Der Bestatter schaut in die Kamera.
Udo Portner (47) führt in Leipzig zwei Bestattungsunternehmen mit insgesamt 16 Mitarbeitern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Interview mit einem Bestatter Wie wir mit dem Tod umgehen

Warum wird man Bestatter? Und wie ist es, täglich mit dem Tod zu tun zu haben? Geht die schwarze Szene anders mit dem Tod um? MDR KULTUR hat den Leipziger Bestatter Udo Portner getroffen. In einem sehr offenen Gespräch gibt er Einblicke in seinen Berufsalltag.

Der Bestatter schaut in die Kamera.
Udo Portner (47) führt in Leipzig zwei Bestattungsunternehmen mit insgesamt 16 Mitarbeitern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Warum entscheidet man sich für den Beruf des Bestatters?

Udo Portner: Es ist ein sehr wertvoller Beruf, weil Bestatter wirklich den letzten Weg, der nicht wiederholbar ist, mit den Angehörigen gemeinsam gestalten und mit den Angehörigen in dem Augenblick auch ein Stück des Weges gehen. Und das ist das, was mich ausfüllt. Wenn Sie am Grab stehen, den Angehörigen an der Stelle verabschieden und dann gesagt zu bekommen, "Das war genauso, wie er es wollte, und es hat uns, so schwer die Situation auch ist, gut getan", das ist der Moment, wo ich weiß, dass ich genau an der Stelle richtig bin. Und das Wissen über die Endlichkeit unseres Lebens – ich glaube, ich lebe wesentlich entspannter als viele andere Menschen. Ich rege mich über viele Dinge gar nicht auf, weil ich denke, das ist nicht wichtig genug.

Der Bestatter bereitet einen Sarg vor.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vielen Besuchern des WGT ist ein romantisch-verklärtes Bild des Todes eigen. Als Symbol oder gar als metaphorischer Sehnsuchtsort. Was hält jemand davon, der tagtäglich mit dem Tod zu tun hat? Dazu Kristin Hendinger.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 18.05.2018 18:05Uhr 04:06 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Wenn ich mal nicht über den Tod reden möchte, sage ich, ich sei Versicherungsvertreter.

Udo Portner, Bestatter

Was macht das mit Ihnen, wenn Sie täglich mit dem Tod zu tun haben?

Als ich in der Bestattung begonnen habe, war ich noch relativ jung. Und wenn ich als 20-jähriger Mann einen 40-Jährigen zu Tode getragen habe, dann war das schlimm, aber weit weg. Jetzt, wo ich selbst über vierzig bin, fängt man an, anders darüber nachzudenken. Man hat so diesen Halbzeitgedanken. Wenn man weiß, man ist schon in der "zweiten Halbzeit", verändert es das Ganze natürlich. Ich versuche, bewusst zu leben. Selbst als Raucher versuche ich, mich nicht besonderen Gefahren auszusetzen und ich möchte jeden Tag bewusst und intensiv beginnen. Das glaube ich, unterscheidet mich von den Nicht-Bestattern.

Eine Urne mit einem Einhorn als Motiv.
Kinderurnen und ein Kindersarg. Babys mit einem Geburtsgewicht von weniger als 500g müssen in Deutschland nicht bestattet werden. Deshalb kümmert sich die Arbeitsgruppe "Schmetterlingskinder" in Leipzig und Umgebung um eine würdevolle Bestattung und ermöglichen den Betroffenen so einen bewussten Abschied. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gibt es auch Momente, wo Sie sagen, das schaffe ich nicht, da muss jetzt ein Kollege übernehmen?

Bei Kindern. Wir haben zwei ausgebildete Mitarbeiter, die sich mit Eltern unterhalten, die ihr Kind verloren haben. Es ist noch einmal ein Unterschied mit Eltern zu sprechen, die ihr Kind verloren haben als mit Menschen zu sprechen, die den 90-jährigen Vater zu Grabe tragen müssen.

Können die Menschen, die hier bei Ihnen sitzen, dem Tod etwas Schönes abgewinnen?

In 31 Jahren hatte ich das Gefühl noch nie, dass irgendjemand, der hier sitzt, dem Tod etwas Schönes abgewinnen kann. Ich kann es auch nicht. Dafür lebe ich zu gerne. […] Ich erinnere mich nur an eine Frau, ihr Mann war Bergsteiger, der beim Abstieg ums Leben gekommen war – sie war zumindest froh, dass er sein Ziel noch erreicht hatte.

Als Leipziger erleben Sie zum WGT die Anhänger der schwarzen Szene, die doch ein anderes, offeneres Verhältnis zum Tod haben. Was ist Ihre Meinung über das Festival und sind Anhänger der schwarzen Szene dem Tod gegenüber besser gewappnet?

Ich finde das WGT toll, die Stadt lebt. Ich mag diese Neoromantik und die Kleidung und auch, dass das Thema mal so lebensfroh ins Zentrum unserer Stadt gerückt wird.

Aus meiner Erfahrung findet in der schwarzen Szene die bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und der damit einhergehenden Bestattung früher und intensiver statt als beim "Normalbürger". Aber dann kommt der emotionale Part dazu, nämlich die Trauer. Und das verwischt das Ganze dann wieder. Wir können in unserem Leben viel planen, viel festlegen, aber in dem Augenblick, wo wir emotional ergriffen sind, ändert sich das alles. Das trifft auch auf die Gothic-Szene zu. Wenn es ums Sterben geht, hat die schwarze Szene nichts voraus. Sie nehmen intensiver Abschied, das beginnt mit der Aufbahrung, dass das ein ganz besonderer Anlass ist. Daran kann man erkennen, dass sie sich schon zu Lebzeiten intensiver mit dem Thema beschäftigt haben.

Die Abschiednahme ist ganz wichtig, um zu begreifen, dass der Mensch gestorben und eine Umumkehrbarkeit eingetreten ist.

Udo Portner, Bestatter

Ein Bestatter bereitet einen Sarg vor.
Ein Bestatter bereitet einen Sarg vor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Finden Sie als Bestatter es in Ordnung, Särge beispielsweise zu Betten umzufunktionieren?

Wenn jemand das möchte, soll er das tun. Die sind ausgepolstert, bequem ist das bestimmt. Aber ich würde nicht im Sarg schlafen wollen, mir wären diese 70 Zentimeter zu eng. Aber wer möchte, soll es tun. Ich habe damit kein Problem. Zum WGT haben wir auch schon den einen oder anderen Sarg verkauft.

Wo liegen Ihre Grenzen?

Alles, was gegen die guten Sitten verstoßen würde. Ich würde nie ein Kreuz verkehrtherum aufhängen. Das sind dann Momente, wo ich sagen würden: Nein. Und auch Rechtsradikalismus, das sind Themen, die kann ich nicht mit mir vereinbaren. Das sind Aufträge, die wir ablehnen.

Bildergalerie Bildergalerie: Besuch beim Bestatter

Wieviel Asche bleibt von einem Menschen? Wie sehen die Räume aus, in denen ein Verstorbener für die letzte Ruhe zurechtgemacht wird? Und woher kommen Grabsteine und Särge? Das erfahren Sie hier.

Leichenwagen vor Altenheim.
Der klassische Leichenwagen. Verstorbene werden zunächst in einen Kühlraum des Bestatters gebracht - diese Kühlräume kennt man aus den Pathologien in Krimis. Bildrechte: imago/Jürgen Ritter
Leichenwagen vor Altenheim.
Der klassische Leichenwagen. Verstorbene werden zunächst in einen Kühlraum des Bestatters gebracht - diese Kühlräume kennt man aus den Pathologien in Krimis. Bildrechte: imago/Jürgen Ritter
Ein Mann steht in einem Raum mit Särgen.
Im sogenannten Hygieneraum werden Verstorbene für die Aufbahrung und Beerdigung zurechtgemacht, sobald mit den Hinterbliebenen geklärt ist, wie dies erfolgen soll. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Raum mit einer Liege und einem Instrumententisch.
Dafür nutzt der Bestatter zum Teil handelsübliche Utensilien wie Rasierer, Föhn, Haarspray etc. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Tisch mit verschiedenen Flaschen und Werkzeugen.
Teilweise sind auch spezielle Präparate erforderlich, z.B. besondere Cremes (da normale Hautcremes nicht in tote Haut einziehen) sowie beispielsweise Mittel, um die Fingernägel gesund aussehen zu lassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Bestatter wird von einer Frau mit Mikrofon interviewt.
Momente, bei denen Bestatter an ihre Grenzen stoßen sind Unfälle mit Feuer. Trotzdem soll Angehörigen der Wunsch erfüllt werden, Abschied nehmen zu können. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Regal mit verschiedenen Kleidungsstücken.
Leichenhemden im Lager des Bestattungsunternehmens. Die meisten Menschen werden allerdings in privater Kleidung bestattet - eine 90-Jährige habe sich in ihrem Brautkleid bestatten lassen, erinnert sich Portner. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mehrere Särge stehen in einem Regalsystem mit je einer Decke bedeckt.
Die Särge im Lager des Bestattungsunternehmens. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Bestatter bereitet einen Sarg vor.
Ein Bestatter bereitet einen Sarg vor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Verschiedene Särge stehen in einem Raum.
Viele Särge werden in Osteuropa gefertigt, das Holz stammt aber oftmals aus Deutschland, so Udo Portner. Diese Särge wurden in Plauen hergestellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Regal mit Urnen.
Bei einer Feuerbestattung wird der Tote samt Sarg verbrannt. Etwa 1,5 kg Asche bleiben von einem Menschen. Die Urne zerfällt und die Asche zersetzt sich im Laufe der Ruhefrist, die zwischen 15 und 30 Jahren liegt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mehrere Grabsteine stehen auf einem Kiesbett.
Die meisten Grabsteine bestehen aus Granit oder Marmor und kommen aus Afrika und Asien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Außenansicht des Bestattungsunternehmens.
Außenansicht des Bestattungsunternehmens von Udo Portner in Leipzig. Hier finden die Trauergespräche statt. Die Räumlichkeiten, in denen die Verstorbenen für ihre letzte Ruhe vorbereitet werden, befinden sich in einem Industriegebiet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Hat sich der Umgang mit dem Tod gewandelt?

Heute sterben etwa 70 Prozent der Menschen in öffentlichen Einrichtungen, in Hospizen, Krankenhäusern, Pflegeheimen. Wir haben den Tod outgesourcet. Früher gab es keine Klinik, die dann eben mitgeteilt hat, wir bringen Ihren Angehörigen jetzt nach unten in die Pathologie, sondern da musste der Arzt gerufen werden, der hat den Tod festgestellt, dann kam die Familie nochmal zusammen, hat Abschied genommen, der Verstorbene war auch zu Hause aufgebahrt – und diese Themen fallen natürlich alle weg in dem Augenblick, wo jemand in öffentlichen Einrichtungen stirbt. Früher war der Tod zentraler Bestandteil unseres Lebens, der gehörte genauso wie das Leben dazu.

Der Tod ist in unserer Gesellschaft komplett tabuisiert. Wir Deutschen sterben nicht. Wobei die Zahlen – es sind etwa 800.000 Menschen pro Jahr – etwas anders sagen.

Udo Portner, Bestatter

Ein Regal mit Leichenhemden
Leichenhemden im Lager des Bestattungsunternehmens. Die meisten Menschen werden jedoch in privater Kleidung bestattet - eine 90-Jährige habe sich in ihrem Brautkleid bestatten lassen, erinnert sich Portner. Bestattungen würden generell immer individueller. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit welchen Gefühlen stehen Sie morgens auf?

An Freitagen stehe ich immer mit dem Gefühl auf, hoffentlich schaffen wir das heute auch. Freitag ist der Hauptbestattungstag, wo sehr viele Beerdigungen und Trauerfeiern stattfinden. Es ist immer eine Herausforderung, alles zu koordinieren, dass alles zur richtigen Zeit beginnt, dass alles so abläuft, wie Sie es vorher mit den Angehörigen besprochen haben. Da gibt es keine zweite Chance. Es darf nichts schief gehen und Sie müssen den Angehörigen auch immer das Gefühl vermitteln, dass Sie jetzt nur hier sind, dass es jetzt nur um die Familie und den Verstorbenen geht. Wenn man die zeitliche Komponente im Hinterkopf hat, ist das eine schwierige Situation. An Freitagen sind wir häufig sehr eng getaktet, das heißt, es geht von einem Friedhof zum nächsten Friedhof.

Woher nehmen Sie die Kraft für Ihren Beruf?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich habe jeden Tag die Kraft, ich habe jeden Tag die volle Kontrolle darüber und ich bin in jedem Gespräch gleich professionell. Das geht nicht. Ich bin Mensch, das kriegen Sie nicht hin. Sie haben Momente, wo die Angehören bei Ihnen sind und völlig in sich zusammenfallen und nicht wissen, wie es weitergehen soll. Wie gehe ich damit um? Ich mache Supervisionen, ich reflektiere sehr viel, ich versuche, das auch weitestgehend hier drin in den Räumlichkeiten zu lassen. Das klappt aber auch nicht immer. Dadurch, dass meine Frau das Unternehmen mit mir leitet, sprechen wir auch zu Hause darüber. Und ich glaube, das ist wichtig. Ich glaube, in dem Moment, wo das zur Normalität für einen wird, wo man nur noch den betriebswirtschaftlichen Aspekt in den Vordergrund stellt oder wo einem das eigentlich nicht mehr so nahe geht, ich glaube, in dem Augenblick sollte man aufhören. Denn dann fehlt einem die Empathie, die Angehörigen entsprechend zu begleiten.

Der Beruf des Bestatters ist weniger eine Männerdomäne als man glauben mag - Udo Portner hat seit 2004 fünf Frauen und zwei Männer ausgebildet. Nachwuchssorgen hat er nicht.

Das Gespräch führten Sabrina Gebauer und Kristin Hendinger für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Mai 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2018, 00:00 Uhr

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Vielen Besuchern des WGT ist ein romantisch-verklärtes Bild des Todes eigen. Als Symbol oder gar als metaphorischer Sehnsuchtsort. Was hält jemand davon, der tagtäglich mit dem Tod zu tun hat? Dazu Kristin Hendinger.

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