Philip Wilkinson
Philip Wilkinson hat Bücher über Kunst, Architektur und Design veröffentlicht. Auf seinem preisgekrönten Blog "English Buildings" erläutert er historische Gebäude Großbritanniens.  Bildrechte: dtv Verlagsgesellschaft / Copiright: privat

Buchtipp Architektur-Geschichten zum Staunen

Philip Wilkinson heißt der Mann hinter dem preisgekrönten Internetblog "English Buildings", auf dem er spektakuläre historische Gebäude zeigt. Nun hat der Autor einen "Atlas der nie gebauten Bauwerke" vorgelegt und stellt darin Bauprojekte vor, die zwar nie realisiert wurden – wie Gebäude mit spinnenartigen Beinen, begehbare Elefanten und gigantische Denkmäler – aber bis heute faszinieren.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Philip Wilkinson
Philip Wilkinson hat Bücher über Kunst, Architektur und Design veröffentlicht. Auf seinem preisgekrönten Blog "English Buildings" erläutert er historische Gebäude Großbritanniens.  Bildrechte: dtv Verlagsgesellschaft / Copiright: privat

Nachdem Philip Wilkinson das Corpus Christi College der Universität Oxford absolviert hatte, spezialisierte er sich auf Bücher zu den Themen Religion und Geschichte. Mehr als 40 Bände von ihm sind seit den 1990er-Jahren erschienen. Die große Leidenschaft des Engländers, der abwechselnd in den Cotswolds und in Südböhmen lebt, ist jedoch die Architektur.

Beim Studium historischer Quellen in Archiven und Bibliotheken stieß er oftmals auf höchst erstaunliche architektonische Visionen, die nie realisiert wurden. Dazu gehört eine christliche Miniaturrepublik, die der baden-württembergische Theologe Johann Valentin Andreae 1619 entwarf:

Sein Christianopolis hat einen quadratischen Grundriss. Es ist von soliden Mauern und einem Graben umgeben. Die Ecken sind mit Bastionen bestückt, man musste – der Dreißigjährige Krieg hatte gerade begonnen – ganz offensichtlich mit Angreifern rechnen.

"Atlas der nie gebauten Bauwerke", Philip Wilkinson

Ein Bach fließt durch den Steinelefanten

Philip Wilkinson: Atlas der nie gebauten Bauwerke. Eine Geschichte großer Visionen
Der begehbare Elefant für Ludwig XV. wurde zwar nie gebaut, schmückt aber zumindest den Buchumschlag von Philip Wilkinsons Buch. Bildrechte: dtv Verlagsgesellschaft

Wilkinson erzählt über solche unverwirklichten Bauprojekte in einer plastischen Sprache, die sich tief einprägt. Das erweist sich insbesondere an seiner Schilderung einer kühnen Idee von Charles Francois Ribart de Chamoust. Der Maler plante 1758 am Ende der Champs-Elysses in Paris einen begehbaren Elefanten zu errichten, mit dem er seinem Idol König Ludwig den XV. huldigen wollte. Der Tierkörper, von dem ein Entwurf überliefert ist, mutete äußerst exotisch an:

"So erstaunlich er von außen war, so verblüffend war auch sein Inneres. Er beherbergte zwei Stockwerke. Im oberen befand sich ein Speisesaal, der so ausgestattet war, dass er einem Wald mit unregelmäßig gepflanzten Bäumen glich. Ein kleiner Bach, der durch den Raum floss, sollte die Atmosphäre verbessern."

Das größte Gebäude der Welt für den Physiker Isaac Newton

Betrachtet man die Summe von Wilkinsons Forschungen, so entpuppen sich die Franzosen als extrem begeisterungsfähig für fantastische Monumente. Etienne-Louis Boullee etwa designte 1784 ein Denkmal für den von ihm verehrten Physiker Isaac Newton. Dabei hebelte er alle Dimensionen seiner Epoche aus. Das verrät eine Skizze, die Wilkinson in Erstaunen versetzte.

Entwurf eines Kenotaphen für Isaac Newton von Étienne-Louis Boullée
150 Meter hoch sollte das Bauwerk für Isaac Newton aufragen – größer als jeder andere Bau um 1784. Bildrechte: imago/UPI Photo

Erst wenn man erkannt hat, dass die winzigen Gestalten auf der Plattform im unteren Drittel Menschen sein sollen, die sich zum Eingang des Bauwerkes bewegen, wird einem klar, wie groß das Gebäude sein sollte. Diese Kugel sollte 150 Meter hoch aufragen! Im 18. Jahrhundert, als die Zeichnung entstand, waren die höchsten Gebäude der Welt: die Kathedrale von Straßburg und die große Pyramide von Gizeh. Dieses Kenotaph wäre also das größte Bauwerk der Zeit gewesen, größer als jedes Grab eines Kaisers, größer als Tempel und Kathedralen.

Etienne-Louis Boullee nach Philip Wilkinson

Das "Endless House" und bauliche Science-Fiction

Eine Besucherin schaut auf das Modell "Endless House" in der Ausstellung "Friedrich Kiesler: Architekt, Künstler, Visionär", 2017
Zu Friedrich Kieslers "Endless House" gibt es zumindest ein Modell. Bildrechte: dpa

Im 20. Jahrhundert erreichten die Träume von Luftschlössern einen Höhepunkt. Vor allem die Amerikaner zeigten laut Wilkinson keine Scheu vor baulichen Utopien. Friedrich Kiesler kreierte 1960 das "Endless House", das mit seinen Formen an eine Muschel erinnerte. Als der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion zu eskalieren drohte, präsentierte Ron Herron 1964 ein Gebilde, dass der Science-Fiction-Literatur entstiegen zu sein schien.

Die 'Walking City' besteht aus einem vielstöckigen, eiförmigen Gebäude mit spinnen- oder insektenartigen Beinen, manche Zeichnungen zeigen mindestens dreißig Stockwerke. Man könnte sie für ein aerodynamisches Kreuzfahrtschiff halten, aber ganz offensichtlich bewegt sie sich über Land. Sie läuft. Sie hastet wie eine Kakerlake dahin, wo sie besser aufgehoben ist. Genau das Richtige bei einem Atomkrieg.

"Atlas der nie gebauten Bauwerke", Philip Wilkinson

Gescheiterte architektonische Utopien

Die meisten der Phantomobjekte, die Wilkinson in seinem exzellent bebilderten und die Kreativität beflügelnden Band beschreibt, scheiterten an technischen Problemen. Darüber hinaus mangelte es stets am dafür nötigen Geld. 

Infos zum Buch Philip Wilkinson: "Atlas der nie gebauten Bauwerke"
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2018
256 Seiten, 30 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Dezember 2018 | 15:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Dezember 2018, 04:00 Uhr

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