Uraufführung beim Kunstfest Weimar Globalisierung und Spaßgesellschaft – Theresia Walsers "Endlose Aussicht"

In "Endlose Aussicht" erzählt die renommierte Dramatikerin Theresia Walser von einer Kreuzfahrt am Rande der Verzweiflung. Die Protagonistin Jona ist in ihrer Kabine eingesperrt und beobachtet das übermäßige Buffettangebot und den überheblichen Blick vom Kreuzer auf die Welt. Der Untertitel "Ferien auf dem Seuchendampfer" erinnert an die Situation vieler Schiffe im April. Die Autorin hat zusammen mit der Schauspielerin Judith Rosmair ihren Monolog beim Kunstfest Weimar zur Uraufführung gebracht.

Judith Rosmair auf der Bühne beim Kunstfest Weimar.
Judith Rosmair als Jona in "Endlose Aussicht" Bildrechte: Thomas Müller

Es ist kein Corona-Stück. Der Untertitel lautet stattdessen "Ferien auf einem Seuchendampfer": Corona – oder die Seuche – ist allerdings Anlass für eine Art von Stillstand, in dem wir unser Leben neu durchdenken – vergegenwärtigen, wie es so schön heißt. Alltag, Sinn des Lebens, soziale Ordnung, Herkunft und Geschichte –  aufgrund der Seuche, die uns isoliert, kommen wir uns selbst neu nahe.

"Lockdown in der Kabine

Es gibt also keine Handlung im klassischen Sinn. Der erste Satz in Theresia Walsers Monolog ist zugleich der letzte: "Es hat gut angefangen." Damit erinnert der Text an berühmte Vorbilder wie dem Klassiker der Weltliteratur "Glückliche Tage" von Samuel Beckett. Das Drama von 1960 erzählt von Winnie, die absolut unglücklich ist. Sie spricht im Futur 2: "Das wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein." Es ein Festhalten am Status quo. Was links und rechts ist, wird nicht wahrgenommen. Auch in "Endlose Aussicht" spricht eine Frau. Sie heißt Jona und sitzt in ihrer zehn Quadratmeter großen Innenkabine, in einem Raum ohne Fenster. Was draußen ist oder welche Tageszeit herrscht, weiß sie nicht mehr, wenn sie vor ihrem Frühstücksei sitzt mit einer Flasche Weißwein, den man eher am Abend trinken würde. Ein Draußen gibt es am Tag nur für 30 Minuten: Luftschnappen auf dem Sonnendeck. Ansonsten nur Geräusche in den Kabinen nebenan, beispielsweise das Stöhnen beim Sex, die Ankerkette oder das Brummen der Schiffsmotoren. Es ist auf jeden Fall eine klaustrophobische Situation. "Lockdown in der Kabine" oder "Ein auf dem Meer schipperndes Tschernobyl!", so beschreibt es Jona.

Judith Rosmair auf der Bühne beim Kunstfest Weimar.
Bildrechte: Thomas Müller

Jona erinnert natürlich auch an den Propheten im Walfischbauch aus der Bibel. Was will sie uns also vorhersagen oder verkündigen? – das ist die Frage. Jona ist alleine auf dem Kreuzfahrtschiff unterwegs. Aber sie hat eine Großpackung Kondome dabei. Ihr Alter dürfte zwischen Ende 40 und Anfang 50 liegen, denn Vater und Mutter, die kurz angesprochen werden, sind alt und pflegebedürftig. Kinder, Jonas Kinder, tauchen nicht auf. Jona ist eine Alleinstehende, eine Alleingelassene auf Reisen, die mit dem Nachtportier wohl eine Nacht verbracht hat. Sie sieht die Kreuzfahrt als Möglichkeit, um irgendetwas nachzuholen, etwas zu finden. Wobei sie Kreuzfahrten auch hasst: Ein Buffet folgt auf das nächste – Essen und Kotzen – Jona wird Expertin. Sie weiß, dass nur Chicken Curry vorher so aussieht wie nachher. Jona spricht von "Photoshop-Stränden" und "Photoshop-Gewässern" in einem Karibikkatalog. Nur die Reisenden wurden in diesem Fall nicht bearbeitet. Sie seien vom "Photoschopschöpfer" vergessen worden. Sie sitzen nun mit ihrem "Gorgonzola-Hintern" herum und blicken in eine Weite, für die sie nicht gemacht sind, "für diese endlose Aussicht".

Immer der richtige Ton

Der Monolog wird von Judith Rosmair gespielt, die aus Bayern stammt und inzwischen in Berlin lebt. Sie hat an den großen Theatern gearbeitet, mit Lars Eidinger im "Hamlet" an der Schaubühne gespielt (in gleich zwei Rollen: Gertrud und Ophelia, also Mutter und Geliebte) und auch Fernsehen gemacht. Hier führt sie nun auch Regie, inszeniert sich also selbst. Dass gelingt ihr klug und angemessen. Sie unterlässt die große Geste, widersteht dem Versuch, die ganz Bühne zu bespielen und eine Regieidee auf die andere zu setzen. Sie konzentriert sich auf ein einziges Mittel: eine Kamera mit Weitwinkeloptik, die vor ihr steht und in die sie hineinspielt, manchmal fast hineinkriecht. Die Kamera ist ihr Bühnenpartner, dem sie sich mitteilt, eine Vertraute, vielleicht auch eine Komplizin.

Judith Rosmair auf der Bühne beim Kunstfest Weimar.
Bildrechte: Thomas Müller

Judith Rosmair trifft dabei immer den richtigen Ton. Einerseits findet sie eine Naivität für ihre Figur, so eine aufgehübschte Gutlaunigkeit trotz allem. Dann ist da aber auch wieder eine Traurigkeit, eine Tiefe und Schärfe in der Analyse: Winkende alte weißen Männer – und Frauen –, die aus Europa kommen, über die Meere reisen und immer nur hinein winken in die Dritte Welt, aus der uns die Ausbeuteten mit Steinen bewerfen.

Wo immer wir hinkommen, winken wir. Wir winken auch dann, wenn keiner zurückwinkt. Wir können nicht anders. Wir winken dem brennenden Autoreifen am Ufer, wir winken den Horden, die sich hinter Müllmauern ducken, um uns mit Steinen zu bewerfen. Wo immer wir winken, winken wir unser Schicksal weg, winken, bis uns die Hände abfallen. Wir winken auch ohne Hände weiter. Winken uns die Knochen aus dem Leib. Lass dir sagen, lieber Ufermensch, vom Winkenden geht keine Gefahr aus. Unser Winken ist über alle Katastrophen erhaben! Früher haben wir auf euch geschossen, heute winken wir.

aus: "Endlose Aussicht" von Theresia Walser

Die Welt als Geisterschiff

Judith Rosmair auf der Bühne beim Kunstfest Weimar.
Bildrechte: Thomas Müller

Theresia Walser hat einen Text geschrieben, der auf der Bühne sehr gut funktioniert. Der die Balance findet und das Widersprüchliche einer Kreuzfahrt als Groteske herausarbeitet. Das Bühnenbild wird zwangsläufig zur Nebensache: Corona-bedingt wird Open Air gespielt und zwar auf dem Hof der Alten Feuerwache in Weimar: einem leerstehenden, räudigen Gelände, das zum Wohnquartier umgebaut werden soll. Die Realität der bröckelnden Fassaden, der abstandskonformen Sonnenregenschirminseln fürs Publikum, das gestern im Regen ausharren musste, wird übermächtig. Es ist also eine kluge Entscheidung, wenn man hier nichts naturalistisch aufbaut oder illustriert: Es gibt kein Schiff und keine Kabine. Im Grunde sitzt Jona vor einer Brandmauer in einer Hausnische. Das Ei und die Weißweinflasche sind die einzigen Requisiten. Sie selber trägt einen weißen Männer-Pyjama, darüber einen giftgrünen Bademantel und ein rotes Handtuch als Turban. Dazu gibt es ein paar Videosequenzen von Theo Eshetu, wie als kurze Ruhepausen zwischendurch, die mit Musik untermalt sind: Bachs "Wohltemperiertes Klavier", das Blumenduett aus Léo Delibes' "Lakmé". Im Video sieht man dazu Tiefseebewohner, meist Tintenfische, die dahingleiten. UFOs, unbekannte Flug oder Tauch Objekte – es sind Bilder, die Raum für Poesie und Weltschmerz schaffen und nicht weiter stören.

Am Ende ist der Theaterabend eine Nahaufnahme von uns selbst: Europa am Rande einer globalisierten Welt, in der wir die alten Helden noch zu Tode pflegen, während wir schon wissen, das nach uns eigentlich nichts mehr kommt: Ein werdendes Geisterschiff und Spaß dabei. Das ist auch die Antwort, die der Prophet für uns parat hält.

Mehr Informationen Theresia Walser: "Endlose Aussicht"
Gespiele und inszeniert von Judith Rosmair
Vorstellungstermine: 9. September, 11. September, jeweils 20.30 Uhr

Alte Feuerwache Weimar
Erfurter Straße 37
99423 Weimar

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. September 2020 | 13:10 Uhr