Corona-Demos Wie die Friedliche Revolution von "Querdenken" vereinnahmt wird

Für Samstag ist eine "Querdenken"-Demo gegen die Corona-Maßnahmen in Leipzig geplant. Ausgerechnet am 7. November, kurz nach dem Jahrestag einer der größten Montagsdemonstrationen in der DDR überhaupt vom 6. November 1989. Gegen die Vereinnahmung der Friedlichen Revolution regt sich endlich Widerstand aus der ehemaligen DDR-Bürgerrechtsbewegung. Der Leipziger Uwe Schwabe verwahrt sich entschieden dagegen, die Situation von 1989 in der DDR mit der Gegenwart zu vergleichen. Anne Sailer mit einer Einordnung.

Der ehemalige Pfarrer Christoph Wonneberger, der die Demo am Samstag mit vorbereitet, sagte Mitte Oktober in einer Rede: "Ich bin ein Provokateur. So jedenfalls hat mich die Stasi vor 40 Jahren eingeschätzt. Sie haben eine Akte angelegt: 'Provokateur', fast 10 Jahre lang. Was ist ein Provokateur? Einer der aufschreckt, etwas herausfordert, etwas Neues hervorbringen will." Heute sehe er viele Provokateure, anders als damals sei er nicht vorne dran, sondern mitten drin. Christoph Wonneberger – dessen Verdienste an der friedlichen Revolution sehr wohl zu schätzen sind – provoziert in der Tat. Vor allem aber andere ehemalige Bürgerrechtler oder auch Historiker wie Achim Beier.

Montagsdemonstrationen als Selbstermächtigung der Straße

Beier untersucht zusammen mit anderen Forschenden den "Mythos Montagsdemos". Dass sich auch "Querdenken" diesen Mythos zunutze macht, um Teilnehmende anzulocken, stehe keineswegs in der Tradition dieser stark emotional aufgeladenen historischen Ereignisse. Zumal sich die geplante Demonstration am 7. November 2020 auf die größte Demo in der damaligen DDR überhaupt bezieht. Die fand am 6. November 1989 in Leipzig statt. Die Montagsdemos wurden bereits während sie noch stattfanden, zum Mythos stilisiert, erklärt Beier: "Die Deutungshoheit darüber, was ist die wahre Montagsdemonstrationen im historischen Verständnis der Leute, darüber gibt es natürlich Konflikte. Der Punkt ist aber der, dass die Montagsdemonstrationen aus einem offenen Raum entstanden sind. Also es gab keine Programmatik, die dahinter stand. Es gab keine Personen, die dahinter standen, die sich dieses Konzept ausgedacht haben, sondern die Montagsdemonstrationen sind praktisch aus einer Art Selbstermächtigung der Straße hervorgegangen."

Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen! ist auf einem Transparent zu lesen, das Demonstranten bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig mit sich führen
"Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!" ist auf einem Transparent zu lesen, das Demonstrierende bei einer Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig mit sich führen. Bildrechte: dpa

Das wiederum erklärt, warum es bereits während die vermeintlichen Originaldemos liefen, Gegendemos gab und später dann unter dem gleichen Label gegen die Hartz-4-Gesetze, den 3. Golfkrieg oder in Frankfurt Main gegen das Rauchverbot in Kneipen demonstriert wurde. Die Montagsdemos bemächtigten sich bis heute eines Gefühls, welches aus der Ursprungszeit rührt: Dass der kleine Bürger etwas erreichen kann, wenn er auf die Straße geht. Achim Beier: "Dazu kommt, dass es natürlich für sehr viele Menschen 1989/90 ein unheimliches Erfolgserlebnis gewesen ist, dass man ein Regime stürzen kann. Das hat positive Erinnerungen hinterlassen, die nicht zu unterschätzen sind."

Die Bunderepublik ist nicht die DDR

Genau an der Stelle sieht der ehemalige Bürgerrechtler Uwe Schwalbe auch den Missbrauch der Montagsdemos. Wer heute versuche, die ehemalige DDR mit der jetzigen Bundesrepublik gleichzusetzen und sich als Vollender einer angeblich unvollkommenen Revolution anpreise und somit zum Aufstand aufrufe, verbreite aus seiner Sicht eine Geschichtslüge:

Die DDR war eine kommunistische Diktatur und die Bundesrepublik ist eine freiheitliche Demokratie und wer diesen Unterschied nicht erkennt, verharmlost die SED-Diktatur und deren unzähligen Opfer, die auch für unsere Freiheit in Haft saßen oder ihr Leben verloren haben.

Uwe Schwalbe, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler

Er glaube, Deutschland brauche keine Revolution 2.0: "Wir werden nicht unterdrückt, wie es die Staatssicherheit im Auftrag der SED praktiziert hat. Ich lehne daher Parolen wie 'Friedliche Revolution 2.0!' ab." Laut Schwabe, gäbe es heute auch keine "gleichgeschaltete Presse" wie zu DDR-Zeiten. Das sehen ehemalige Bürgerrechtler wie Stephan Krawczyk anders, der MDR KULTUR sagte, dass er verwundert gewesen sei über die verharmlosende Berichterstattung linker Vandalen bei den Protesten gegen die Rodung des Hambacher Forstes, wohingegen über jede Hakenkreuzschmiererei ausführlich berichtet würde.

Alle rufen "Wir sind das Volk!"

Worte des Protestes gegen die Vereinnahmung von Parolen wie "Freiheit durch Einheit. Die zweite friedliche Revolution" durch das Netzwerk "Querdenken" findet auch die Leipziger SPD. Der Stadtvorsitzende der Partei Holger Mann erklärt in einer Stellungnahme: "Der Gleichsetzung der DDR-Diktatur mit unserem freiheitlichen Rechtsstaat heute durch die Organisatoren der Querdenken-Demo am Samstag widersprechen wir vehement. Die DDR war eine Diktatur und keine Pandemie (…) Die für Samstag geplante Großdemo steht damit weder in Hinblick auf ihre Akteure noch ihre inhaltlichen Positionen in der Tradition vom Herbst '89. Der ständige Vereinnahmungsversuch von Friedlicher Revolution – erst durch die AfD in mehreren ostdeutschen Landtagswahlkämpfen, jetzt durch selbsternannte "Querdenker" – ist gerade für uns als SPD Leipzig, die an genau diesem 7. November 1989 hier in Leipzig durch das Engagement einiger Mutiger wiedergegründet wurde, unerträglich."

Die Montagsdemos gehören nach Ansicht des Historikers Achim Beier in die Geschichtsbücher. Nur ein Diskurs über Vereinnahmung vom Mythos "Montagsdemo" und Begrifflichkeiten wie zum Beispiel auch "Volk" sei dringend notwendig. Erst wenn man sich darüber einig sei, könnte eine neue Plattform geschaffen werden, die einen Dialog über schwer zu diskutierende Themen erst möglich mache.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. November 2020 | 08:10 Uhr

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