Bücher gestapelt, ein Apfel und eine Feder davor
Bildrechte: Colourbox.de

Schön schaurig Diese Bücher passen perfekt zum Wave-Gotik-Treffen

von MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher

Bücher gestapelt, ein Apfel und eine Feder davor
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David Mitchell: "Slade House"

Alle neun Jahre, am letzten Sonntag des Oktobers erscheint sie: Die kleine Eisentür in der Backsteinmauer der Slade Alley, die zu einem geheimnisvollen Herrenhaus inmitten eines prachtvollen Gartens führt. Immer ist es der schönste aller vorstellbaren Gärten. Immer ist es die beste aller möglichen Welten, die den Unglücklichen erwartet, der zufällig und doch geheimnisvoll gelenkt durch die Eisentür tritt. Und immer ist es das eigene Porträt, was er dort am Ende der Treppe ins Obergeschoss vorfindet – kurz bevor er auf die Herrschaft des Hauses trifft, die diabolischen Zwillinge, die dem Besucher längst das tödliche Seelex verabreicht haben ...

Kenner David Mitchells wissen, worum es geht: Die Anachoreten sind wieder los, die Seelenfresser, deren Kosmos der Autor vor zwei Jahren in seinem Roman "Die Knochenuhren" deftigst beschrieben hat. Dieses neue Buch nun ist wieder ein typisches Mitchell-Monster der Verspieltheit und Anspielungen, der überbordenden Kulissenschieberei und Rückgriffe.

'Slade House' saugt seine Seelen aus der Literatur und Kulturgeschichte der Schauerromantik und ist dabei ein so gelehrtes wie herrlich trashiges Vergnügen.

MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher

Die Geschichte ist zudem ein Spin-off aus den "Knochenuhren", das Fäden aufnimmt und weitererzählt. Aber auch rückwärts funktioniert dieser Roman wie ein Eintrittstor in Mitchells Schauerromantikwelt – wer die früheren Geschichten nicht gelesen hat, wird sie zur Hand nehmen müssen, geheimnisvoll gelenkt.

Buchcover: David Mitchell: "Slade House"
Bildrechte: Rowohlt Verlag

David Mitchell: "Slade House" Aus dem Englischen von Volker Oldenburg
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-04276-9
20,00 Euro

Gunnar Decker: "Die Fledermaus. Bote der Nacht"

Fledermaus
Das geheimnisvolle Tier inspirierte uns zum Vampirmythos. Wie kam es dazu? Bildrechte: Colourbox

Sie ist das Wappentier des unheimlichen Lebens in der Nacht, hat Arme und Beine wie ein Mensch und segelt doch schwerelos durchs Dunkel: Die Fledermaus, diese seltsame Kreatur zwischen Luft und Erde, der sich der Philosoph Gunnar Decker in seinem schön illustrierten Tierporträtbuch widmet. Eine Begegnung mit einer Fledermaus in einer venezianischen Sommernacht hat den Autor darauf gebracht, diesen luftig-leisen Nachtschwärmern hinterher zu recherchieren. Und das Panorama, das er aufmacht, geht weit über biologische Daten, über Sozialverhalten, Ultraschallforschung und Verbreitung hinaus.

Decker begibt sich in die Mythologie, die Kunst und die Literatur, um die vielfältigen Verbindungen zwischen Fledermaus und Vampirnarrativ aufzuzeigen.

MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher
Gunnar Decker: "Die Fledermaus. Bote der Nacht"
Bildrechte: Berenberg Verlag

Die Fledermaus ist eine seltsame Kreatur. Ihr hat sich der Philosoph Gunnar Decker mit einem illustrierten Tierporträtbuch widmet. Er ist im Gespräch u.a. zu Mythologie, Kunst und Literatur über die Nachtschwärmer.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 19.05.2018 19:05Uhr 26:35 min

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Wie kam der Übersprung von der bluttrinkenden Fledermaus zum Vampir? An welchem kulturhistorischen Abzweig wurde diese Verbindung in literarische Bahnen gelenkt? Dracula und Lord Byron, Dürer und Batman – die Gewährsmänner und -frauen sind vielseitig. Chiropterologie, also Fledermausforschung, und Vampirologie werden zusammengebracht in diesem Buch, das nicht unbedingt durch den natur(er)kundlichen Blick besticht, sondern durch seine Tour durch die große Erzählung zwischen Fledermaus und Vampir.

Gunnar Decker: "Die Fledermaus. Bote der Nacht" Berenberg Verlag
ISBN 978-3-946334-33-0
22,00 Euro

Henk van Rensbergen: "No Man's Land"

Eine verhängnisvolle Katastrophe? Ein geheimnisvolles globales Ereignis? Die Menschheit ist ausgelöscht worden. Nun sitzt ein Mops träge auf einem Schlafzimmerbett, auf dem schon das Moos empor gekrochen ist. Ein Schimmel steht dampfend in der leeren Abflughalle eines Airports. Ein Leguan geistert durch ein putzbröckeliges Theater.

Der Mensch ist nur mehr Echo seiner Interieurs und Bauten – die Tiere haben die Handlung übernommen in den Fotos von Henk van Rensbergen.

MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher

Der Brüsseler Fotograf bannt seit Jahren Lost Places auf Film: Ruinen und verlassene Bürogebäude, verfallene Villen oder Shopping Malls. Für seinen neusten Band hat er Tiere in diese zerbröselnden Stillleben platziert, mit unheimlichem Effekt: In "No Man’s Land" ist der Mensch der ausgestorbene Dinosaurier. Seine Hinterlassenschaften liegen noch ein Weilchen herum, sind Requisite und letzter Gruß. Ein Vorwort des berühmten Zoologen Desmond Morris und ein Epilog des flämischen Dichters Peter Verhelst rahmen die dystopischen Szenarien. Und bringen eine weitere poetische Facette in diese post-humanen Wildnisse, die verstörend sind, aber alles andere als öde.

Cover: Henk van Rensbergen: "No Man's Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte"
Bildrechte: Knesebeck Verlag

Henk van Rensbergen: "No Man's Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte" Knesebeck Verlag
ISBN 978-3-95728-153-1
50,00 Euro

Henk van Rensbergen: "No Man's Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte" Blick ins Buch

Abbildungen aus dem Buch Henk van Rensbergen: "No Man's Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte"
Bildrechte: Henk van Rensbergen/Knesebeck Verlag
Abbildungen aus dem Buch Henk van Rensbergen: "No Man's Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte"
Bildrechte: Henk van Rensbergen/Knesebeck Verlag
Abbildungen aus dem Buch Henk van Rensbergen: "No Man's Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte"
Bildrechte: Henk van Rensbergen/Knesebeck Verlag
Abbildungen aus dem Buch Henk van Rensbergen: "No Man's Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte"
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Abbildungen aus dem Buch Henk van Rensbergen: "No Man's Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte"
Bildrechte: Henk van Rensbergen/Knesebeck Verlag
Abbildungen aus dem Buch Henk van Rensbergen: "No Man's Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte"
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Mary Shelley: "Frankenstein oder der moderne Prometheus"

Das Jahr 1816, eine Gewitternacht am Genfersee – dort wird die Basis eines literarischen Zaubertrankes gebraut, der bis heute die Fantasie berauscht: Mary Wollstonecraft Godwin, die sich in allzu naher Zukunft den Namen Shelley anheiraten wird, sitzt mit ihrem zukünftigen Mann, mit Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori in der Villa Diodati und man schreibt zum gegenseitigen Vortrag bestimmte Schauergeschichten.

Das Wetter ist zu schlecht. Das Jahr ist ohne Sommer. Und so entsteht Mary Shelleys Idee von Frankensteins Monster.

MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher

Wir wissen, wie es von diesem oft strapazierten Geburtsmythos bis heute weiterging – bis zur Addams Family oder Alice Cooper. Doch wie wenig eine verharmlosende und kinderkompatible popkulturelle Lesart dem Ursprungstext entspricht, macht ein Blick in den Ur-Text der damaligen Session klar, der in einer schicken und taschengerechten Neuausgabe aus dem Hause Manesse erhältlich ist. "Umso mehr erstaunt es, wie die wenigen genauen Beschreibungen, die Mary Shelley riskiert, bis heute den Geist der Ernsthaftigkeit atmen." So schreibt der Schriftsteller Georg Klein in seinem luziden Nachwort, das einmal mehr den Blick auf die Komplexität und die biopolitische Aussage des Romans lenkt.

Cover: Mary Shelley: "Frankenstein oder der moderne Prometheus"
Bildrechte: Manesse Verlag

Mary Shelley: "Frankenstein oder der moderne Prometheus" Die Urfassung von 1818
Aus dem Englischen übersetzt und in neuer Überarbeitung herausgegeben von Alexander Pechmann
Nachwort von Georg Klein
Manesse Verlag
ISBN: 978-3-7175-2370-3
22,00 Euro

Ricarda Huch: "Die Romantik. Blütezeit, Ausbreitung und Verfall"

Dieses Buch schließlich führt zum Quellcode der literarischen Romantik. Flamme, Glut und blaue Blume: Ricarda Huchs wissenschaftliche Abhandlung, die sie um 1899/1902 veröffentlicht hat, schildert aus ihrer Perspektive (also 100 Jahre nachgeboren), wie damals Naturwissenschaften und Literatur, Philosophie und Lebenswelt zu einem Kunstwerk verschmelzen, das wir heute als Romantik bezeichnen. Die Protagonisten, wie etwa Friedrich Wilhelm Schelling und Ludwig Tieck, Novalis und Karoline von Günderode, Friedrich und August Wilhelm Schlegel sowie E.T.A. Hoffmann, führt sie in ihren Lebenswelten und Verquickungen vor – und erzählt nicht zuletzt von einer Jugendbewegung um 1800, die Epoche machte. Grade Mitteldeutschland, Jena, Weimar, Braunschweig, sind die Zentren der romantischen Erneuerung. Eine inspirierende Einführung und Anlass zum Weiterlesen in den Klassikern; zudem in einer wunderschönen Neuausgabe der "Anderen Bibliothek".

Ricarda Huch, selbst Dichterin, vermag in ihrem Text das laute Herzklopfen von damals noch einmal hören lassen.

MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher
Ricarda Huch: "Die Romantik. Blütezeit, Ausbreitung und Verfall"
Bildrechte: Die andere Bibliothek

Ricarda Huch: "Die Romantik. Blütezeit, Ausbreitung und Verfall" Die Andere Bibliothek
ISBN: 9783847703976
42,00 Euro

Eine Frau liest in einem Buch.
Zeit für eine nächtliche Lese-Session! Bildrechte: Colourbox.de

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Mai 2018 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2018, 11:40 Uhr