Engel vor dem Grab eines Kindes auf einem Friedhof in Killaeny im Galway County - Aran Islands in Irland.
Der letzte Ort für einen kleinen Menschen, der viel zu früh gehen musste. Wie sieht der aus? Bildrechte: imago/Liedle

Über die Arbeit im Hospiz Wenn Kinder sterben müssen

Der Tod ist ein Tabu, wahrscheinlich um ein Vielfaches mehr, wenn es um den Tod eines Kindes geht. Anders als bei älteren Menschen, die ihr Leben gelebt haben, stirbt mit einem Kind immer auch ein Stück Zukunft. Für die Familie ist das besonders schwer. Aber auch diejenigen, die die Mütter und Väter in dieser Zeit unterstützen, nehmen großen Anteil. Uta Freund ist eine von ihnen. Sie arbeitet ehrenamtlich für einen ambulanten Kinderhospizdienst. Sie hat Grit Krause von ihren Erfahrungen erzählt.

von Grit Krause, MDR KULTUR

Engel vor dem Grab eines Kindes auf einem Friedhof in Killaeny im Galway County - Aran Islands in Irland.
Der letzte Ort für einen kleinen Menschen, der viel zu früh gehen musste. Wie sieht der aus? Bildrechte: imago/Liedle

Sterben und Tod gehören seit einigen Jahren zum Leben von Uta Freund dazu, denn seit 2011 begleitet sie Menschen auf ihrem letzten Weg. Die 55-jährige aus Malschwitz bei Bautzen ist ehrenamtliche Mitarbeiterin des Christlichen Hospizdienstes Görlitz und als solche sucht sie Schwerkranke, Sterbende und deren Angehörige zu Hause auf.

Ich sehe mich immer als Entlastung, wenn ich in die Familien komme.

Uta Freund, Hospizhelferin

Ute Freund erzählt weiter: "Der Ehemann oder die Ehefrau, je nachdem, wer schwer krank ist, kann dann mal einfach Dinge machen, die wichtig sind - oder auch nicht wichtig: zum Friseur gehen, zur Kosmetik, mit einer Freundin treffen … Aber der Kranke hat jemanden da, er ist nicht allein. Und da gibt es die unterschiedlichsten: Manche möchten reden, manche möchten nur vorgelesen haben, manche möchten ein Gebet gesprochen haben. Aber es ist nie traurig."

Zuhören und auf den anderen zugehen

Eine gute Zuhörerin sei sie, erzählt Uta Freund, und es falle ihr leicht, auf fremde Menschen zuzugehen. Eine wichtige Voraussetzung für den ambulanten Hospizdienst, da die Mitarbeiterinnen oftmals kurzfristig gerufen werden, wenn in den Familien Not am Mann bzw. der Frau ist. Inzwischen gehört aber auch ein achtjähriger Junge zu ihren Schützlingen und ihn besucht Uta Freund schon über ein Dreivierteljahr.

Dieses Kind hatte einen Hirntumor und wurde erst erfolgreich operiert. Aber es gibt jetzt Metastasen im Rückenmark und er sitzt mittlerweile im Rollstuhl. Wir wissen nie, wie lange so eine Begleitung ist.

Uta Freund, Hospizhelferin

Man merkt deutlich, wie nahe ihr sein Schicksal geht. Allerdings erzählt Uta Freund auch von einem fröhlichen, kleinen Jungen, der gern bastelt, ebenso wie sie, und dann strahlen ihre Augen. "Die erste Zeit hat mich das ganz traurig gemacht, zwei-, dreimal bei den Besuchen: Da bin ich auch erst mal ins Auto gestiegen und habe geweint, weil Ben-Titus hat ganz viel von der Vergangenheit erzählt, als er noch im Kindergarten war und Freunde hatte. Das ist ja alles weggefallen. Und jetzt empfinde ich das nicht mehr so."

Wir reden ganz viel über das Jetzt, nicht über das Sterben.

Uta Freund, Hospizhelferin

Anderen seine Zeit schenken

Uta Freund selbst hat drei erwachsene, wie sie sagt, gesunde Kinder und eine Enkelin. Deshalb empfindet sie es als große Freiheit, dankbar und mit Demut anderen ihre Zeit zu verschenken. Sie sagt: "Der Idealfall ist: Ich habe diese Begleitung gemacht, ich steige ins Auto und steige hier aus und sage: Uta, hast deinen Dienst getan, jetzt ist wieder die Familie dran. Es ist nicht so, dass das immer so mitschwingt."

Skulptur von Trauer Engel
Bildrechte: Colourbox.de

Alles kann sie jedoch nicht immer so abstreifen, daher braucht es auch, in ihrem Falle, einen verständnisvollen Ehemann und Glaubensgeschwister, mit denen sie, sollte es gar zu aussichtslos sein, zusammen beten kann. Einer trage des Anderen Last, so versteht Uta Freund ihre Arbeit. Sie führt aber auch den gleichnamigen DEFA-Spielfilm an, der sie Ende der 80er-Jahre sehr beeindruckt hatte. Er hat, so vermutet sie, den Grundstein für ihr heutiges Engagement gelegt.

Das eigene Leben sieht sie dadurch kaum beeinflusst, außer, dass Uta Freund und ihr Mann eine Vorsorgevollmacht abgeschlossen haben. Außerdem bestimmt das Thema mittlerweile die Auswahl ihrer Lektüre, wenn sie am Vorlesetag im November in der örtlichen Schule Bücher vorstellt: "Die letzte Zeit habe ich immer Literatur rausgesucht, wo es ums Sterben geht, also 'Oskar und die Dame in Rosa' von Éric-Emmanuel Schmitt. Oder 'Das Schicksal ist ein mieser Verräter', das ist ein amerikanisches Jugendbuch … Also dass man einfach Kindern und Jugendlichen das weitergibt, dieser Umgang mit dem Sterben, dass das wirklich von heute auf morgen meinen Freund betreffen kann. Und wie gehe ich dann damit um: Nicht die Straßenseite wechseln, sondern ihn begleiten, besuchen. Das liegt mir schon am Herzen."

Abschiede sind immer schwer, weiß Uta Freund aus Erfahrung. Möglicherweise wird sie der von dem krebskranken Jungen besonders treffen. Doch das spielt keine Rolle, solange sie ihn Woche für Woche im Hier und Jetzt erleben darf:

Ich freue mich jedes Mal, wenn er mich fröhlich anschaut. Das ist ganz schön. Das möchte ich noch ewig so haben. 

Uta Freund, Hospizhelferin

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 30. März 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. März 2018, 03:00 Uhr