Zum 120. Geburtstag Wie aktuell ist das Werk von Bertolt Brecht?

Brecht wäre am 10. Februar 120 Jahre alt geworden, wäre er nicht 1956 gestorben. Was hat uns der große Dramatiker heute noch zu sagen? MDR KULTUR im Gespräch mit dem Intendanten des Berliner Ensembles, Oliver Reese.

MDR KULTUR: Herr Reese, können Sie noch einmal zusammenfassen, was das Brechtsche epische Theater ausmacht?

Oliver Reese: Bertolt Brecht, der ja ein Lyriker war, aber eben auch ein Dramatiker, war der Meinung, dass es im Theater noch schöner ist, wenn die Menschen mit einem moralischen Gewinn aus der Vorstellung gehen. Und er glaubte daran, dass das deutlicher wird, wenn man ihnen nicht nur eine gute Geschichte erzählt, sondern wenn einem diese Geschichte mit einigen Tricks so sehr vom Leib gehalten wird, dass er immer auch sieht: Wie ist das gemacht und was soll mir das erzählen, statt einfach nur von einer packenden Story überwältigt zu werden. Da hat Brecht den Verfremdungseffekt eingebaut, und das führt dazu, dass es eben nicht nur ein dramatisches Ereignis ist, sondern ein geradezu episches, bei dem ich ähnlich distanziert wie beim Romanlesen, auf die Bühne schaue.

Die Gegenwart ist doch aber so eingestellt, dass sie eher die großen Gefühle sucht – überall wird emotionalisiert und dramatisiert. Was hat Brecht dem heutigen Theater dann noch zu sagen?

Ich hab ja auch, nicht zu Unrecht, glaube ich, gesagt – es war ein Trick von Brecht. Der hat versucht, sich selber ein Bein zu stellen, denn gleichzeitig da er so ein genuiner und packender Dramatiker war, hat er ja sehr starke Geschichten – man muss nicht sagen erfunden, aber gefunden und benutzt. Shakespeare hat auch nur Geschichten gefunden, keine einzige selber erfunden, zum Beispiel "Der Kaukasische Kreidekreis". Was ist stärker als nicht die Frau zwischen zwei Männern, sondern von einer Frau zwischen Kind und einer zweiten Frau, die an dem Kind zerrt. Zwei Mütter und ein Kind – eine unglaublich emotionale Geschichte, die Brecht dann mit seinen Zwischenüberschriften, mit seiner zweiten Geschichte um den Richter Azdak verkompliziert hat. Aber der Kern, die Grusche als die gefühlte Mutter – das ist doch eine urdramatische Geschichte. So spielt es Stefanie Reinsperger bei uns auch allabendlich auf der Bühne, umjubelt und ausverkauft. Also der Dramatiker Brecht zieht auf alle Fälle ein Publikum.

Die Schauspieler Stefanie Reinsperger (l) als Grusche Vachnadze, Tilo Nest als Azdak und Sina Martens spielen am 18.09.2017 im Berliner Ensemble in Berlin während der Fotoprobe zum Stück «Der kaukasische Kreidekreis» von Bertolt Brecht.
Die Schauspieler Stefanie Reinsperger (von links) als Grusche Vachnadze, Tilo Nest als Azdak und Sina Martens spielen im Berliner Ensemble das Stück 'Der kaukasische Kreidekreis' von Bertolt Brecht. Bildrechte: dpa

Und wie steht es sonst: Viele Theater haben heute politische Ambitionen, wollen etwas zur Zeit sagen. Haben Sie den Eindruck, dass das deutsche Theater dafür zentral Brecht braucht oder geht es inzwischen sehr viel mehr andere Wege?

Es geht andere Weg, aber ich finde, es ist ein Fehler, dass so wenig Brecht gespielt wird. Die Münchner Kammerspiele sind ja jetzt mit einer "Trommeln in der Nacht"-Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen. Das finde ich gut und richtig so, das ist eine gute Aufführung, die auch zeigt, dass sich ein junger Regisseur wie Christopher Rüping für diesen Autor ganz zu Recht interessiert. So viele starke, deutschsprachige Dramatiker haben wir ja im 20. Jahrhundert nicht gehabt. Und auch wenn das Theater heute über Projekte, über inhaltliche Recherchen, auch sonst zu politischen Inhalten kommt, es gibt eine ganze Reihe Stücke, bei denen ich richtig viel Material zu entdecken finde, sie werden das in den nächsten Jahren im Spielplan des Berliner Ensembles wiederfinden.

Fazit: Es nicht nur die "Dreigroschenoper" übrig und Heiner Müller ist auch nicht der aktuellere Brecht. Brecht lebt – das ist Ihr Fazit zum 120. Geburtstag Brechts, richtig?

Richtig – wir lassen die Korken knallen!

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch.

Bertolt Brecht
Bertolt Brecht wäre am 10. Februar 2018 120 Jahre alt geworden. Aus seiner Feder stammen mehr als fünfzig Theaterstücke. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 09. Februar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2018, 00:00 Uhr

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