine Weimarer Forscherin Kulturschätze vor Hackern rettet

Der Krieg in der Ukraine bedroht zunehmend Kulturschätze von Museen, Archiven und anderen Kultureinrichtungen, auch im virtuellen Raum. Das SUCHO-Projekt, kurz für "Saving Ukrainian Cultural Heritage Online", will das digitale Kulturerbe der Ukraine vor Hackern schützen und rettet Daten wie historische Stadtpläne oder Schnittmuster ukrainischer Trachten vor dem Verlust. Weltweit helfen 1.300 Freiwillige im Netz – eine von ihnen ist die Weimarer Kunsthistorikerin Franziska Klemstein.

Am Anfang war da ein erdrückendes Gefühl der Ohnmacht. Am 24. Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine, und Franziska Klemstein fühlte sich völlig hilflos: "Ich hatte schnell das Gefühl, ich muss irgendwas machen und meine Expertise im Bereich der Kultur, der Denkmalpflege und im Digitalen positiv dafür einsetzen."

Klemstein ist promovierte Kunsthistorikerin und arbeitet an der Bauhaus Universität in Weimar im Bereich Digital Humanities, an der Schnittstelle zwischen Informatik und Geisteswissenschaften. Nach einer kurzen Recherche stieß sie Ende Februar auf das frisch gegründete SUCHO-Projekt – eine Art digitale Rettungsaktion für das virtuelle ukrainische Kulturerbe, bei dem jede und jeder vom eigenen Laptop aus mitmachen kann.

Rettungsaktion für das virtuelle ukrainische Kulturerbe

Schnell war Franziska Klemstein an Bord. Sie half, Sicherungskopien von ukrainischen Websites anzufertigen, um den möglichen Verlust von Daten aus Museen, Archiven und anderen Kultureinrichtungen zu verhindern, vom 3D-Scan einer besonderen Vase, über historische Stadtpläne bis hin zu Schnittmustern ukrainischer Trachten: "Wir haben dann relativ schnell gemerkt, dass Server in der Ukraine nicht nur ausfallen, weil der Strom weg ist oder weil eine Bombe auf ein Rechenzentrum gefallen ist. Sondern, dass da tatsächlich Hacker am Werk sind", so Klemstein. Informationen auf Websites seien gefälscht worden, so dass diese auf einmal komplett andere Informationen enthalten hätten als zuvor.

Grafik mit Schriftzug "Saving Ukrainian Cultural Heritage Online"
Die Initiative "SUCHO" versucht, Digitalisate sowie Museumswebsites, 3D-Kunstprojekte und andere digitale Kulturschätze der Ukraine zu retten. Bildrechte: Vlad Kholodnyi

So fand sich ein riesiges Team zusammen, um auf diese Art von Cyberkrieg zu reagieren. Mit Laien und Profis, vor allem aus dem Kulturbereich und aus allen Teilen der Welt. Alles organisiert über einen Instant-Messaging-Dienst und über Videokonferenzen. Franziska Klemstein verbrachte zunächst viel Zeit damit, ukrainische Baudenkmäler mit Geo-Daten bei der Plattform Wikidata einzuspeisen, um sie so auf digitalen Karten auffindbar zu machen. Eine Arbeit, bei der dann aber die Zweifel wuchsen: "Ich dachte, Moment, wenn ich dieses Denkmal jetzt hier verlinke und sichtbar mache – dann ist doch die Gefahr noch größer, dass es zerstört wird. Und damit konnte ich nur schwer umgehen."

Cyberkrieg auf Daten ukrainischer Museen, Archive und Kultureinrichtungen

Klemstein wandte sich an die UNESCO-Organisation Blue Shield, die sich dem Schutz von Kulturgut verschrieben hat. Eine konkrete Einschätzung zu ihrem Problem erhielt Klemstein von Blue Shield nicht – dafür aber die Einladung, mitzuarbeiten. Das tut sie nun, und setzt ihre digitale Rettungsarbeit dort eher im Verborgenen fort. Für das SUCHO-Projekt ist sie weiterhin aktiv, allerdings nicht mehr 20 Stunden die Woche wie noch Anfang März. Insgesamt sei es eine tolle Erfahrung gewesen, wie Menschen aus aller Welt dieses Projekt so kurzfristig auf die Beine gestellt hätten, bilanziert die Kunsthistorikerin.

Trotz diverser Cyber-Attacken haben Klemstein und die anderen Freiwilligen des Sucho-Projekts mittlerweile mehr als 40TeraByte an Daten gesichert, aus rund 4.500 ukrainischen Kultureinrichtungen. Fertig sind sie noch lange nicht – der Krieg geht weiter.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Mai 2022 | 07:45 Uhr

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