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Bei Klassik Stiftung WeimarClaudia Roth hält Kultur-Grundsatzrede bei Klassik Stiftung Weimar

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR Landeskorrespondentin Thüringen

Stand: 20. März 2022, 13:40 Uhr

Eine Grundsatzrede zur Kulturpolitik wurde schon länger von Claudia Roth erwartet. Nun hat die Kulturstaatsministerin sie in Weimar gehalten. Darin fand sie deutliche Bezüge zum Krieg gegen die Ukraine, hob die wichtige Rolle der Kultur zum Verständnis der Menschen hervor und wandte sich gegen eine grundsätzliche Ausgrenzung russischer Künstlerinnen und Künstlern. Für ihre Rede war Roth zu Gast bei der Klassik Stiftung Weimar, Deutschlands zweitgrößter Kulturstiftung, deren Stiftungsrat sie künftig auch als stellvertretende Vorsitzende angehören wird.

Schon lange war Claudia Roths Grundsatzrede zur künftigen Kulturpolitik geplant. Das Thema indes hat sich vor kurzem geändert, denn sie könne den Krieg in der Ukraine nicht ignorieren, so Roth, auch um gegen ein Gefühl der Hilflosigkeit vor dieser eklatanten Verletzung des Rechts anzugehen. "Wir dürfen uns der eigenen Ohnmacht nicht ergeben. Wir müssen alles, was in unserer Macht steht, und was unsere Vernunft uns gebietet, tun, um den Ukrainerinnen und Ukrainern zu helfen, das Morden und das Zerstören zu beenden", bekräftigt sie.

Die Kräfte der Kultur angesichts des Unrechts

Was kann also die Kultur tun in solch einer Situation? Welche Macht, welche Kraft liegt ihr inne? Roth sagt, man müsse Kultur als einen Raum begreifen, in dem man über Grenzen hinweg sprechen könne – über die Fragen und Widersprüche von Gegenwart und Vergangenheit. Und niemand solle bei diesem Diskurs ausgeschlossen werden, betont die Kulturstaatsministerin.

Vehement wendet sie sich gegen kulturelle Ausgrenzung: "Dass wir uns für verfolgte Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine, aus Belarus, aus Russland einsetzen werden, will ich hier noch einmal versichern. Was ich aber in Deutschland nicht erleben will, ist, dass Schriftsteller und Schriftsstellerinnen nicht mehr verlegt, oder dass Komponistinnen und Komponisten vom Spielplan genommen werden, weil es russische Schrifststellerinnen und Schriftsteller, weil es russische Komponistinnen und Komponisten sind."

Sie werde ihren Tschechow weiter lesen, ihren Tschaikowski weiter hören, so Roth in Weimar. Es mache sie betroffen, dass Dostojewski aus den Schaufenstern mancher Buchläden entfernt werde.

Es kommt also auf uns an! Wer für die Kultur spricht, wird sich gegen jede Form ihrer nationalen oder ideologischen Vereinnahmung zur Wehr setzen.

Claudia Roth, Kulturstaatsministerin

Mit diesen Worten trifft Claudia Roth in Weimar auf viel Zustimmung.

Wissenschaft und Kultur können für Versöhnung sorgen

Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung, hat sich in den vergangenen Tagen bemüht, früheren ukrainischen Gast-Forscherinnen und -Forschern Stipendien und Unterkünfte zu besorgen. Gleichzeitig macht sie sich stark dafür, die akademischen Verbindungen nach Russland aufrecht zu erhalten: "Der Kultur- und Wissenschaftsaustausch mit allen muss erhalten bleiben. Kritische Wissenschaft in repressiven Systemen ist auf Unterstützung angewiesen. Der Abbruch von Beziehungen wird von unseren Partnern als Albtraum empfunden. Die friedenstiftende Kunst, die brückenbauende Macht von Wissenschaft und Kultur sind das einzig Verlässliche, Vertrauensbildende, wenn nicht gar für Versöhnung sorgende für eine Epoche nach dieser Katastrophe in Europa."

Ulrike Lorenz ist seit August 2019 Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Die Geschichte mahnt uns

Die Vereinnahmung von Kultur und Kunst für menschenfeindliche politische Ziele dürfe nie wieder geschehen, betont Ulrike Lorenz, auch mit Verweis auf die Geschichte Weimars. In der Klassikerstadt hat man immer wieder bittere Erfahrungen damit gemacht, ganz besonders zur Zeit des Nationalsozialismus, als Goethe und Schiller gehegt und gepflegt wurden, in die rassistische und antisemitische Ideologie der Nazis eingebettet wurden – und am Stadtrand mit Buchenwald eines der größten Konzentrationslager des Deutschen Reichs entstand.

Claudia Roth bei ihrem Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald im Dezember 2021 Bildrechte: dpa

Auch in Weimar begegnen wir noch einer Erinnerungskultur, die statt auf kritischer Reflexion auf Identifiktion und Emotionalisierung und im Digitalen auf Fiktionalisierung setzt. Das wollen wir beenden.

Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar

Das Gute wird sich durchsetzen

Auch die Kulturstaatsministerin plädiert an diesem Abend für das Hinterfragen alter Gewissheiten. Wenn Weimar ein kultureller Kommunikationsort für alle Fragen bleiben solle, so Roth, dann sei die Vorstellung, das kulturelle Erbe in Kunstharz zu gießen, um es zu konservieren, obsolet. Sie erläutert: "Ich meine damit, dass wir auch allem, was noch unbekannt ist, allem, was noch nicht dem Kanon entspricht, und was zum Widerspruch reizt, Raum geben sollen. Ich glaube, wir können darauf vertrauen, dass alles, was gut ist und produktiv und seiner Zeit voraus, sich durchsetzt. Und – ob wir es wollen oder nicht – in Weimar am Ende zum Klassiker wird."

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 21. März 2022 | 07:10 Uhr