Wolodymyr Selenskyj und seine Frau Olena Selenska
Wolodymyr Selenskyj und seine Frau Olena Selenska. Selenskyj ist ein politischer Neuling und hat vor der Wahl als Schauspieler und Komiker gearbeitet. Bildrechte: dpa

Nach der Wahl in der Ukraine Wenn Schauspieler Präsidenten werden

Mit Wolodymyr Selenskiyj ist in der Ukraine mit überwältigender Mehrheit ein Schauspieler zum Präsidenten gewählt worden. Schauspieler und Komödianten in der Rolle des Politikers gibt es seit den 80er-Jahren, seit Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger. Auch Donald Trump kommt aus dem Showgewerbe, genau wie Beppe Grillo in Italien. Und in Lateinamerika gibt es gleich mehrere Beispiele: Jimmy Morales, den Präsidenten von Guatemala, Salvador del Solar, den Premierminister von Peru oder auch Joseph Estrada, der ehemalige Präsident der Philippinen. MDR KULTUR hat mit dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz darüber gesprochen, warum immer mehr Entertainer Politiker werden.

Wolodymyr Selenskyj und seine Frau Olena Selenska
Wolodymyr Selenskyj und seine Frau Olena Selenska. Selenskyj ist ein politischer Neuling und hat vor der Wahl als Schauspieler und Komiker gearbeitet. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Ist die Wahl des Schauspielers Wolodymyr Selenskyyj ein Beleg dafür, dass international Politik und Showgewerbe immer mehr verschmelzen?

Norbert Bolz: Eindeutig. Mittlerweile sind die Leute gar nicht mehr so überrascht, derartiges zu hören, denn offenbar sind die Berufsanforderungen an Spitzenpolitiker und an Spitzenentertainer sehr ähnlich geworden. Die Politiker drängen immer mehr ins Entertainment und in die Medien, und umgekehrt gibt es immer mehr Entertainer, die in die Politik drängen. Das führt offensichtlich dazu, dass es immer schwieriger wird, den Bereich Unterhaltung und den Bereich Politik voneinander zu trennen. Jedenfalls, was die Öffentlichkeitsinszenierung betrifft. Denn man muss ja auch zugeben, dass es auch noch seriöse Aktenkofferpolitik im Hintergrund gibt, also nicht alles nur auf Fernsehschirmen geschieht.

Wenn aber, wie in der Ukraine, ein Schauspieler erst in einer Fernsehcomedy den Präsidenten spielt und dann im wahren Leben Präsident wird, dann würde man in der Medientheorie wahrscheinlich von Simulation sprechen?

In jedem Falle scheint es so zu sein, dass für eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung der Übergang von der geschauspielerten Existenz zur wirklichen Existenz fließend ist, also insofern spricht vieles für die Virtualisierung von Politik. Aber es ist auch tatsächlich so, dass die Menschen ihre politischen Erfahrungen im Grunde nur noch vom Bildschirm gewinnen und kaum mehr politische Einschätzungen über analytischen Verstand gewonnen werden. Man schaut sich Leute auf dem Bildschirm an und hat Vertrauen zu ihnen oder nicht und traut ihnen dann im gegebenen Fall auch einiges zu. Ich glaube auch in Deutschland, was eigentlich ein sehr viel nüchterneres Land sein sollte, hat man mal Umfragen gemacht, nach denen dann der ideale Bundeskanzler Günther Jauch wäre. Und das war sicher nicht ironisch oder witzig gemeint, sondern das sind Gestalten, die man auf dem Bildschirm kennen und lieben lernt, denen man vertraut und denen man dann auch alles mögliche zutraut.

Die politische Münze, mit der da gehandelt wird, heißt ja Glaubwürdigkeit. Und die muss man ja auch erstmal darstellen können.

Das ist richtig. Dann wäre ja für einen Entertainer die Bühne ideal. Man kann sich in den Inszenierungen, die das Fernsehen oder der Film ermöglicht, natürlich einen Idealtypus schaffen, wie er in der realen Politik natürlich undenkbar ist. Und sicher werden sich alle, die sich aus dem Entertainment in die Politik begeben haben, doch mit dem Lauf der Zeit erodieren. Dieses traumhafte, idealtypische Bild wird seine Macken bekommen und das können wir an allen beobachten, die diesen Weg genommen gaben. Obwohl natürlich die Macht der Medien auch in der Verklärung der realen Politik sehr groß ist.

Also wenn Politiker durch Darsteller bzw. Darsteller durch Politiker ausgetauscht werden, ist es auch ein Zeichen dafür, wie sehr sich Journalismus verändert hat, der teilweise zum willigen Helfer der Selbstdarstellung in der Politik geworden ist.

Das ist leider der traurige Aspekt dieses ganzen Themas, dass ein Großteil der Journalisten an Aufklärung und kritischer Distanz kein Interesse hat. Eben gerade, weil es eine Verfilzung zwischen politischem System und Mediensystem gibt. Die Bezugnahme aufeinander ist viel zu intim geworden. Und das ist sicher ein großes Problem für unsere Demokratie, sodass die nüchtern-sachliche Distanz verloren geht.

Wolodymyr Selenskyj 6 min
Bildrechte: imago/ITAR-TASS

MDR KULTUR - Das Radio Di 23.04.2019 12:10Uhr 05:44 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wolodymyr Selenskyj 6 min
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Das Interview führte Alexander Mayer für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. April 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2019, 15:15 Uhr

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