Doku "Roots of Darkness" Wo die Anfänge von Wave und Gothic liegen

Wenn zu Pfingsten mehr als 20.000 Anhänger der schwarzen Szene nach Leipzig pilgern, dann geht es auch um die Feier der alten Helden. Mit Joy Division, The Cure und Siouxsie Sioux sind viele aufgewachsen. Songs wie "Love Will Tear Us Apart", "Boys Don't Cry" und "The Killing Jar" hat hier jeder Zweite auf Abruf. Doch woher kam der Sound, der bis heute die Szene prägt?

Wer nach dem Anfang von Wave und Gothic fragt, landet unweigerlich in Manchester. Damals am Ende der 1960er-Jahre ist die Euphorie der Sixties verflogen. Die Wirtschaft im Vereinigten Königreich liegt am Boden, auch in Manchester, der Wiege des Kapitalismus. Dort gibt es keine Industrie mehr, nur den Fußball. An manchen Stellen der Stadt, heißt es, liegen noch Häuser aus Kriegszeiten in Trümmern. Doch genau dort, wo es nach "No future" aussieht, entsteht etwas Neues.

"Anarchy in the UK" oder: Wie man der Welt den Stinkefinger zeigt

Die britische Punkrockband Sex Pistols bei ihrem Debut in der amerikanischen Stadt New York am 05.01.1978
Die Sex Pistols - "Ihr Auftreten und ihre Haltung waren unglaublich." Bildrechte: dpa

Die Sex Pistols, gerade mit der Single "Anarchy in the UK" aufgefallen, sorgen von London aus dafür, dass sich das Punk-Virus im ganzen Land ausbreitet. Im Juli 1976 spielen sie zwei Konzerte in Manchester und beflügeln im überschaubaren Publikum die, die die ganze Punk- und New Wave-Szene der Stadt begründen werden. Dazu gehören vier junge Männer, die zwei Jahre später als Joy Division bekannt werden.

Plötzlich wollte ich der Welt den Stinkefinger zeigen genau wie Johnny Rotten. Wir beschlossen sofort, eine Band zu gründen und verließen das Konzert (der Sex Pistols) als Musiker.

Peter Hook, Mitbegründer von Joy Division und New Order
Mann
Peter Hook heute Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bassist Peter Hook erinnert sich an den Konzertbesuch: "Man hatte das Gefühl, die Aliens wären gerade gelandet." Auch wenn die Sex Pistols eigentlich nur alte Rock 'n' Roll-Songs gecovert hätten: "Ihr Auftreten und ihre Haltung waren unglaublich. Vom Lärm ganz zu schweigen". Und: "An diesem Abend hatte man das Gefühl Teil von etwas Einzigartigem, Revolutionären zu sein", sagt Hook.

Mit ihrem Album "Unknown Pleasure" laden Joy Division den Punk melancholisch auf und werden über Nacht zu Helden des Postpunk, bekommen sogar einen Auftritt bei der BBC. Zur großen US-Tournee kommt es nicht mehr, weil sich Sänger Ian Curtis erhängt.

Von Joy Division zu The Cure: Wie aus Düsternis Pop wird

Siouxsie and the Banshees
Siouxsie and the Banshees Bildrechte: IMAGO

Mit Joy Division ist die große Düsternis angekommen in der Popkultur. New Order tritt die Nachfolge an. "Blue Monday" wird ihr Durchbruch. Anfang der 1980er-Jahre entsteht in England ein ganzes Universum an Bands, die ihre dunkle Weltsicht mehr oder weniger hören lassen. Darunter so schillernde Wesen wie die stets unnahbare Siouxsie Sioux.

Bunte Vögel wie Adam Ant oder Gender-Partisanen wie Boy George beginnen, den neuen Planeten Wave zu bevölkern.

Das erste, was man vom Club "Batcave" sah, war das beleuchtete Sarg-Logo am Eingang.

Peter Webb, Soziologe und Szene-Kenner
Szene aus der Doku: Roots of Darkness - der Anfang von Wave und Gothic
Peter Webb heute Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In London ensteht mit dem heute noch legendären "Batcave" der erste Grufti-Club der Welt, wo melancholische Teenager ihren Weltschmerz zelebrieren. Auch The Cure-Sänger Robert Smith verkehrt dort. Er soll die Musik, die dort gespielt wird, nicht so gemacht haben. Aber wahrscheinlich die schwarz grundierte und auftoupierte Individualität des Publikums. Schließlich geht es vor allem um eins: auf Abstand gehen zu den "Happy Houses" der miefigen Mittelschicht.

Gudrun Gut oder: Wie der Punk nach Westberlin kommt

Eine Frau steht in einem Zimmer.
Gudrun Gut - Sängerin von Malaria! blickt zurück Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aus der Bewegung wird ein Weltphänomen, das über das Epizentrum England hinauswirkt. Auch in Westberlin mischt der Punk die Musikszene auf, Gudrun Gut von der Frauenband Malaria! betont, dass es dort in der Fronstadt nicht nur um die Aufmachung, sondern um eine durchaus kämpferische und feministische Haltung ging. Malaria! spielt damals in New York und landet Hits in Japan. Doch über die Grenzen der Szene kommen Bands wie Malaria! in Deutschland nicht hinaus.

Ich wollte unbedingt auch so ein bisschen stylie sein und habe weiße Wimperntusche aufgelegt. Und sie guckte mich voll komisch an.

Gudrun Gut über ihre Begegnung mit Stilikone Siouxsie Sioux

Die Beschränkung ist eher gewollt. Es geht ums Künstlersein, nicht um kommerziellen Erfolg. In England aber schielen Bands wie The Cure durchaus auf den Zeitgeschmack. Die Inszenierung ihrer selbst treiben "Sisters of Mercy" auf die Spitze - in bombastischen Videosettings, die aussehen, als sei der Dritte Weltktieg im Gange. So wird das Schwarze Anderssein mehrheitsfähig.

Warum das WGT so gut nach Leipzig passt

In der spießigen DDR machen die Fans kaum einen Unterschied zwischen Pose und Echt, es geht auch dort um Abgrenzung, noch ohne die kapitalistische Alltagserfahrung als Hintergrund. Den Leipziger Schüler "Makarios" berührt die Musik von "Joy Division", den "Cocteau Twins" und von The Sound". Als Sänger der Band "Die Art" lässt er seine Emotionen raus. Das klingt ganz anders als DDR, eher nach Westen und Wave. Passenderweise sieht es an manchen Ecken von Leipzig um 1989, als die DDR untergeht, auch so aus wie in Manchester zehn, 20 Jahre früher.

Möglicherweise kein Zufall, dass gerade hier aus der Leipziger Fanszene heraus ein Treffen der "Waver und Gothics" initiiert wird, das inzwischen zum großen Spektakel geworden ist. Manchester lieferte die musikalische Inspiration, in Leipzig entwickelte sich das WGT inzwischen zum Familientreffen. Düster als Weltsicht, aber auch als Pose.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SPEZIAL | 09. Juni 2019 | 22:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Mai 2018, 12:00 Uhr

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