Wirtschaft Milliardenumsätze: Kultur ist mehr als bloß schönes Beiwerk

Gerade in Zeiten von Corona, Konjunkturpaketen und Rettungsschirmen wird über den Stellenwert der Kultur- und Kreativbranche in der Volkswirtschaft diskutiert. Und der ist gar nicht mal so unerheblich.

Kinokarten in einem Abreissautomaten
Weil die Kulturbranche so kleinteilig ist, fallen die Milliardenumsätze insgesamt oft nicht so auf. Bildrechte: imago/ecomedia/robert fishman

Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat laut einem Bericht der Bundesregierung im Jahr 2019 168,3 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Ihr Anteil am gesamtwirtschaftlichen Umsatz in Deutschland liegt damit zwar nur bei 2,59 Prozent, aber "168 Milliarden ist zumindest keine vernachlässigbare Größenordnung", meint Steffen Höhne, Professor für Kulturmanagement an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, im Gespräch mit MDR KULTUR.

Porträt Steffen Höhne am Rednerpult: Mann mit runder, dickrandiger Brille, konzentriert-erklärendem Blick, dunkelgrauen Haaren, gelbbraunem Hemd mit blauem Sakko. Hintergrund tiefenunscharf.
Steffen Höhne, Professor für Kulturmanagement an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar Bildrechte: HfM Weimar/Maik Schuck

Im Vergleich liegt die Kultur damit hinter der Automobilindustrie und dem Maschinenbau auf Platz Drei, noch vor Finanzdienstleistern, Energieversorgern und Chemischer Industrie. Dazu trägt vor allem die Software- und Game-Industrie bei.

Laut Statistischem Bundesamt sind 1,2 Millionen Menschen im Kulturbereich beschäftigt; weitergefasst, also bspw. inklusive Geringverdienern, sogar knapp 1,7 Millionen. Über diese große Zahl von Arbeitsplätzen wird weit weniger diskutiert als über sechsstellige Beschäftigtenzahlen im Automobilsektor. In der Automobilindustrie habe man es mit oligopolistischen Strukturen zu tun, so Höhne. In der Kulturbranche gebe es dagegen mehr Kleinteiligkeit: "Sie haben das gesamte Verlagsgewerbe mit drin, den ganzen Bereich Film, Rundfunk, Architektur, Design, Software-Games-Entwickler. Das ist ein sehr heterogenes Feld."

Blickt man auf die Beschäftigten, erkennt man auch: Gutverdiener sind im Kulturbereich eher selten. Auch bei der sozialen Absicherung der Beschäftigten gibt es Verbesserungsbedarf. Das liege, so Höhne, vor allem am Organisationsgrad der Interessengruppen. So habe zum Beispiel die Orchestervereinigung für ihre Mitglieder gute Bedingungen erzielt. Orchestermusiker seien relativ gut abgesichert und verfügten über relativ gute Gehälter, erklärt Höhne. Die Freien Theater haben sich erst kürzlich zu einem Bundesverband zusammengeschlossen, Schauspieler seien daher noch schlechter gestellt.

Deutschland als Paradies für Kulturförderung?

Im europäischen Vergleich stehe Deutschland gerade im Bereich Kulturförderung aber gut da, meint Höhne: "Wenn Sie nur mal die Anzahl der Institutionen vergleichen, die Anzahl der Orchester, die Anzahl der Theater, da kommen weder Großbritannien, noch Frankreich noch andere Länder mit. Das ist schon eine sehr ausgeprägte, historisch gewachsene Struktur. Immer wenn ich in Tschechien unterwegs bin, dann erzählen mir die Kollegen dort, wir würden im Paradies leben, was Kulturförderung angeht."

Das ist schon eine sehr ausgeprägte, historisch gewachsene Struktur.

Steffen Höhne, Professor für Kulturmanagement an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar

Den Vorschlag der Linken im Bundestag, Kultur im Grundgesetz zu verankern, damit der Bund Kultur stärker finanziert, betrachtet Steffen Höhne ambivalent. Dem Vorteil des finanzstärkeren Bundes steht seiner Ansicht nach die Entscheidungsfreiheit der Länder und Kommunen gegenüber: "In Berlin sind mittlerweile die Mittel, die der Bund in die Berliner Kultur steckt, um ein erhebliches höher als das, was das Land Berlin selber leistet. Und ob das dann wirklich Ziel sein kann für Länder und Kommunen, dass andere über ihre Kultur bestimmen, müsste man sich sehr gut überlegen."

Als positiv bewertet Höhne, dass der Wert der Kultur auch als volkswirtschaftliche Größe von der Politik bereits erkannt wurde: "Seit den späten 80er-Jahren werden Kulturwirtschaftsberichte von einzelnen Ländern aufgelegt, Vorreiter war Nordrhein-Westfalen. Man hat schon gesehen, dass dieser ganze Bereich mittlerweile auch eine wichtige ökonomische Größe ist, was man an vielfältigen Fördermaßnahmen sehen kann, auch an Institutionen zur Unterstützung von Berufseinsteigern etc." Ein stärkeres Augenmerk sollte jedoch auf die Verflechtungen zwischen der staatlichen Kulturförderung, der privaten Kultur- und Kreativwirtschaft und dem intermediären Bereich gelegt werden.

Man hat schon gesehen, dass dieser ganze Bereich mittlerweile auch eine wichtige ökonomische Größe ist.

Steffen Höhne, Professor für Kulturmanagement an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar

Insgesamt sei es allerdings noch zu früh zu sagen, wie sich die aktuelle Krise auswirken wird, so Höhne: "Es ist noch gar nicht abzusehen, wie sich das gesamte Feld durch diese Krise hindurch behaupten wird."

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MDR KULTUR - Das Radio Di 16.06.2020 18:00Uhr 04:44 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juni 2020 | 18:05 Uhr

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