Sepulkralforscher Alfred E. Otto Paul im Porträt "Ich bin der Südfriedhof"

von Juliane Streich, MDR KULTUR-Autorin

Dienstagvormittag, Südfriedhof Leipzig. In einer hinteren Ecke zwischen blühenden Rhododendronbüschen stehen viele grauhaarige Männer um ein neues Grab herum. "Robert Lauterbach, Universitätsprofessor, Geophysiker" steht auf dem Grabstein, und: "Gestorben 1995". Dass der Wissenschaftler im Jahre 2017 nochmal ein neues Grab bekommt, ist Alfred E. Otto Paul zu verdanken.

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Alfred E. Otto Paul bei der zweiten Bestattung von Robert Lauterbach Bildrechte: MDR/Juliane Streich

Paul ist Mitte 60, trägt Glatze, schüttelt hier jedem die Hand und sagt von sich selber: "Ich bin der Südfriedhof". Und fügt dann noch an: "Aber das ist nicht wichtig". Paul ist Sepulkralforscher, also Auskenner in Sachen Begräbniskultur. Er gibt Führungen auf dem Südfriedhof, die nicht nur bei WGT-Besuchern als legendär gelten. Angesetzt sind sie auf zwei Stunden, meistens dauern sie drei, manchmal auch vier Stunden, je nach Lust und Ausdauer der Beteiligten. Denn Alfred E. Otto Paul hat viel zu erzählen, über die Gräber hier und über die Menschen, die in ihnen liegen.

Über Robert Lauterbach zum Beispiel weiß er, dass die Familie des bekannten Geophysikers das ursprüngliche Grab nicht mehr weiter nutzen wollte. Also ließ Paul ihm auf dem Südfriedhof neben dem anderen bekannten Leipziger Geologen Franz Kossmat ein Grab errichten. Bei der Umbettung fand er heraus, dass Lauterbachs Bestatter damals gepfuscht haben. Im alten Sarg fand man eine Plastiktüte eines Kaufhauses, in dem sich die schicken Anziehsachen befanden, die Lauterbach bei seiner Beerdigung hätte tragen sollen. Die Bestatter hatten sie aber einfach nur in den Sarg geschmissen.

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Die Gräber von Robert Lauterbach und Franz Kossmat auf dem Südfriedhof. Bildrechte: MDR/Juliane Streich

Der Trend geht zu Discount-Bestattungen

Es kommt nicht selten vor, dass Paul Tote umbettet oder exhumiert. Direkt am Eingang des Südfriedhofs hat Paul sein Büro. Hier logiert die Paul-Bennedorf-Gesellschaft, die er selbst gegründet hat und deren erklärtes Ziel "die Förderung und Pflege von Kulturwerten im Bereich des Friedhofs- und Denkmalwesens" ist. Man könnte auch sagen, das ist Pauls erklärtes Lebensziel.

1985 wurde Paul Technischer Direktor des damaligen VEB Bestattungs- und Friedhofswesens und trug somit die Verantwortung für den Erhalt der Bauwerke auf den Leipziger Friedhöfen. "Ich war der Abtrünnige", sagt er über diese Zeit. "Den Job wollte ja keiner haben." Die DDR habe das Begräbniswesen zugrunde gerichtet, schimpft er. Zuerst gab es Massenbestattungen von 700 Leuten, später sogar von 3.000. Einige lagen neben dem Grab des ersten Oberbürgermeisters von Leipzig. "Da haben die Kinder gefragt: Wo liegt Oma?",  erzählt er, "und bekamen als Antwort: Beim Otto Georgi."

Doch auch heute nimmt Paul einen Trend zu anonymen Bestattungen wahr bzw. zu sogenannten Discount-Bestattungen, bei denen die Leichen "haufenweise nach Tschechien gekarrt werden, weil es da billiger ist". Etwa jeder zweite Tote bekommt kein persönliches Grab. Paul hat auf seinem Privatgrundstück sogar einen eigenen Platz für verstorbene Tiere.

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Alfred E. Otto Paul - der Südfriedhof ist sein Revier. Selbst die Glocken der Kirche hat er nach seinen Kindern benannt. Bildrechte: MDR/Juliane Streich

Die erste Leiche, die er jemals sah, war sein Urgroßvater

Der Tod war in Pauls Leben immer schon da. Die erste Leiche, die er jemals sah, war sein Urgroßvater. "Der lag schick angezogen auf dem Paradebett – wie ein preußischer Offizier", erinnert er sich. "Aber ganz friedlich, als ob er schlief, von Todeskampf keine Spur. Die Fenster in dem Zimmer waren verdunkelt, es herrschte eine besondere Stimmung. Auch auf dem Boden standen überall Särge", erzählt Paul. Denn der Tod war ein Ritual in Pauls Familie. Immer wenn jemand gestorben war, rief das Familienoberhaupt: "Jetzt ist seine Seele bei Gott!" Paul vergleicht das mit Heiligabend, wo alle Kinder geschniegelt der Weihnachtsgeschichte lauschen.

Er selbst war als Jugendlicher, wie er sagt, kein Problemkind. Er habe nicht getrunken, nicht geraucht, sich nicht für Mädchen interessiert – dafür aber für Architektur und Wandern. Also ließen ihn die Eltern in den Sommerferien alleine durch die DDR ziehen. "Die war ja nicht so groß." Er hat sie zu Fuß durchquert, hat im Wald geschlafen oder wo es sich gerade ergab. Ab und an griffen ihn Grenzer auf, die dachten, er wolle fliehen. Als sie seine Eltern kontaktierten, meinten die nur: "Ach, der Junge wollte sich doch nur die Beine vertreten." Einmal aber wurde es ernst. Als er im Eichsfeld aufgegriffen wurde, ließen sie ihn nicht wieder gehen, sondern brachten den inzwischen 18-Jährigen in die Untersuchungshaftanstalt in Gotha. Dort beteuerte er wochenlang, nur wandern zu wollen, bis sie ihn wieder freiließen und ihn auf seinen eigenen Vorschlag zur Armee schickten.

"Wenn ich in hundert Jahren tot bin, werde ich immer noch hier sein"

Angepasst hat sich Paul nie – auch nicht in der Bundesrepublik. 1997 legte er sein Amt nieder – aus Protest, weil die Stadt Leipzig sparen wollte und die kunst- und kulturgeschichtlichen Zeugnisse auf den Friedhöfen nicht gebührend Beachtung fanden. Er machte sich selbstständig und gründete das Fachbüro für Sepulkralkultur, in dem er die Friedhofsgeschichte weiter erforschte.

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Alfred E. Otto Paul im MDR KULTUR-Interview. Bildrechte: MDR/Juliane Streich

"Ich bin der letzte Mohikaner", sagt er heute über sich und fragt sich, was aus dem Friedhof wird, wenn er selbst einmal stirbt. "Aber wenn ich in hundert Jahren tot bin, werde ich immer noch hier sein – in meinen Büchern." Sieben Bücher hat er bislang geschrieben, in denen er die Geschichten der Gräber und Menschen erzählt. Geschichten von Oberkellnern, die eine Million Goldmark verdienten, von alten und neuen Ehefrauen und Kämpfen ums Testament und der immer wiederkehrenden Frage: Wer wird neben wem beerdigt? Paul hat sie recherchiert, im Eigenverlag veröffentlicht und verkauft sie unter anderem auf seinen Führungen. Damit refinanziert er sie. "Aber ich bin froh, dass ich nicht davon leben muss", sagt er.

Für wirkliche Interessierte öffnet Paul auch mal die Grabkammer

Bei WGT-Besuchern gelten seine Führungen, die er jedes Mal neu improvisiert, als Geheimtipp. Er selbst hat beobachtet, dass das Festival kommerzieller wird. Für Menschen, bei denen er das Gefühl hat, dass sie sich sehr interessieren, öffnet er dann auch mal eine Grabkammer bei einer Führung und zeigt die Überreste eines Selbstmörders, der sich erschossen hat. "Die sind dann entsetzt, wie groß das Loch im Kopf ist."

Wie er selbst einmal begraben werden will, weiß er natürlich schon lange: In der Nähe der Prignitz, seiner Heimat. Das hat er alles längst organisiert, auch wenn er selbst glaubt, sehr alt zu werden. Doch er rät allen: "Man sollte diese Dinge zu Lebzeiten klären."

Grabmal
Grabmal auf dem Leipziger Südfriedhof. Bildrechte: MDR/Juliane Streich

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Fernsehen: "artour" | 04.06.2017 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Juni 2017, 00:00 Uhr