David Byrne bei einem Konzert der Talking Heads, 1981
Postpunk, das ist auch die Band Talking Heads. Bildrechte: IMAGO

Alles erlaubt Der Postpunk ist zurück!

Schaut man sich das Lineup des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig an, dann fällt auf: Fast jede zweite Band verpasst sich selbst das Etikett "Postpunk". Postpunk – war das nicht Ende der 1970er, Anfang der 80er-Jahre, nach dem Punk und vor New Wave? Was war Postpunk eigentlich, wie klang das, wer gehörte dazu und wie ist es entstanden?

von MDR KULTUR-Musikkritiker Stefan Maelck

David Byrne bei einem Konzert der Talking Heads, 1981
Postpunk, das ist auch die Band Talking Heads. Bildrechte: IMAGO

Man könnte sagen: Immer, wenn Strömungen ihren Zenit erreicht haben, dann kommt der Gegen-Diskurs, der die Strömung entweder konterkariert oder versucht, sie ins Unendliche zu retten. Während sich die Postmoderne in den eigenen Fallstricken der Zitierwut verfangen und der Postrock sich ein paar Schlaftabletten zu viel verabreicht hat, ist jetzt eine Strömung zurück, von der man erst heute weiß, dass sie vermutlich Ende der 1970er Jahre die Popmusik gerettet hat: Postpunk.

Der Punk schaufelt sich sein eigenes Grab

"Schon mal das Gefühl gehabt, verarscht worden zu sein?", fragte Johnny Rotten beim letzten Konzert der Sex Pistols sein Publikum. Rotten, der danach unter seinem bürgerlichen Namen John Lydon Public Image Limited gründete, hatte es damit auf den Punkt gebracht.

Punk, der 1976 explodiert war, hatte sich innerhalb von zwei Jahren sein eigenes Grab geschaufelt. Und das vor allem, weil Punk nur für ganz kurze Zeit eine Alternative darstellte, dann aber schnell reaktionär wurde.

MDR KULTUR-Musikkritiker Stefan Maelck

Denn Punk bestand in seiner Anti-Establishment-Haltung ja vor allem aus Verboten und Regeln. Ganz klar wurden die ausgegrenzt, die nicht 100 Prozent reine Lehre waren – wer auch nur im Ansatz durchscheinen ließ, ernsthaft Musik machen zu wollen, war draußen. Fans und Protagonisten, die geglaubt hatten, dass Punk die Tradition von Dada aufnehmen und die Weltkultur revolutionieren würde, waren enttäuscht.

In jedem Ende steckt ein Anfang

Das Ende von Punk war der Anfang und es war die Rückkehr der Musik. Endlich war alles erlaubt.

MDR KULTUR-Musikkritiker Stefan Maelck

Punk war gut als Katalysator der Verbote. Wichtiger jedoch als das gesellschaftliche Unbehagen, das Punk postulierte, war das Unbehagen am Punk selbst, das Punk produzierte und genau das ermöglichte Postpunk: Die neuen Protagonisten kamen von Kunsthochschulen, kannten sich nicht nur in Musik aus, sondern auch in bildendender Kunst, Literatur und Theater. Sie wollten schöpfen statt zu zerstören.

Postpunk bringt die musikalische Befreiung

Auch musikalisch war Postpunk eine Befreiung: alles ging, alles durfte, Reggae, Disco, Dub, Krautrock, Neoklassik, Funk, Electro, Blues – alles war möglich, was die voraus gegangene Dominanz von Punk ablehnte und was nicht rockistisches Herz-Schmerz-Gedudel war. Thematisch ging es um die Trostlosigkeit der Städte, Thatcher Depression, Rassismus, politische Alternativen – typisch etwa war der eklektische Sound der Frauenband The Slits.

Postpunk hieß: Man durfte wieder tanzen und man durfte wieder eine Zukunft haben, zumindest davon träumen.

MDR KULTUR-Musikkritiker Stefan Maelck

Synthesizer waren wieder erlaubt, Zahnbürsten auch. Politik war auch wieder möglich, Negation und Zerstörung wurde gegen Analyse und Visionen getauscht. Postpunk hieß auch: unabhängige Plattenlabels, Plattenläden und Vertriebe. Postpunk war quasi so etwas wie ein frühes Netzwerk. Und wer sich mal die Namen der Bands auf der Zunge zergehen lässt, weiß: Postpunk – nie war er wertvoller als damals: Devo, Pere Ubu, The Pop Group, Scritti Politti, Gang Of Four, Wire, Talking Heads, The Fall, Cabaret Voltaire, Throbbing Gristle, ABC, Art Of Noise oder Joy Division.

Postpunk hat das Versprechen des Punks eingelöst

The Cure, Robert Smith
Auch The Cure waren in ihren Anfängen Postpunk. Bildrechte: IMAGO

Zum ersten Mal tauchte der Begriff Postpunk im britischen Magazin "Sounds" auf, Greil Marcus sprach von britischer Postpunk-Pop-Avantgarde, andere bevorzugten Begriffe wie New Wave, Dark Wave oder Independent. Im Grunde kann man auch später so erfolgreiche Bands wie The Cure, U2 oder Sisters of Mercy dem Postpunk zurechnen. In der Gegenwart haben Bands wie Artic Monkeys, Interpol, Editors oder Franz Ferdinand den Begriff wieder allgegenwärtig gemacht. Außerdem sind viele Helden der Postpunk-Phase-1 noch oder wieder aktiv: Wire, Gang of Four, Pop Group, Fisher Z, Killing Joke.

Simon Reynolds, der mit "Rip it up" eines der besten Bücher über Postpunk vorgelegt hat, bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt, dass Postpunk das Versprechen eingelöst hat, das Punk gegeben hatte. Pop, wie wir ihn heute kennen, wäre unmöglich ohne Postpunk.

Es gibt keinen typischen Postpunk-Sound, Postpunk ist viel mehr die Haltung, offen zu sein, für jede Musik, die sich jeglichem Diktat entzieht und dabei nicht unbedingt auf Chartpositionen spekuliert.

MDR KULTUR-Musikkritiker Stefan Maelck

Arctic Monkeys live
Heute tragen Bands wie die Arctic Monkeys den Postpunk in die Welt. Bildrechte: IMAGO

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Mai 2018 | 17:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2018, 11:42 Uhr

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