Eine Hand hinter einer brennenden Kerze
Das Demonstrieren mit Kerzen war eine Form des Protestes in der DDR Bildrechte: Colourbox.de

Debatte Wem gehört die Friedliche Revolution?

Wer brachte im Herbst 89 eigentlich die Massenproteste, die das DDR-Regime zum Einsturz brachten ins Rollen? Waren es die jahrelang zuvor schon aktiven Oppositionellen oder hatte der Herbst eine Eigendynamik? Diese Fragen wurden bei einer Podiumsdiskussion von MDR KULTUR am 30. September erörtert, mit dabei die Soziologin und Bürgerrechtlerin Kathrin Mahler Walther, der Soziologe Detlef Pollack und der Historiker und Publizist Ilko-Sascha Kowalczuk. Es moderierte MDR KULTUR-Radio-Redaktionsleiter Stefan Nölke.

Eine Hand hinter einer brennenden Kerze
Das Demonstrieren mit Kerzen war eine Form des Protestes in der DDR Bildrechte: Colourbox.de

Wer hat die Friedliche Revolution 1989 in Gang gesetzt? War es die relativ kleine aber aktive Anzahl von Bürgerbewegten, die sich in Leipzig, Halle, Berlin und anderswo für Menschenrechte, Umwelt und Frieden einsetzten? Oder waren es die Massenproteste der Straße, die das System wanken und letztlich einstürzen ließen?

Eine Gruppe von Demonstranten geht am 09.10.1989 mit einem Transparent, auf dem "Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!" zu lesen ist, bei der Montagsdemonstration in Leipzig. Mehr als 70 000 Menschen nahmen an dem Protestmarsch teil. 61 min
Bildrechte: dpa

Wer hat die Friedliche Revolution 1989 in Gang gesetzt? Es diskutieren die Soziologin und Bürgerrechtlerin Kathrin Mahler Walther, der Soziologe Detlef Pollack und der Historiker und Publizist Ilko-Sascha Kowalczuk.

MDR KULTUR - Das Radio Di 08.10.2019 22:00Uhr 61:01 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Bei einer Podiumsdiskussion im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig gingen der Soziologe Detlef Pollack, der Historiker und Publizist Ilko-Sascha Kowalczuk sowie die Soziologin und Bürgerrechtlerin Kathrin Mahler Walther dieser Fragestellung nach.

Mahler Walther war in Leipzig in der Arbeitsgruppe Menschenrechte und bei den Friedendgebeten engagiert. Sie vertritt die Ansicht, dass die sich gerade die Friedensgebete über viele Jahre hinweg als Anlaufpunkt etabliert hatten. Dies war auch nötig, weil es in der DDR-Diktatur keine freien Medien gab, über die Aufrufe oder Erkenntnisse veröffentlicht werden konnten. Zudem integrierte man ab ca. 1988 gezielt Ausreisewillige, was die Nikolaikirche füllte und mehr Öffentlichkeitswirkung brachte.

Kathrin Mahler Walther, Bürgerrechtlerinnen posiert im Schloss Bellevue für ein Photo.
Kathrin Mahler Walther Bildrechte: imago images/Metodi Popow

Und als viele Menschen gemerkt haben, es kann so nicht weitergehen, ich will irgendwo einbringen, gab es eine mögliche Anlaufstelle, um diesen Handlungswillen oder dieses Unbehagen einbringen zu können und irgendwo hingehen zu können damit. Das war dieses Angebot: Montag, 17 Uhr, Leipziger Innenstadt.

Kathrin Mahler Walther, Soziologin und Bürgerrechtlerin

Ebenfalls wichtig war der systematische Aufbau von Kontakten zu westlichen Medien, so zu in Ostberlin akkreditierten Journalisten. Über diesen Weg wurden laut Mahler Walther Informationen über die Arbeit der Basisgruppen via Westmedien wieder in die DDR zurückgegeben. Dadurch sind beispielsweise die Leipziger Friedensgebete als Angebot bekannt geworden.

Ausreisewelle als Motor

Der Soziologe Detlef Pollack sieht die Ausreisewelle als maßgeblich für das Entstehen der Massendemonstrationen. Die Menschen im Osten nahmen die Tausenden im Westen angekommenen wahr, was das Gefühl vermittelte, die hätten es geschafft. Das verstärkte die Sicht, dass es in der DDR so nicht weitergehen könne.

Der Religionssoziologe Detlef Pollak
Detlef Pollak Bildrechte: dpa

Der entscheidende Punkt für das Entstehen der Massenproteste im Herbst 89 war die Ausreisewelle, weil sie die Stimmung in der DDR grundsätzlich verändert hat und weil damit deutlich geworden ist, dass, wenn man nicht weggeht, man hier irgendwie aktiv werden muss.

Detlef Pollack, Soziologe

Die Oppositionsbewegungen waren ein Sozialisationspunkt zu dem man hingehen konnte. Doch in der Zeit des Entstehens der Massendemonstrationen waren es nicht die Bürgerrechtsgruppen und auch nicht die Oppositionsgruppen in Leipzig, die zum Protest aufgerufen haben, so Pollack. Diese Initiativen hatten demnach eher ein Interesse am Dialog zwischen Staatsführung, Bevölkerung und den verschiedenen gesellschaftlichen Kräften – sich als Feind des Systems zu erkennen zu geben, wäre "zu diesem Zeitpunkt unklug gewesen" und hätte den gesuchten Dialog potentiell belastet.

Warum nicht schon 88 oder 87?

Der Historiker und Publizist Ilko-Sascha Kowalczuk hält Pollack entgegen, dass es in den Herbstmonaten 89 sehr wohl Aufrufe von Oppositionsgruppen zum Protest gab. Es gab sie in Arnstadt und Plauen aber auch in Berlin, wo die Proteste gegen die Wahlfälschung im Frühjahr 89 noch immer fortgeführt wurden. In Leipzig wussten die Menschen auch, dass es die montäglichen Friedensgebete in der Nikolaikirche gab.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk steht vor einer grauen Wand und lächelt.
Ilko-Sascha Kowalczuk Bildrechte: MDR / Katrin Schlenstedt

Man muss natürlich, glaube ich, auch fragen: Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass die Unzufriedenheit in der DDR über die Verhältnisse zusehends anwuchs.

Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker

Kowalczuk stellt auch die Frage, warum es gerade 1989 zur großen Protestwelle kam und nicht schon 1988 oder 87. Aus seiner Sicht war es zentral, dass die Opposition seit Ende 87 großen Wert auf die Herstellung von Öffentlichkeit legte. Dazu nutzen Ostdeutsche Technik aus dem Westen, um für Fernsehsendungen wie "Kennzeichen D" oder "Kontraste" Material bereitzustellen.

Zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Oktober 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Oktober 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren