Regisseur Werner Herzog interviewt Michail Gorbatschow
Regisseur Werner Herzog interviewt Michail Gorbatschow Bildrechte: MDR/Spring Films/Werner Herzog Film

"Meeting Gorbachev" Werner Herzog: Einer wie Gorbatschow fehlt heute

Beim 61. Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK) hat am Montagabend der neue Film von Werner Herzog Europa-Premiere gefeiert. In "Meeting Gorbachev" porträtiert Herzog den ehemaligen Staatspräsidenten der Sowjetunion, Michail Sergejewitsch Gorbatschow. Dazu führte er lange Gespräche auf Augenhöhe mit dem russischen Politiker – und zeigt sich beeindruckt von Gorbatschow.

Regisseur Werner Herzog interviewt Michail Gorbatschow
Regisseur Werner Herzog interviewt Michail Gorbatschow Bildrechte: MDR/Spring Films/Werner Herzog Film

Der Regisseur Werner Herzog wünscht sich mehr Menschen wie den russischen Politiker Michail Sergejewitsch Gorbatschow. Im Gespräch mit MDR KULTUR beschreibt Herzog den ehemaligen Staatspräsidenten der Sowjetunion als machtbewussten Mann: "Er hat mit außerordentlicher Energie auch Dinge gegen den Zeitgeist durchgetrieben. So jemand fehlt uns natürlich."

"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Gorbatschow habe "ganz offensichtlich die Kraft des richtigen Moments in seiner politischen Tätigkeit verstanden", so Herzog. Konkret macht er das an dem legendären Ausspruch Gorbatschows zu Honecker fest: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Das sei "eine wirklich außerordentliche Einsicht", die das damalige sowjetische Staatsoberhaupt gehabt habe - im Gegensatz zu anderen wie Honecker, der vom Leben bestraft worden sei.


Aber für Herzog ist der russische Politiker auch eine tragische Figur. "Dass Gorbatschow in seinem eigenen Land von einem guten Teil der Bevölkerung als Verräter gesehen wird, schmerzt ihn sehr, glaube ich. Das macht ihn auch tragisch." Gorbatschow die Auflösung der Sowjetunion in die Schuhe zu schieben, sei sicherlich falsch. Er habe vehement dagegen gearbeitet, doch Jelzin habe ihn damit überrollt, führt Herzog aus.

Regisseur Werner Herzog und MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann 50 min
Bildrechte: Stefan Petraschewsky/MDR

"Wir haben uns sehr schnell, sehr tief verstanden"

In seinem neuen Film "Meeting Gorbachev" porträtiert Herzog den ehemaligen Staatspräsidenten der Sowjetunion. Die langen Gespräche mit ihm waren laut dem Regisseur auf Augenhöhe: "Ich glaube, er hat sofort gespürt, dass ich eine ähnliche Kindheit hatte wie er. Wir haben uns sehr schnell, sehr tief verstanden."

Herzog bekennt sich zu seiner Zuneigung zu Gorbatschow. Im Film sagt er ihm auch selbst: "Ich liebe Sie." Im Gespräch mit MDR KULTUR führt der Filmemacher aus, warum: "Für mich war die Wiedervereinigung von hohem Stellenwert. Viele Intellektuelle wollten das nicht, zum Beispiel Günter Grass - dafür habe ich ihn innig verachtet." Er habe sich damals gesagt: "Nur noch die Dichter können das Land zusammenhalten. Ich bin damals zu Fuß um Deutschland gegangen - wollte es wie einen Gürtel zusammen halten."

Leipzig - der richtige Ort für die Europapremiere von "Meeting Gorbachev"

Insofern ist es für Herzog nur folgerichtig gewesen, dass sein Dokumentarfilm über Gorbatschow beim DOK Leipzig seine Europapremiere gefeiert hat: "Es war sofort klar: Das ist der richtige Ort in Deutschland. Gerade, was die Wiedervereinigung anbetrifft, war das so ein entscheidender Ort. Die Montagsdemonstrationen: Jede Woche Hunderttausende, die 'Wir sind das Volk' gerufen haben. Da ist ja noch ein Echo da. Man hört es direkt noch, wenn man hier durch die Straßen geht." Gorbatschow habe bei diesem Teil der deutschen Geschichte eine überragende Rolle gespielt.

Über den Regisseur Werner Herzog

Werner Herzog sitzt in einem leeren Theatersaal
Regisseur Werner Herzog Bildrechte: dpa

Werner Herzog, Jahrgang 1942, ist einer der weltweit profiliertesten deutschen Filmemacher. Die "Time" zählte ihn 2009 zu den hundert einflussreichsten Personen der Welt. Als Regisseur, Produzent und Schauspieler ist er bereits an hunderten Produktionen beteiligt gewesen. Er zählt zu den Vertretern des "Neuen Deutschen Films" und des Autorenfilms. Herzogs Film "Meeting Gorbachev" ist gemeinsam mit dem Regisseur André Singer entstanden. Der Streifen feierte am Montagabend seine Europapremiere beim 61. Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur Kompakt | 30. Oktober 2018 | 15:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2018, 14:55 Uhr