Boris Karloff
Frankensteins Monster, dargestellt von Boris Karloff Bildrechte: IMAGO

200 Jahre "Frankenstein" Wie ein Vulkanausbruch Frankensteins Monster erschuf

Vor 200 Jahren wurde 1818 Mary Shelleys "Frankenstein" veröffentlicht. Er entstand auch, weil zuvor im fernen Indonesien ein Vulkan ausbrach, denn weltweite Düsternis war die Folge. Im "Jahr ohne Sommer" begann Shelley ihren Roman, der bis heute zu den Klassikern des Genres zählt.

von Olaf Parusel, MDR KULTUR

Boris Karloff
Frankensteins Monster, dargestellt von Boris Karloff Bildrechte: IMAGO

1815 brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus, drei Jahre später sollte dadurch ein Monster auf die Welt losgelassen werden, das sie bis heute in Atem hält: Im Jahr 1818 wurde Mary Shelleys Roman "Frankenstein " veröffentlicht.

Ein Vulkanausbruch auf der anderen Seite der Erde - ein Ereignis, das üblicherweise im fernen Europa kaum wahrgenommen würde. Anders jedoch diesmal, die Folgen des Naturereignisses waren selbst hier spürbar. Gewaltige Aschewolken verdüsterten den Himmel weltweit für Jahre. 1816 wird deswegen bis heute das "Jahr ohne Sommer" genannt. Mitten im Sommer fiel Schnee, und die Ernte war kläglich.

Inspiration für Schauergeschichten

Der Vulkan Mount Sinabung
Die Explosion eines Vulkans führte zu einer globalen Klimakatastrophe Bildrechte: IMAGO

Es scheint, als hätten die Schatten, die damals einen großen Teil der Welt verdüsterten auch das Tor zur Dunkelheit einen Spalt weit offen gehalten. Hindurch schlüpften zwei literarische Gestalten, die bis heute die Fantasie der Menschen anregen: Frankensteins Monster und der Vampir. Entstanden sind beide 1816 in der Villa Diodati am Genfersee in der Schweiz. Dort wollten vier Literaturbegeisterte eine beschauliche Zeit verbringen: der düster-romantische Dichter Lord Byron mit seinem Leibarzt John Polidori, der Schriftsteller Percy Bysshe Shelley sowie dessen künftige Ehefrau Mary Godwin, die spätere Mary Shelley.

Historische Zeichnung der Villa Diodati am Genfersee
Die Villa Diodati am Genfersee Bildrechte: IMAGO

Das Wetter verbannte die Reisenden häufig ins Haus und - wohl inspiriert durch die düstere Weltuntergangsstimmung - kam der Gedanke auf, sich literarisch an Schauergeschichten zu probieren. Doch nicht etwa der düstere Poet Lord Byron oder der schon bekannte Schriftsteller Percy Bysshe Shelley sollten das nachhaltig wirksamste Werk schaffen. Byrons Leibarzt John Polidori schrieb zum einen die weltweit erste Vampirgeschichte "Der Vampyr" - und vor allem die damals gerade 19 Jahre junge Mary Shelley schuf mit "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" einen wahren Klassiker der Schauerliteratur. Byrons Geschichte blieb nur ein Fragment und von Percy ist aus dieser Zeit gar kein dunkles Werk bekannt geworden.

200 Jahre alte Science-Fiction-Geschichte

Während Polidoris Vampir relativ schnell wieder vergessen wurde und erst durch Bram Stokers "Dracula" (1897) die bis heute bekannte Wirkkraft erhielt, hat Mary Shelley einen wahren Klassiker verfasst. Dabei greift die Bezeichnung "Schauerroman" hier eigentlich zu kurz. In gewisser Weise hat sie auch das Genre des Science-Fiction-Romans geprägt, wenn nicht sogar begründet.

Buchcover - Mary Wollstonecraft Shelley - Frankenstein or the Modern Prometheus von 1818.
Auf diesem Buchcover sieht Frankensteins Monster Ende des 19. Jahrhunderts eher imposant als gruslig aus. Bildrechte: IMAGO

Die Geschichte ist bekannt: Der Wissenschaftler Viktor Frankenstein schuf aus Teilen von Toten eine menschliche Kreatur und erweckt sie mit wissenschaftlichen Mitteln zum Leben. Doch er erschrickt vor seiner eigenen Tat und flieht. Das von ihm geschaffene Wesen kennt keine Moral, da ihm auch keine Erziehung angediehen ist. So tötet es ohne bösen Willen. Bei den Menschen trifft es auf starke Abneigung, zunächst nur wegen seiner Hässlichkeit.

In seiner Einsamkeit bittet die Kreatur Frankenstein um eine weibliche Begleitung. Dieser beginnt das Werk zunächst, doch aus Angst vor den unkalkulierbaren Folgen, beispielsweise wenn beide Kinder bekommen würden, zerstört er die fast fertige weibliche Schöpfung wieder. Die einsame Kreatur sieht dies und sinnt nun auf Rache. So tötet er - diesmal ganz bewusst - Frankensteins Braut in der Hochzeitsnacht. Sein Schöpfer soll den gleichen Schmerz erfahren, wie das Monster. Es beginnt eine Jagd der beiden aufeinander, die letztlich beide das Leben kostet.

Frankenstein-Verfilmungen

Die Frankenstein-Geschichte wurde häufig verfilmt, jedoch bei weitem nicht so oft wie sein düsterer Kollege Dracula mit seinen unzähligen Vampir-Kameraden. Es gab Frankenstein-Klassiker, aber auch skurrile Adaptionen.

Frankenstein
Bereits in der Stummfilmzeit kam 1910 James Searle Dawleys "Frankenstein" als 13-Minüter auf die Leinwand. 1930 brachte dann James Whale die Geschichte als Tonfilm ins Kino, in der Hauptrolle Boris Karloff (auf dem Filmplakat) als Monster, die Kultfigur des frühen Horrorfilms. Bildrechte: IMAGO
Frankenstein
Bereits in der Stummfilmzeit kam 1910 James Searle Dawleys "Frankenstein" als 13-Minüter auf die Leinwand. 1930 brachte dann James Whale die Geschichte als Tonfilm ins Kino, in der Hauptrolle Boris Karloff (auf dem Filmplakat) als Monster, die Kultfigur des frühen Horrorfilms. Bildrechte: IMAGO
Frankenstein
Der Karloff-Film sollte verschiedene Fortsetzungen erhalten. In "Frankensteins Sohn" spielt z.B. Bela Lugosi 1939 Ygor (links), den buckligen Gehilfen Frankensteins, der das Monster (gespielt von Boris Karloff), für seine eigenen mörderischen Zwecke missbraucht. Bildrechte: IMAGO
Frankenstein
Im Gegensatz zur Buchvorlage erhielt Frankenstein in der Verfilmung "Frankensteins Braut" (1935) eine düstere Schönheit an die Seite gestellt. Bildrechte: IMAGO
Frankenstein
In der Monster-Darstellung ist Boris Karloff bis heute ein Maßstab geblieben. Bildrechte: IMAGO
Frankenstein
In der Comedyserie "The Munsters" ist die Kreatur Mitte der 60er-Jahre zum liebevollen, leicht vertrottelten Familienvater mutiert. Bildrechte: IMAGO
Frankenstein
Irgendwann wurden die Sequels aber auch absurd: "Frankenstein trifft den Wolfsmenschen" (1943) ist nur eine der sonderbaren Nachverfilmungen. Bildrechte: IMAGO
Frankenstein
Und es ging noch skurriler: in "Frankenstein Meets the Space Monster" (1964) kommen im Film weder Frankenstein noch sein Monster vor. Bildrechte: IMAGO
Frankenstein
Mel Brooks nahm die Story 1974 mit "Frankenstein Junior" auf die Schippe. Dafür beschaffte er für manche Szenen sogar die Originalkulisse von 1931. Auf dem Bild ist der Gehilfe Igor zu sehen, gespielt von Marty Feldman. Bildrechte: IMAGO
Frankenstein
Kenneth Brannagh erzählte "Mary Shelley’s Frankenstein" dann 1994 wieder voller Tragik. Er führte Regie und spielte die Rolle des Wissenschaftlers Frankenstein, das Monster wurde von Robert De Niro dargestellt (Foto). Bildrechte: IMAGO
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Moralische Fragen

Gemälde von Mary Wollstonecraft Shelley
Mary Shelley Bildrechte: IMAGO

Kern der Geschichte von Mary Shelley ist keineswegs der Gruseleffekt, wie er später in Verfilmungen in den Mittelpunkt gestellt wurde. Es sind ethische Fragen: Darf der Mensch sich zum göttlichen Schöpfer erheben? Welche Verantwortung trägt er für sein Werk? Setzt eine Straftat bewusstes Handeln voraus?

Mit diesen Blickwinkeln reiht sich Mary Shelley in die Riege von Science-Fiction-Autoren wie Stanisław Lem oder Philip K. Dick ein, die erst weit über 150 Jahre später solcherlei fantastische Exkurse ausbreiteten. Ihr Buch war hochmodern, galvanische Experimente waren damals noch neu und hochfaszinierend. Man dachte damals tatsächlich, man könne Leben schaffen, da z.B. auch Froschmuskeln unter Stromschlägen zu zucken beginnen.

Weibliche Autorenperspektive

Der mit 19 Jahren noch so jungen Autorin Shelley ist es zu verdanken, dass in "Frankenstein" nicht nur die reine Machbarkeit von Wissenschaft betrachtet wird, sondern dass auch die gesellschaftlich-moralische Verantwortung eine Rolle spielt. Bei ihr ist nicht die geschaffene Kreatur das Monster, sondern sein Schöpfer. Und mit dieser ethischen Sicht, die vielleicht nur durch eine weibliche Autorin geschaffen werden konnte, ist sie noch immer hochaktuell. In Zeiten von Genmanipulationen und globaler Ausbeute von natürlichen Ressourcen vielleicht mehr denn je.

Die Autorin Mary Shelley Geboren 1797 als Mary Godwin, war sie die Tochter der Frauenrechtlerin und Philosophin Mary Wollstonecraft. Diese starb wenige Tage nach ihrer Geburt. Marys Vater war der Philosoph und Anarchist William Godwin. Mit 16 verliebte sich Mary in ihren späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley, der jedoch noch verheiratet war. Ihr Weg in eine gemeinsame Ehe wurde erst durch den Freitod der ersten Frau von Percy frei. Percy und Mary führten eine für ihre Zeit ungewöhnliche Beziehung, beide fühlten sich der freien Liebe zugetan. Die Ehe dauerte jedoch tragischerweise nur vier Jahre, 1822 starb Percy bei einem Segelunfall. Mary widmete sich komplett dem eigenen Schreiben und verwaltete den literarischen Nachlass ihres Mannes. 1851 starb sie 53-jährig in London.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Mai 2018 | 17:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2018, 13:59 Uhr