Bestseller-Autor Sebastian Fitzek
Auf seinen Lesungen werde viel gelacht, sagt Schriftsteller Sebastian Fitzek, der 2019 zum ersten Mal beim WGT Leipzig auftritt. Bildrechte: dpa

Interview Bestseller-Autor Sebastian Fitzek: "Ich freue mich sehr aufs WGT"

Sebastian Fitzek ist Deutschlands meistgelesener Psychothriller-Autor und wird dieses Jahr zum ersten Mal beim WGT Leipzig auftreten und aus seinem Buch "Der Insasse" lesen. Zuvor hat er mit uns im Interview über seine eigenen Ängste gesprochen, über den Tod und ob er viele verhaltensauffällige Menschen kennt.

Bestseller-Autor Sebastian Fitzek
Auf seinen Lesungen werde viel gelacht, sagt Schriftsteller Sebastian Fitzek, der 2019 zum ersten Mal beim WGT Leipzig auftritt. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: In Ihren Romanen sterben immer wieder Menschen auf seltsame und auch brutale Weise. Wie gehen Sie selbst mit dem Thema Tod um?

Sebastian Fitzek: Zunächst einmal nehmen die Beschreibungen von expliziten Gewalttaten in meinen Büchern – auch entgegen von Vorurteilen – maximal fünf oder sechs Prozent ein, also ganz wenig. Was aber tatsächlich einen großen Raum einnimmt, ist die Darstellung der Auswirkungen von Gewalt. Das heißt, die Opfer stehen – anders als die Täter – bei mir im Mittelpunkt. Das ist auch dem Opferschutzverband "Weißer Ring" aufgefallen, die mich deswegen gefragt haben, ob ich nicht Botschafter des sächsischen Landesverbandes werden will. Und da habe ich natürlich gerne Ja gesagt.

Was machen Sie da?

Als Botschafter versuche ich meine Bekanntheit – wie zum Beispiel in einem Interview wie diesen – dafür zu nutzen, dass Menschen, insbesondere Opfer, darauf aufmerksam gemacht werden: Da gibt es Leute, die dir helfen, wenn du nicht weißt, was du nach einer Straftat machen sollst. Bei dir wurde eingebrochen, also rufst du die 112. Aber was ist, wenn du dann allein in deiner Wohnung sitzt, traumatisiert bist, keiner mehr da ist, du eventuell auch kein Geld hast, um dir neue Anschaffungen zu leisten? Was machst du? Da gibt es Ansprechpartner beim "Weißen Ring", die Opfer unterstützen. Und ich kann darauf aufmerksam machen. Oder wie letztens in Chemnitz und Dresden Charity-Lesungen geben, um dort Gelder zu sammeln für diesen gemeinnützigen Verein.

Kommen wir noch einmal zum Thema Tod zurück.

Der Tod an sich ist ja etwas, was wir aus gutem Grund verdrängen. Niemand sollte jede Sekunde seines Daseins im Bewusstsein seiner Sterblichkeit verbringen. Das ist ja auch die Grausamkeit der Todesstrafe, dass man seinen Todeszeitpunkt kennt. Insofern haben wir eine gesunde Verdrängung, aber wir wissen, er gehört zum Leben und irgendwann müssen wir uns dem Tod stellen. Die meisten Menschen suchen sich ein Ventil, zum Beispiel eine Achterbahnfahrt als klassische Nahtoderfahrung: Wenn man sie durchgestanden hat, werden Endorphine freigesetzt. Nichts anderes ist die Achterbahnfahrt, die einem ein Thriller gibt, wenn man ihn liest. Am besten mit einem Happy End, zumindest wenn die wesentlichen Konflikte gelöst sind. Man hat sich fiktional dem Tod genähert, kann seine Ängste mit dem Buch wieder zurück ins Regal sortieren und sich im besten Falle wieder gestärkt den realen Ängsten widmen.

Gilt das auch für Sie als Autor?

Bei mir ist es noch besser. Ich kann nämlich Ängste und Sorgen verarbeiten und mich meinen inneren Dämonen stellen, indem ich sie im Rahmen einer Schreibtherapie runterschreibe und sie bearbeite. Dann sind meine Sorgen, die ich zum Beispiel als Familienvater habe, nicht weg, aber es ist ähnlich wie beim Grübeln, wo man ja auch Menschen rät: Schreib deine Gedanken auf. Sobald sie niedergeschrieben sind, sind sie fassbarer und man ist der Lösung des Problems einen Schritt näher. Also für mich ist Schreiben auch ein bisschen wie Eigentherapie.

Haben Sie da mehr Therapiebedarf als andere Leute? Oder woher kommt dieser Output?

Das glaube ich weniger. Die Leserzuschriften spiegeln mir eigentlich wider, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat. Das können kleinere Sorgen oder auch größere Probleme sein. Ich glaube, dass da eher die selektive Wahrnehmung eine Rolle spielt. Wenn Sie selbst Radio machen, werden Sie Radio ganz anders hören als jemand, der nicht fürs Radio arbeitet. Ich gehe als Autor durchs Leben, also auch immer als Ideensucher. Wenn man nach verhaltensauffälligen Menschen oder skurrilen Begebenheiten Ausschau hält, sieht man die auch auf einmal sehr viel häufiger als jemand, der mit einem gesunden Verdrängungsmechanismus ausgestattet ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass jedem etwas passiert oder jeder etwas sieht, das einen theoretisch zum Schreiben eines Psychothrillers verleiten könnte. Die meisten Menschen aber verdrängen es oder beobachten es gar nicht, weil sie nicht wie ich auf der Suche danach sind.

Ich bin der festen Überzeugung, dass jedem etwas passiert oder jeder etwas sieht, das einen theoretisch zum Schreiben eins Psychothrillers verleiten könnte.

Sebastian Fitzek

Sie würden also nicht sagen, dass in Ihrem Umfeld mehr psychisch Gestörte sind, sondern dass Sie einfach einen Blick dafür haben?

Genau. Weil es mein Beruf ist. Ich habe mir auch nie Gedanken über Kinderwagen gemacht, bevor sich das erste Kind anschickte. Und als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, welcher jetzt der beste ist, bin ich in eine Welt eingetaucht und habe festgestellt, dass in jeder zweiten Zeitschrift eine Anzeige für Kinderwagen ist und man die überall auf der Straße sieht. Das ist auch beim Schreiben so: Verhaltensauffällige Menschen gibt es immer, aber man denkt gar nicht weiter drüber nach, wenn man nicht auf der Suche danach ist.

Haben Sie durch die ständige Beschäftigung damit eher mehr oder weniger Angst vor Verbrechen und vorm Sterben?

Das ist eine gute Frage. Denn natürlich stumpfe ich nicht ab, ganz im Gegenteil. Man wird sensibilisierter und emotionaler. Bücher, egal, ob man sie liest oder schreibt, schulen die Empathie. Wir müssen Einfühlungsvermögen haben. Wenn wir uns nicht in fremde Figuren hineinversetzen können, empfinden wir weder Genuss beim Schreiben noch beim Lesen. Es ist so, dass ich mir nach wie vor sehr gut alleine Angst machen kann und bestimmt mehr Ängste habe als andere Menschen oder sie zumindest stärker nachempfinden kann, sonst könnte ich nicht darüber schreiben. Aber ich habe das Ventil des Schreibens, so dass es sich die Waage hält.

Bücher, egal, ob man sie liest oder schreibt, schulen die Empathie.

Sebastian Fitzek

Schreiben Sie mehr über die Ängste anderer Leute oder über Ihre eigenen?

Sebastian Fitzek
Bestseller-Autor Sebastian Fitzek Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Kern sind es schon meine eigenen Ängste, denn ich kann nur darüber schreiben, was relevant ist für mich. Für mich ist Kindesmissbrauch und -misshandlung wesentlich relevanter als die Ermordung einer Millionärsgattin in einem Hamburger Vorort. Die ist natürlich auch schrecklich, aber statistisch gesehen kommt sie nur sehr selten vor und ist eine meistens nachvollziehbare Beziehungstat.

Wohingegen Kindesmisshandlung ein absolutes Massendelikt mit unzähligen toten Kinderseelen ist. Und als betroffener Familienvater und als Journalist, der ich früher war und recherchiert habe, ist mir weniger Angst, sondern ich habe vielmehr Mitleid mit den Kindern, denen so etwas Schreckliches widerfährt. Mitleid mit Angehörigen, die vielleicht hilflos vor solchen Zuständen stehen. Mitleid mit Menschen, die Konfliktsituationen bewältigen müssen, zum Beispiel im Jugendamt, die nicht wissen, reiße ich jetzt jemanden aus dem familiären Umfeld raus und verantworte dieses Kind vielleicht schlechteren Verhältnissen. Existenzielle Entscheidungen, wo ich manchmal bei der Nachrichtenlage selber nicht weiß, wie ich mich entscheiden würde. Da gibt mir das Schreiben die Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen. Mich mit diesem Thema näher zu beschäftigen.

In Berlin suchen wir aktuell nach dem 15-jährigen Mädchen Rebecca, die spurlos von der Bildfläche verschwunden zu sein scheint. Ich als Autor habe die Möglichkeit, diese Tat aufzudröseln – was ich nie machen würde, weil ich reale Ereignisse nicht als Vorbild nehme, zumindest nicht so unmittelbar, weil ich das Leid anderer nicht ausschlachten möchte, ich denk mir das schon aus – aber im Kern hätte ich natürlich die Möglichkeit, das Mädchen wieder auftauchen zu lassen. Ich kann also die schreckliche Realität auch verändern, indem ich sie beschreibe, aber auch zu einem guten Ende führe. Das ist leider nicht immer realistisch.

Aber es gibt einem das gute Gefühl des Happy Ends.

Ein noch besseres Gefühl als das Happy End gibt es einem, wenn man die Motivation der Taten nachvollziehen kann. Häufig lassen uns Schlagzeilen völlig verständnislos zurück. Wir lesen "Kind verschwunden", wissen nicht wieso und wir ahnen nicht, welche Tragödie sich im Hintergrund abspielt. Und wir wissen auch nicht, wieso die Polizei nicht weiterkommt. Irgendwann kriegen wir vielleicht die große Auflösungsmeldung, aber der Zeitraum dazwischen, wo die Angehörigen in diesem unerträglichen Schwebezustand gelitten haben, bleibt uns verborgen. In einem Roman hat man die Möglichkeit, das näher zu beleuchten. Die beste Katharsis für den Leser und den Autor ist, zu verstehen. Selbst wenn es kein Happy End geben sollte, hat man verstanden, warum die Dinge so passiert sind, wie sie geschehen sind.

Sie lesen dieses Jahr auch auf dem WGT. Waren Sie schon mal da?

Nein, noch nie. Meine Frau komischerweise auch nicht, obwohl sie selbst ein großer Fan dieser Szene ist, sich darin auch bewegt und großer Fan vieler Bands ist, die da auftreten. Bei mir ist es so, dass ich selber das immer bewundert angeguckt habe, weil es erstaunlich kreative Veranstaltungen und Kostümierungen der Leute gibt. Es ist auch ein sehr friedliches Festival. Durch den Freundeskreis meiner Frau kenne ich einige, die regelmäßig dort hingehen und habe mir vorgenommen, da als Gast mal hinzugehen. Als die Anfrage kam, sagte ich also sofort zu, auch wenn ich optisch nicht hundertprozentig reinpasse, aber von den Themen schon ein bisschen. Ich freue mich da sehr drauf.

Wird Ihre Lesung dort anders sein als auf einer herkömmlichen Lesetour?

Nein, meine Lesung kann nicht anders sein, denn ich kann nur das machen, was mir selbst Spaß macht auf der Bühne. Ich werde jetzt also nicht anfangen, mich dem Publikum anzubiedern und so zu tun, als wäre ich ein eingefleischter WGTler. Ich trage zum Glück auf der Bühne aber eh immer schwarze Klamotten. Das passt ja schon mal ganz gut. Ich werde mich nicht verstellen. Das war auch andersrum schon so. Als ich als Psychothriller-Autor meine ersten Lesungen gehalten habe, haben die Leute immer über die Anekdoten gelacht, und ich wurde gefragt: Hast du nicht Angst um dein Image als eher dunkler Psychothriller-Autor? Aber ich kann das gar nicht. Ich will gar nicht, dass die Leute anderthalb Stunden geschockt sind. Ich erzähle lieber, wie ich auf meine Ideen komme – das sind häufig sehr skurrile Vorkommnisse – und wenn sie lachen, umso besser. Und ich hoffe, dass ich auch die Leute in Leipzig zum Lachen bringe.

Das Interview führte Juliane Streich für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur kompakt | 03. Juni 2019 | 13:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juni 2019, 04:00 Uhr

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