Die Schauspieler Lisa Wagner (l-r), Florian Lukas und Jördis Triebel
Schauspieler Florian Lukas mit seinen Kolleginnen Lisa Wagner (links) und Jördis Triebel. Bildrechte: dpa

Start der vierten Staffel "Weissensee" Florian Lukas: "Wenn man das Heute verstehen will, muss man in die 90er-Jahre schauen"

Die Schauspieler Lisa Wagner (l-r), Florian Lukas und Jördis Triebel
Schauspieler Florian Lukas mit seinen Kolleginnen Lisa Wagner (links) und Jördis Triebel. Bildrechte: dpa

Eine Familiensaga als emotionale Fläche, um DDR-Geschichte zu erzählen: Die ARD-Serie "Weissensee" startete in ihrer ersten Staffel in den achtziger Jahren und ist nun, in ihrer neuen vierten Staffel, in den Neunzigern angelangt.

Im Mittelpunkt steht die Familie Kupfer, die zur Machtelite gehört und durch biografische Brüche, Herkunft und Entscheidungen facettenreicher nicht sein könnte. Hans Kupfer, Stasioffizier mit moralischem Kompass und verbotener Leidenschaft zur regimekritischen Sängerin Dunja Hausmann. Sohn Falk, ebenfalls bei der Stasi, ist ein Hardliner, der viel  Schuld auf sich lädt und das Glück seines Bruders Martin zerstört. Der wiederum entfernt sich nach der Inhaftierung seiner Frau von Staat, Partei und seiner Familie.

Der Start der vierten Staffel am Dienstag bedeutet auch, dass die Macher nicht nach dem  Fall der Mauer, dem Sturz des SED-Regimes und der Stasi aufhören wollten. Wie geht es mit dem Schicksal der Familie Kupfer weiter und was bedeutet es, die Hauptfigur des Martin Kupfer über einen so langen Zeitraum hinweg zu spielen? Darüber hat Claudia Bleibaum für MDR KULTUR mit Schauspieler Florian Lukas gesprochen.

MDR KULTUR: Herr Lukas, wie geht es Ihrer Figur in Staffel 4?

Florian Lukas: Naja, es ist nicht einfacher geworden oder wie Martin Kupfer sagen würde: "Ich dachte, als die Mauer gefallen ist, würde mein Leben viel einfacher werden". Aber das Gegenteil ist der Fall. Das haben, glaube ich, viele Leute erfahren, dass das dann doch ganz schön anstrengend wurde, so anstrengend, dass man es kaum bewältigen konnte.

Martin Kupfer geht es ähnlich, er hat ja inzwischen auch immer mal wieder gesundheitliche Probleme und Probleme mit seiner Familie, mit den beiden Töchtern. Das ist ja auch schon ohne Wende anstrengend, wenn man Patchwork kennt.

Aber klar kommen die enormen gesellschaftlichen Verwerfungen dazu und der verzweifelte Versuch, seinen Betrieb zu retten, auch gegen Leute zu verteidigen, dessen Strategien er nicht wirklich verstehen kann. Martin Kupfer kämpft, er kämpft 1990, bis er nicht mehr kann.

Familie Kupfer: 1. Reihe: Falk (Jörg Hartmann, M.) mit Sohn Roman (Ferdinand Lehmann, l.) und Tochter Sonja (Philine Steuer, r.). 2. Reihe: Martin Kupfer (Florian Lukas, 2.v.l.) mit seinen Töchtern LIsa (Saskia-Sophie Rosendahl, l.) und Anna (Ziva-Maria Faske, M.) sowie den Eltern bzw. Großeltern Marlene (Ruth Reinecke, 2.v.r.) und Hans (Uwe Kockisch, r.).
Alle Staffeln der ARD-Serie "Weissensee" drehen sich um die Familie Kupfer. Bildrechte: ARD/Frederic Batier

Können Sie das nachvollziehen?

Ich persönlich habe da keine solchen Erinnerungen. Ich war 16 oder 17 Jahre alt. Plötzlich waren alle Türen offen, keiner sagte mir mehr, was ich zu tun und zu lassen habe, ich hatte mich noch nicht mal für einen Beruf entschieden. Ich hatte wahnsinnig viel Glück.

Das Verständnis für die Leute, die sich enorm umstellen mussten, das kam bei mir erst viel, viel später. Vielen Leuten ist es auch schwergefallen, überhaupt Engagement zu entwickeln, weil man das einfach nicht gewöhnt war, das war eine Riesenumstellung.

Martin Kupfer ist da anders. Aber ich denke nicht, dass das normal war oder gängig. Der wird in so eine Position auch irgendwie gedrängt. Es ist ja nicht so, dass er einen eigenen Betrieb leiten wollte, um ihn irgendwie über die Wendejahre zu bringen. Aber er ist eben ein Kämpfer, ein stiller, wie er es immer war.

Sie spielen Martin Kupfer jetzt schon vier Staffeln lang und drehen mit größeren Abständen seit fast zehn Jahren. Sind sie nach einer Pause schnell wieder in der Serie drin?

Nicht in der Geschichte, da brauche ich schon immer ein paar Tage. Da muss ich mich richtig reinfummeln, um das ganze Konstrukt der Staffel zu verstehen – wie die Bögen sind, wo die Schnittpunkte.

Aber die Rolle an sich ist super vertraut. Ich bin eher erschrocken, wie leicht es dann am ersten Drehtag ist. Wir grinsen uns dann immer auch alle an, weil die Crew natürlich auch immer die gleiche ist. Wir fühlen uns, als wäre kein einziger Tag vergangen, seitdem wir uns verabschiedet haben.

Klar, man sieht es in den Gesichtern: Die Haare werden grauer oder weniger und die Falten tiefer, aber das ist ja auch schön, weil wir schon viel Zeit miteinander verbringen durften. Wir lieben das und wir sind dankbar für jede neue Staffel, die kam.

Wird es weitergehen?

Das wussten wir nie, das wussten wir nach der ersten nicht und auch bei den beiden folgenden nicht. Keine Ahnung. Wir schließen das ab. Wir haben immer den Wunsch  gehabt, weiterzumachen und der Rest ist eine Entscheidung, die die ARD trifft.

Schauspieler Florian Lukas
Spielt den Martin Kupfer in der ARD-Serie "Weissensee" – Florian Lukas Bildrechte: dpa

Staffel 4 erzählt ein paar Monate 1990, von den ersten freien Wahlen bis zur Währungsreform. Könnte man die Geschichte denn weitererzählen?

Ich glaube, wenn man das Deutschland von heute verstehen will, müssen wir mehr in die neunziger Jahre gucken. Was passiert ist in den Zeiten der Nachwende, in den ersten Jahren, in denen diese beiden Deutschlands zusammengewachsen sind?

Das ist, glaube ich, noch nicht so viel passiert im deutschen Film und Fernsehen: Diese Jahre zu beleuchten und mal zu schauen – was ist gut gelaufen, was ist aber auch schief gelaufen?

Wenn wir uns die Wahlergebnisse angucken, dann kann man nicht einfach nur mit dem Finger auf die Ossis zeigen, dass sie dumm sind, sondern wir müssen auch ein paar Jahrzehnte zurückschauen. Und wir haben mit Weissensee natürlich den Vorteil, dass wir mit einem langen Anlauf kommen. Da ist ja ein natürlicher Prozess, wenn man so eine Familie über viele Jahre kennenlernt, beobachtet, mit denen lebt.

Die Stärke von Weissensee war bisher immer, dass stets erkennbar war, wo die Anknüpfungspunkte in der Vorkriegszeit und in den Anfängen der DDR sind. Die neunziger Jahre sind superspannend und interessant. Ob Weissensee dafür das richtige Format ist, ist eine Hoffnung von uns. Vielleicht muss man das auch ganz anders erzählen. Aber dass man das erzählen sollte – davon bin ich fest überzeugt.

Mit Blick auf die für die Bürgerbewegung katastrophalen Wahlergebnisse im Frühjahr 1990  heißt es in der Serie  sinngemäß "Freiheit ist auch immer die Freiheit der Dummheit". Ist das so?

Mit dieser Aussage kann ich nicht viel anfangen. Denn in einer Demokratie ist jede Stimme gleich viel wert. Freiheit ist auch die Freiheit der Andersdenkenden. Und nur weil jemand anders denkt, heißt es noch lange nicht, dass er dumm ist. Vielleicht liegt da auch das Problem in unserem vereinigten Deutschland.

Aber natürlich kommen jetzt auch Leute aus dem Westen dazu. Da gibt's ja auch Einfluss. Guten und schlechten. Das ist, glaube ich, in Weissensee sehr ausgewogen. Wir mit Weissensee erheben ja keinen Anspruch auf Deutungshoheit. Wir sind ja auch nur ein kleines Mosaiksteinchen in der Geschichtserzählung über die DDR und jetzt natürlich auch über die Neunziger. Jeder ist frei, darüber auch anders zu erzählen.

Was können fiktive Formate wie "Weissensee" für den gesellschaftlichen Diskurs leisten, gerade wenn sie so gut beim Publikum ankommen?

Wovon wir als Filmemacher auf keinen Fall ausgehen sollten, ist, dass wir jetzt so eine Art Wahrheitsanspruch hätten. Ich fühle mich immer wohl, wenn wir etwas erzählen, was nah an der Realität ist, ohne den Anspruch zu haben, dass es genau so war. Das ist mit Weissensee eben gut gelungen: Ein Anlass zu sein, miteinander ins Gespräch zu kommen, die Erfahrungen zu teilen, die Verletzungen, die Erfolgserlebnisse.

Und die Verwerfungen, die viele in den neunziger Jahren in Ostdeutschland erlebt haben, die sind ja inzwischen auch in die nächste und übernächste Generation weitergegeben worden – mit Sicherheit auch vielfach unbewusst. Wenn wir Glück haben, kann Weissensee eben dazu beitragen, dass Leute erzählen und dass Leute fragen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Mai 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2018, 04:00 Uhr

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