Die tausend Facetten der Gothic-Szene Vielfalt in Schwarz

Es wird wieder dunkel in Leipzig, das Wave-Gotik-Treffen lädt zur jährlichen Zusammenkunft. Einen kleinen Einblick in die Szene gibt Olaf Parusel, Musiker mit schwarzem Herz, der mit seiner Band sToa mehrfach beim WGT aufgetreten ist und die Szene auch musikwissenschaftlich untersucht hat.

Besucher des WGT 2016
Bildrechte: MDR JUMP/Jeannine Völkel

Wenn die Leipziger Straßen beim Wave-Gotik-Treffen (WGT) wieder monochrom durchströmt werden, stellt sich für viele Beobachter das Gefühl ein, es mit einer gleichermaßen uniformen wie auch vielfältigen Szene zu tun zu haben. Uniform ist sie in der Dominanz des Schwarzen. Doch bei genauerem Blick sind die Gestaltungsmöglichkeiten darunter extrem vielfältig.

Es gibt Zeitreisende aus Barock oder Mittelalter und Latex-Fetischisten; Normalos mit Jeans und T-Shirt und Cybergoths mit Atemmasken; aus Jules-Verne-Phantasien entsprungene Steampunks und bedrohliche Vampirgestalten. Und dazwischen immer wieder Goths, die ästhetisch vollkommen neue Wege beschreiten und die Optik der Szene erweitern - und sie damit lebendig erhalten.

My Colour is Black

Besucher des WGT 2016
Bildrechte: MDR JUMP/Jeannine Völkel

Die ästhetische Komponente ist schon immer ein elementarer Bestandteil der Gothic-Kultur. Sie ist ein Zeichen nach außen, dass es immer alternative Möglichkeiten des Lebens gibt - und sie ist ein Zeichen von Innen, dass für die Goths die Individualität über allen Modediktaten steht.

Darum auch das dominante Schwarz. Denn Schwarz war schon immer ein Zeichen des Besonderen: als Farbe der Trauer, der Existenzialisten, der Dunkelheit, des Bösen usw. Und es hat die Besonderheit, dass es eigentlich gar keine Farbe ist. Denn Schwarz entspricht in seiner reinsten Form der Abwesenheit des Lichts. Es ist "Farbe" gewordener Nihilismus.

Ich werde so lange Schwarz tragen, bis es eine dunklere Farbe gibt

Szenetypischer Spruch

Erkennungszeichen … nicht wirklich

Bei aller Vielfalt ist die ästhetische Erscheinung der Gothics nur selten ein Indiz der musikalischen Vorlieben. Ebenso variantenreich, wie sich die Szene optisch präsentiert, sind auch die musikalischen Spielarten, die innerhalb der Szene gehört werden. Es ist dabei die mit Abstand vielfältigste Kulturszene.

Gothics hören gitarrenbetonten Gothic-Rock und avantgardistische Klangeskapaden, brutalst-elektronischen EBM und feinsinnige Neoklassik, schlagerähnlichen Dunkelpop und melancholischen Neofolk, Mittelaltermusik und Heavy Metal und vieles, vieles mehr.

Alles in Eintracht?

Was von außen vielleicht homogen und harmonisch wirkt, hat natürlich auch mit inneren Abgrenzungen zu kämpfen. Schon immer wurden innerhalb der Szene manche Goths als "Pseudos" oder "Wochenendgruftis" betrachtet. Früher war es sowieso besser und überhaupt laufen wahre Gothics nicht auf dem Wave-Gotik-Treffen-Laufsteg herum und lassen sich von Schaulustigen fotografieren.

Der Wertekanon verschiebt sich, schließlich sind schon mindestens zwei Generationen mit der Szene alt geworden. So sieht man beim WGT manchmal Oma, Mama und Kind einträchtig über den Mittelaltermarkt schlendern. Auch die Zwänge des Lebens fordern ihren Tribut.

Und doch gibt es ein verbindendes Element, das sich Außenstehenden vielleicht schwer erklären lässt. Man "ist" Gothic und bleibt es bis zu einem gewissen Grad auch immer. Es ist ein Lebensgefühl, das sich speist aus einer Affinität zur Düsternis, der Begeisterung für Philosophie, Kunst und Literatur, der Abgrenzung von vermeintlich vorgezeichneten Lebenswegen aus Bausparen-Malochen-Lebensende. Es ist die ewige Suche nach einem Lebens-Mehrwert, der sich in der Innerlichkeit findet, im Nachdenken, Erfühlen und Genießen. Alles schwarz angestrichen. Und so schlägt wohl in jedem Gothic bis an sein Lebensende ein schwarzes Herz, auch wenn man es äußerlich manchmal nicht mehr sieht.

Der Autor Olaf Parusel Der in Halle (Saale) geborene Olaf Parusel kennt die Gothic-Szene aktiv seit den 1980er-Jahren. Mit seiner Band sToa ist er verschiedene Male beim Wave Gotik Treffen aufgetreten. In Ländern wie Mexiko, China und Russland gilt sToa als eine der international prägendsten Gothic-Bands und erreichte dort Chartplatzierungen. Olaf Parusel studierte Musikwissenschaft und Philosophie und hat seine Magisterarbeit über die Gothic-Szene geschrieben. Heute ist er als Komponist und Online-Redakteur tätig.

Der MDR berichtet über dieses Thema auch im Programm: artour spezial | 04.06.2017 | 22:00 Uhr
MDR KULTUR - das Radio | 02.06. - 05.06.2017 | Berichte und Kulturnachrichten