Dresdner Reden mit Eugen Ruge Wäre es schlimm, wenn die deutsche Sprache ausstirbt?

Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, wird hierzulande zunehmend Englisch gesprochen. In dreihundert Jahren werden nur noch Wenige das Neuhochdeutsche beherrschen, so die These des Schriftstellers Eugen Ruge.

von Katrin Wenzel, MDR KULTUR

Immer wieder und in regelmäßigen Abständen erreichen Nachrichten von aussterbenden Sprachen die Öffentlichkeit. Achtzig Prozent aller – noch – existierenden Sprachen seien bedroht, sagen die Linguisten. Und etwa jede Woche stirbt eine.

Die Vorstellung, dass das Sprachensterben auch die eigene Muttersprache betreffen könnte, liegt den meisten wahrscheinlich fern. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass das Neuhochdeutsche bedroht sei und in zwei- bis dreihundert Jahren nur noch von wenigen Experten beherrscht werden könnte. Das jedenfalls konstatiert der Schriftsteller Eugen Ruge in seiner Dresdner Rede vom 25. Februar 2018:

Schon immer, seit ihrem Bestehen, war die deutsche Sprache dem Einfluss anderer Sprachen ausgesetzt. Ich würde noch weiter gehen: Sie ist im Grunde entstanden aus dem Zusammenfließen, ja aus dem Zusammenprall des Lateinischen mit den großen germanischen Dialekten.

Eugen Ruge, Schriftsteller

Ausgangspunkt für Ruges Überlegungen ist die Äußerung des Linguisten Wolfgang Klein, Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ehemals Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen. Klein ist der Auffassung, dass immer mehr Sprachen aussterben, weil ihre Sprecher entweder aussterben oder aber sich anderen Sprachen zuwenden.

Linguist Wolfgang Klein steht an einem Rednerpult.
Linguist Prof. Dr. Wolfgang Klein Bildrechte: Wolfgang Klein

Das Deutsche hat schätzungsweise 100 Millionen Sprecher, da ist das nicht unmittelbar bedroht. Aber es geht als internationale Sprache schon ganz deutlich zurück.

Wolfgang Klein, Linguist

Vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen unserer Gegenwart, vor dem Hintergrund von Globalisierung und Digitalisierung, vor dem Hintergrund von Tendenzen wie Privatisierung, Deregulierung und Freihandel fragt Ruge: "Gibt es eine Tendenz bei den Deutschen, ihre Sprache als weniger nützlich anzusehen? Als ökonomisch weniger brauchbar? Als weniger geeignet für den globalen Wettbewerb?"

Immerhin soll es inzwischen in Berlin Lokale geben, in denen nicht nur ausschließlich Englisch gesprochen wird, sondern in denen es auch keine deutschsprachigen Speisekarten gibt. Immerhin kann man als Wissenschaftler heute bequem in Deutschland leben und arbeiten, ohne die deutsche Sprache zu beherrschen. Immerhin führen deutsche Großunternehmen Englisch als Verkehrssprache ein. Alles aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit.

Selbstverständlich ist es hoffnungslos und sogar dumm, die Reinheit oder Ursprünglichkeit einer Sprache bewahren oder verteidigen zu wollen.

Eugen Ruge, Schriftsteller

Aus Sicht des Schriftstellers Eugen Ruge ist es hoffnungslos und dumm, die Ursprünglichkeit der Sprache bewahren zu wollen. Um das zu verstehen, genüge es, einmal die Straßburger Eide zu lesen: "Diese Eide sind das erste Dokument der sprachlichen Teilung des Frankenreiches in eine deutsche und eine französische Seite. Sie markieren sozusagen den Geburtstag der deutschen – und zugleich der französischen – Sprache. Das war anno 842. [...] Und wenn Sie die deutsche Variante der Straßburger Eide lesen, werden Sie feststellen, dass Sie nichts verstehen."

Über Eugen Ruge Eugen Ruge wurde 1954 in der Sowjetunion, in Soswa, geboren. Er wuchs mit der Sprache seiner Mutter, dem Russischen, auf. Mit zwei Jahren kam er mit seinen Eltern in die DDR und fing spätesten im Kindergartenalter an, die deutsche Sprache zu sprechen. Auch wenn er heute das Deutsche besser beherrscht als Russisch, und auch auf Deutsch schreibt, so sind ihm doch die russischen Koseworte geblieben – jener Sprache also, in der seine Mutter mit ihm gesprochen hat. Und die ihn bis heute an den kleinen Jungen erinnern, der er einst war – ein unverwechselbarer Teil im Spektrum seiner Persönlichkeit und Identität.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR-Werkstatt | 27. März 2018 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. März 2018, 00:00 Uhr