Chronik WGT-Geschichte in Songs

Was die Szene selbst gern als Familientreffen beschreibt, hat sich in den den vergangenen 27 Jahren zu einem kulturellen Großereignis entwickelt. Selbst der flüchtige Betrachter, den all die schwarzen Gestalten in Leipzigs Innenstadt daran erinnern, dass schon wieder Pfingsten ist, hat längst verstanden, dass das WGT eine Vielfalt repräsentiert, die man bei vergleichbaren Festivals selten findet. Man sagt mittlerweile leichthin: Dieses Treffen ist mehr als nur Musik. Aber Musik ist der Kern. Fast zweieinhalbtausend Musiker, Künstler, Bands und Ensembles standen seit der ersten Ausgabe 1992 auf den Bühnen Leipzigs.

Die Musikredaktion von MDR KULTUR hat eine ganz besondere musikalische Chronik zusammengestellt. Aus jedem Festivaljahr finden Sie hier einen Song, der WGT-Geschichte geschrieben hat. Unsere Auswahl ist selbstredend weder repräsentativ noch erhebt sie Anspruch auf Vollständigkeit, zeigt aber -wie wir finden - den großen Facettenreichtum des Treffens und seiner Musik.

1992 - Das Ich: "Gottes Tod"

Das Ich gehören nicht nur zur Gothic-Geschichte Deutschlands, sondern auch zum Gründungs-Line-up der ersten WGT Ausgabe 1992. 1989 von Bruno Kramm und Stefan Ackermann in Bayreuth gegründet, prägten Das Ich mit hartem Elektrosound viele, die nach ihnen kamen. Link zu Youtube

1993 - Clan Of Xymox: "Louise"

Gefühlt der internationale Act, der am häufigsten zum WGT nach Leipzig kam. Niederländische Dark-Wave-Helden, die in den 80ern gegründet wurden und bis heute aktiv sind. Link zu Youtube

1994 - Project Pitchfork: "Alpha Omega"

Peter Spilles und Dirk Scheuber aus Hamburg haben den Electro-Wave in Deutschland mit erfunden und gehörten zu denen, die Mitte der 90er damit auch kommerziell erfolgreich wurden. Zwei Echo-Nominierungen sind ein Beleg. Zu der Zeit ihres ersten WGT-Engagements spielte eine junge Band namens Rammstein bei ihnen im Vorprogramm. Link zu Youtube

1995 - Love Is Colder Than Death: "Song of Faith"

Wohl die bekannteste Leipziger Band aus dem WGT-Umfeld. 1989 gegründet und doch erst beim vierten WGT offiziell im Programm. Unvergessene Auftritte bei späteren Festivals im Leipziger Schauspielhaus und in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals. Link zu Youtube

1996 - Estampie: "Disse mi"

Dark Wave, Gothic, EBM, Electro – Estampie sind ein Beleg, dass die schwarze Szene schon immer auch einen Link in ganz entfernte Jahrhunderte hatte. Mittelaltermarkt und viktorianisches Picknick gehören seit Jahren zum Rahmenprogramm. Bands wie Estampie lassen Zeiten der Minne und Spielleute aufleben. Link zu Youtube

1997 - Die Art: "Ozean"

Die Geschichte der Leipziger Band Die Art um Sänger Makarius ist untrennbar mit den letzten, wilden Jahren der DDR und ihrer damals reichen und unglaublich inspirierenden Subkultur verbunden. 1997 waren sie zum ersten Mal beim WGT. Später narrte Makarius viele mit den Songs des erfundenen russischen Schriftstellers Pratajev. Link zu Youtube

1998 - Wolfsheim: "Once In A Lifetime"

Die schwarze Szene Deutschlands hat viele erfolgreiche Bands und Künstler hervorgebracht. Aber nur wenige waren über die Szenegrenzen hinaus erfolgreich. Wolfsheim gelang dies. Ihr gefälliger elektronischer Sound passte hervorragend in die Zeit. Wesentlich war dabei die markante Stimme von Sänger Peter Heppner. Link zu Youtube

1999 - Goethes Erben: "Vermisster Traum"

Ein musikalisches Projekt um den Sänger Oswald Henke. Henkes rezitative, eindringliche Art erzeugt eine manchmal fast schon hypnotische Wirkung. Manch einem mögen Henkes Texte zu plakativ sein, Fans geben sich gerade bei Konzerten voll und ganz hin. Link zu Youtube

2000 - S.P.O.C.K.: "Never Trust A Klingon"

Ja, die Szene hat auch Humor und geht zum Lachen nicht nur in die Krypta. Ein Beweis ist dieses schwedische Projekt, das als Geburtstagsgag entstand und dann ein erfolgreiches Eigenleben entwickelte. Link zu Youtube

2001 - Laibach: "Jesus Christ Superstar (Judas Song)"

Diese Band aus Slowenien hat viele verwirrt. Sie haben die Kontextverschiebung zur Kunstform gemacht. Ihr Spiel mit Symbolen aus Pop und Politik ist verstörend und faszinierend zugleich. Legendär ihr Auftritt vor dem in bengalischem Feuer brennenden Völkerschlachtdenkmal. Link zu Youtube

2002 - Unheilig: "Sage Ja!"

Ja, da kommt der Graf eigentlich her. Bevor die Band Unheilig mit Hymnen wie "Geboren, um zu Leben" in den deutschen Pop-Mainstream einzogen, gehörten Unheilig Anfang des Jahrtausends zur WGT-Szene. Ihr Sound war zwar deutlich härter und düsterer, der Hang zum Pathos, der sich durch des Grafen Texte zog, war aber auch schon damals hörbar. Link zu Youtube

2003 - Deine Lakaien: "Love Me To The End"

Eine der wichtigsten Bands des deutschen Dark Wave - auch wenn der charismatische Sänger Alexander Veljanov diesen Begriff immer ablehnte. Erstaunlicherweise gehörten sie erst über zehn Jahre nach der Gründung zum WGT-Programm. Link zu Youtube

2004 - Anne Clark: "Our Darkness"

Eine der vielen Legenden, die das WGT in all den Jahren nach Leipzig holte. Und damit immer wieder einerseits seine internationale Strahlkraft bewies und andererseits seine Offenheit und Vielseitigkeit. Link zu Youtube

2005 - Apoptygma Berzerk: "In This Together"

Ein weiteres Beispiel für eine Zeit, in der es einige Bands schafften, ihre jeweiligen Szenegrenzen erfolgreich niederzureißen. Die Band mit dem unaussprechlichen Namen aus Norwegen hatte schnell den Dreh raus, mit großer Geste sowohl Pop-Charts zu stürmen als auch Szene-Ultras versöhnt mitzunehmen. Link zu Clipfish

2006 - Katatonia: "The Racing Heart"

Schwedische Dark-Metal Band. Herausragend in ihrem Sound. Wie nur wenige Bands aus diesem Metier beherrscht es diese Formation um Sänger Jonas Renkse, tiefe Melancholie in eine breit-schwere Gitarrenfläche zu betten. Link zu Youtube

2007 - Qntal: "Von Den Elben"

Eigentlich ein Seitenprojekt von Ernst Horn, musikalischer Mastermind hinter Deine Lakaien und Michael Popp, der schon mit Estampie erfolgreich war. Qntal verstanden es besonders gut, mittelalterliche Klänge mit elektronischer Musik zu paaren. Link zu Youtube

2008 - Fields Of The Nephilim: "Moonchild"

Goth-Legende aus England. Carl McCoy ist mit seinem verstaubten Hut eines der typischen Gothic-Rolemodels. Die Band hatte lange damit zu kämpfen, nur als Kopie anderer Helden zu gelten, etwa der Sisters Of Mercy. Mit den Jahren spielten sie sich davon aber weitestgehend frei. Ein Song wie "Moonchild" gehört in jede Szenedisco. Link zu Youtube

2009 - Peter Murphy: "Cuts You Up"

Wenn schon Rolemodel – dann Peter Murphy! Der Brite hat mit seiner Band Bauhaus den Dark Wave erst aus den Kellern geholt. "Bela Lugosi's Dead", "She's In Parties" sind nur zwei seiner Klassiker. Murphy tourt seit der Trennung der Band mit wechselnden Besetzungen und lässt sowohl die Musik von Bauhaus weiterleben als auch seine solistischen Erfolge aus den frühen 90ern. Link zu Youtube

2010 - Lacrimosa: "Alles Lüge"

Lacrimosa aus der Schweiz haben lange die Szene gespalten. Für die einen war es immer perfekter deutsprachiger, symphonischer Gothrock. Für die anderen nur aufgepumpte theatralische Pose. Fakt ist: Tilo Wolf, der Gründer des Projekts, zieht seine Sache seit 1990 konsequent und vor allem erfolgreich durch. Link zu Youtube

2011 - Camouflage: "Love Is A Shield"

Eine Band aus Baden-Württemberg, die für viele ganz fest mit den 80ern verbunden ist. "The Great Commandment" und "Love Is A Shield" waren internationale Hits. Der Synthie-Pop von Camouflage nahm damals vieles vorweg, was später in der schwarzen Szene Erfolg hatte. Link zu Youtube

2012 - Haujobb: "Dead Market"

Trio um den Wahl-Leipziger Daniel Myer mit sehr elektronischem Sound. Myer, der zeitweise auch Mitglied der schwedischen Band Covenant war, ist ein umtriebiger Musik-Nerd, der in Leipzig Veranstaltungen organisiert und seit einigen Jahren für die Kollegen von MDR SPUTNIK eine Sendung mit Szenemusik produziert ("MDR SPUTNIK Schlafstörung"). Link zu Youtube

2013 - Faun: "Diese kalte Nacht"

Eine weitere deutsche Band, die ihre Wurzeln in mittelalterlicher Musik hat. Ende der 90er gegründet, erspielte sich die Band aus Bayern schnell eine große Fangemeinde. Mit dem 2013 veröffentlichten Album "Von den Elben" kam dann der kommerzielle Durchbruch, mit dem sie sich allerdings (wie das oft so ist) nicht nur Freunde machten. Link zu Youtube

2014 - Apocalyptica: "Cold Blood"

Noch so ein Beispiel, wie aus einer fixen Idee ein weltweit erfolgreiches Musikphänomen entstehen kann. Vier junge Finnen lernen sich Mitte der 90er an der Sibelius-Akademie in Helsinki kennen. Alles Cellisten, alles Fans der Metalband Metallica. Die Idee, Songs von Metallica mit einem Cello-Quartett zu performen, ist zunächst ein Spaß, dann ein Geheimtipp und später vor allem ein wildes Live-Erlebnis. Sowohl in der Metal- als auch der schwarzen Szene. Link zu Youtube

2015 - Tüsn: "Schwarzmarkt"

Die junge Berliner Band Tüsn erinnert bei ihren Konzerten sowohl an alte Wave-Zeiten als auch an die große Stadion-Geste von Bands wie Muse. Link zu Youtube

2016 - And Also The Trees: "Your Guess"

Und auch in diesem Jahr glänzt das WGT mit neuen Namen und alten Helden. And Also The Trees gehören eindeutig zu letzteren. Ihre Geschichte ist eng mit der von The Cure verbunden. Ihre Musik vor allem mit ihrer ländlichen, mittelenglischen Heimat. Stilprägend sind sie seit Ende der 80er. Link zu Youtube

2017 - Amanda Palmer: "The Angel Gabriel"

Da ist den Bookern des WGT mal wieder ein Highlight geglückt: Amanda Palmer, die ehemalige Sängerin der Dresden Dolls steht für aufwändige Liveshows. Das Visuelle ist bei der US-Amerikanerin immer mindestens genauso wichtig wie die Musik. Link zu YouTube

2018 - Teho Teardo & Blixa Bargeld: "Hey Hey My My"

Unglaublich, aber wahr: Wir erleben das WGT-Debut von Blixa Bargeld! Dass der Mann weder mit den Neubauten noch als Solist bisher nicht den Weg zum Festival gefunden hat, lag nicht an Abneigung. Es hat sich nie ergeben. Jetzt aber: Zusammen mit dem italienischen Musiker und Komponisten Teho Teardo verfolgt Bargeld seit ein paar Jahren einen weniger experimentell-improvisativen Weg. Link zu YouTube

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Mai 2018 | 17:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2018, 11:44 Uhr

Amanda Palmer 6 min
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Jarboe 5 min
Bildrechte: WGT/MDR KULTUR
Mann vor einem Mikrofon 26 min
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Mit gewohnt guter Laune und einer Mischung aus Dark Wave und Pop - Alexander Veljanov und Ernst Horn live mit ihren Songs "Where You Are", "Dark Star" und "Over and Done".

Sa 29.04.2017 16:05Uhr 26:14 min

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