28. September 1969 Vor 50 Jahren: Willy Brandt wird erster SPD-Bundeskanzler Deutschlands

Dass Willy Brandt 1969 erster sozialdemokratischer Bundeskanzler in Deutschland wurde, war knapp. Er sollte das Land ändern, seine Aussage "Wir wollen mehr Demokratie wagen" ist bis heute unvergessen. Am Schluss stürzte der Versöhner Brandt ausgerechnet über einen DDR-Spion.

Willy Brandt, 1975
Willy Brandt wurde am 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm geboren, er änderte seinen Namen während der NS-Zeit und behielt ihn danach bei. Bildrechte: dpa

Willy Brandt wird bei der Bundestagswahl im Herbst 1969 der erste sozialdemokratische Bundeskanzler. Die Wahl ist spannend, am Ende wird‘s knapp: CDU und CSU stellen zwar die stärkste Fraktion, allerdings verlieren sie Stimmen. Die FDP rutscht bedenklich in die Nähe der Fünf-Prozent-Hürde ab. Einzig die Sozialdemokraten gewinnen dazu. Das reicht schließlich relativ knapp für eine SPD-FDP-Regierung. Brandt war unterstützt worden von einer Wählerinitiative, der sich Prominenten aus Kunst und Kultur angeschlossen hatten.

Wir wollen mehr Demokratie wagen.

Willy Brandts legendär gewordene Aussage
Egon Bahr und Willy Brandt
Egon Bahr und Willy Brandt (r.) Bildrechte: dpa

Eine neue Politik ist gefragt – nach innen und nach außen. Der Kanzler verfolgt gemeinsam mit seinem engen Vertrauten, Staatssekretär Egon Bahr, unbeirrbar seine Ost-Politik, auch gegenüber der DDR.

In seiner ersten Regierungserklärung 1969 bekennt Brandt: "Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch füreinander nicht Ausland; ihre Beziehungen zueinander können nur von besonderer Art sein."

Der Weg nach ganz oben

Nach der Rückkehr aus der Emigration hatte der politische Aufstieg Brandts begonnen: Regierender Bürgermeister von Westberlin, auch während des Mauerbaus, dann in der ersten Großen Koalition Außenminister und Vizekanzler im Kabinett Kiesinger.

Willy Brandt war ohne Zweifel der charismatische Kanzler der Bundesrepublik. Als Bürgermeister von Berlin international anerkannt, gleichzeitig politisch und von seiner Biographie her hoch umstritten. Er war eine selten polarisierende Figur.

Politikwissenschaftler Gert-Joachim Glaeßner von der Berliner Humboldt-Universität

Brandt bringt nach Adenauers Westintegration die Bundesrepublik mit dem Osten ins Gespräch. Weitreichende Ergebnisse dieser Politik sind historische Verträge. Doch im Kopf bleiben vor allem Zeichen und Symbole: Der Blick aus dem Hotelfenster von Erfurt, der Kniefall von Warschau.

Bundeskanzler Willy Brandt (1970, GER/SPD) während des Kniefalls vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos in Warschau.
Bundeskanzler Willy Brandt 1970 während des Kniefalls vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos in Warschau. Bildrechte: IMAGO

Zunehmende Schwierigkeiten

Indes: International hoch anerkannt, gerät Brandt innenpolitisch zunehmend in Bedrängnis. Zwar kann er die Ratifizierung der Ost-Verträge im Bundestag bei Stimmenthaltung der CDU/CSU durchsetzen und wird 1972 nach einem SPD-Wahlsieg als Bundeskanzler bestätigt. Doch die Öffnung nach Osten erkauft sich Brandt auch mit einer Abschließung nach innen. Dem Vorwurf der Kommunistenfreundlichkeit stellt er den Radikalenerlass entgegen. Auch in den Reihen der Genossen knirscht es. War Brandt nicht mit dem Motto "mehr Demokratie wagen" angetreten?

Frau Aase Lionaes überreicht Willy Brandt Urkunde und Medaille des Friedens-Nobelpreises 1971
Willy Brandt erhielt 1971 den Friedensnobelpreis Bildrechte: dpa

Die Kanzlerkrise 1973/74 kam nicht aus heiterem Himmel.

Carola Stern, Publizistin

Immer öfter wird nun eine "Führungsschwäche" von "Willy Wolke" ausgemacht. Ölkrise und Konjunktureinbruch, autofreier Sonntag in Wanne-Eickel statt eines großen Auftrittes in Moskau. Der erfolgreiche Visionär Brandt steckt in den Mühen der Ebene. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner stichelt gegenüber Journalisten, der Kanzler sei "entrückt, abgeschlafft".

Was der Regierung fehlt, ist ein Kopf.

Herbert Wehner, damaliger SPD-Fraktionsvorsitzender

Der Niedergang

Willy Brandt macht mit Ehefrau Rut einen Spaziergang im Wald, im Hintergrund der später als Spion enttarnte persönliche Referent Günter Guillaume
Willy Brandt macht mit Ehefrau Rut einen Spaziergang im Wald, im Hintergrund der später als Spion enttarnte persönliche Referent Günter Guillaume. Bildrechte: dpa

Die offene Demontage Brandts hatte begonnen. Das Ende seiner Regierung ist nur eine Frage der Zeit. Den Anlass liefert dann 1974 Günther Guillaume, ein DDR-Spion im Bundeskanzleramt. Ausgerechnet die DDR! Dabei hatte Brandt doch auf Verständigung mit dem Osten gesetzt.

Der Kanzler tritt zurück, angeschlagen, einsam, nach eigenen Aussagen ohne Freunde. Er, ein Massenidol, leidet an Depressionen, denkt gar an Selbstmord.

Er war ein Mann der Visionen gewesen – die hatte er auf den Weg gebracht. Physisch und psychisch erschöpft, war er nicht mehr der Kanzler, der die drängenden innenpolitischen und vor allem wirtschaftlichen Probleme hätte lösen können.

Publizistin Marion Gräfin Dönhoff über Willy Brandt

Nach Brandts Rücktritt steht schnell ein "Macher" bereit. Auf den Visionär folgt der erfahrene Polit-Manager Helmut Schmidt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. September 2019 | 06:45 Uhr

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