Literaturempfehlungen Über Rechte schreiben – Wie aktuelle Romane auf AfD, Pegida und Co. reagieren

Ob der autobiographisch gefärbte Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" von Manja Präkels, "Die rechtschaffenen Mörder" von Ingo Schulze oder der Blick auf Frauen in der Identitären Bewegung in "Elijas Lied" – es gibt etliche literarische Annäherungen an das Erstarken der politischen Rechten.

Literatur ist ein langsames, manche würden sagen: behäbiges Medium. Bis gesellschaftliche Umbrüche oder historische Großereignisse eine literarische Form finden, kann es Jahre dauern. Pointierte Analysen sollte man von ihr schon gar nicht erwarten. Und doch: Literatur funktioniert wie ein Seismograf. Grummelt da etwas unter der Oberfläche, dann ist es meist auch in zeitgenössischen Texten zu spüren. Kein Wunder also, dass in vielen aktuellen Romanen das Erstarken der politischen Rechten und des Rechtsextremismus eine Rolle spielt.

"Ich glaube, wer über das Deutschland der Gegenwart literarisch schreiben möchte, der kommt in diesen Zeiten eigentlich nicht um dieses Thema herum", erzählt Cihan Acar. Sein Roman "Hawaii" ist eines der Bücher, das sich dezidiert mit dem Thema befasst. Ein starkes Debüt, das nicht nur von einem jungen, türkischstämmigen Mann in Heilbronn erzählt, den das Leben aus der Bahn geworfen hat. Sondern auch von einer zusehends gewalttätiger werdenden Stimmung in der Bevölkerung: "Heimat" ist das Schlagwort, unter dem gegen Migranten gehetzt wird. Die lassen sich das nicht gefallen und organisieren sich. In der Realität sieht das freilich ein bisschen anders aus: Acar berichtet von Resignation bei sich selbst und innerhalb seiner migrantischen Community.

Mit Geschichten gegen das Bedrohliche

Literatur kann dem Unverstandenen und Bedrohlichen mit Geschichten begegnen. Ob Moritz von Uslar in seinem Reportage-Roman "Nochmal Deutschboden" über Wochen hinweg eine Gruppe junger Männer begleitet, für die der Faschismus fast zu einer Art Folklore geworden ist. Oder der Krimi-Autor Wolfgang Schorlau sich mit den Widersprüchen innerhalb der Sicherheitsbehörden auseinandersetzt, die bei der Aufarbeitung der NSU-Verbrechen ans Tageslicht gekommen sind. Ob in Dorfromanen von Jens Wonneberger oder Kathrin Gerlof die diffuse Angst vor dem und den Fremden mit einer Verlusterfahrung korrespondiert, die das Ende der DDR mit sich brachte.

Oder ob Ingo Schulze in seinem Roman "Die rechtschaffenen Mörder" auf kunstvoll verschlungene Weise und mit doppeltem Boden von einem Buchmenschen erzählt, der nach der Wende sein Geschäft und seine Bedeutung verliert und irgendwann Pegida-Parolen übernimmt. Der Clou an Ingo Schulzes Roman: Die Geschichte dieses aus der Zeit gefallenen Antiquars lässt er von einem Schriftsteller namens Schultze erzählen – anders als Ingo Schulze selbst mit "tz" geschrieben –, der im Laufe des Romans immer unglaubwürdiger wird. Genau darum geht es Ingo Schulze mit seinem Roman: Mit literarischen Mitteln auf die Struktur der Rechten zu antworten, in der Unsicherheiten keinen Platz haben, auf ihre Eindeutigkeit mit Differenzierung und Ambivalenz zu reagieren.

Frauen in der Neuen Rechten

Um Ambivalenzen geht es auch der jungen Theater- und Prosaautorin Amanda Lasker-Berlin. Sie wirft, und das ist durchaus eine Ausnahme unter den Neuerscheinungen, in ihrem Roman "Elijas Lied" einen Blick auf Frauen in einer prominenten rechten Bewegung, den "Identitären": Frauen werden hier meist als Anhängsel einer männlich geprägten rechten Kultur gesehen, die eine eindeutige Rollenverteilung vorsieht: starke Männer, schöne, fügsame Frauen. Sich für eine Ideologie einzusetzen, die die eigenen Rechte schwächen will – aus diesen absurden inhaltlichen Brüchen entstehe ein sehr zerrissenes Selbstbild, meint Lasker-Berlin. Die Autorin zeichnet diese Zerrissenheit anhand ihrer Romanfigur Loth nach. Deutlich wird ihre menschenverachtende Haltung, aber auch die Verstörung, die in ihr am Werk ist.

Demonstration Identitaere Bewegung Mehrere hundert Menschen nehmen an einer Demonstration der rechtsextremen Identitaeren Bewegung in Berlin Wedding teil.
Frauen bei einer Demo der Identitären Bewegung Bildrechte: imago/Christian Mang

Aufwachsen zwischen den Extremen

Verstörend ist vielleicht das geeignete Stichwort für die Erlebnisse, die Manja Präkels in ihrem preisgekrönten Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" schildert. 1992, mit 15 Jahren, war sie nachts mit Freunden unterwegs, tanzen: "Es gab damals einen dieser typischen Überfälle auf Diskotheken durch Neo-Nazibanden", erzählt Präkels. "Und ein Bekannter von mir hat diese Nacht nicht überlebt." Die Ich-Erzählerin Mimi wächst zwischen den Fronten auf: Jugendliche im Osten, die nach der Wiedervereinigung entweder nach extrem rechts oder nach links abdriften: "Zecke" oder "Glatze", dazwischen gibt es nichts.

Inzwischen haben sich die rechten Strukturen verfestigt und verstetigt. Die Zahl rechter Übergriffe hat in den letzten Jahren beängstigend zugenommen. Die Protagonisten von damals bestimmten heute maßgeblich bei Pegida und der AfD mit. Manja Präkels' Roman stiftet ebenso wie viele andere zum Gespräch an. Ob literarische Reportage, autobiografisch gefärbte Prosa, düstere Dystopie oder reizvolle Fiktion: Es gibt etliche Annäherungen an das gefühlte zeitgenössische Unbehagen. Erklärungen können sie kaum bieten, doch geht es dieser Literatur ums Verstehenwollen.

Informationen zu den Büchern:

Cihan Acar: "Hawaii"
Hanser Berlin 2020
ISBN: 978-3-446-26586-8
254 Seiten
22 Euro

Ingo Schulze: "Die rechtschaffenen Mörder"
Fischer Verlag 2020
ISBN: 978-3-10-390001-9
320 Seiten
21 Euro

Manja Präkels: "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß"
Verbrecher Verlag 2018
ISBN: 978-3-95732-272-2
230 Seiten
20 Euro

Amanda Lasker-Berlin: "Elijas Lied"
Frankfurter Verlagsanstalt 2020
ISBN: 978-3-62700-274-9
256 Seiten
22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. November 2020 | 13:40 Uhr