75. Geburtstag Warum für Wim Wenders Erfolg und Scheitern dicht beieinander liegen

Wim Wenders zählt zu den international hochgeachteten Regisseuren und war schon mehrfach für den Oscar nominiert. Filme wie "Paris, Texas" und "Der Himmel über Berlin" machten ihn in den 80er-Jahren weltweit bekannt. Doch hinter seinem Erfolg lauert auch die beständige Gefahr des Scheiterns. Seine Flops nutzte er jedoch als Kreativmotor. MDR KULTUR-Filmexperte Hartwig Tegeler unternimmt einen kritischen Streifzug durch das Werk des Filmemachers, der viele Höhen, aber auch Misserfolge erlebte.

Wim Wenders
Der Regisseur und Fotograf Wim Wenders wurde am 14. August 1945 in Düsseldorf geboren Bildrechte: imago/Lumma Foto

Wim Wenders' Film "Paris, Texas" von 1984 ist sein großer Erfolg. Allerdings ist er geboren aus großem Scheitern. In Wenders' Patricia-Highsmith-Verfilmung "Der amerikanische Freund" von 1977 spielt Dennis Hopper einen Cowboy, den es nach Hamburg verschlagen hat. Der Regisseur Francis Ford Coppola ("Der Pate", "Apocalypse Now") sieht diesen Film, der laut Wenders "auch in Amerika ein kommerzieller Film gewesen ist, der gut gelaufen ist." und lädt seinen deutschen Kollegen ein. Wenders geht daraufhin ein Jahr in die USA.

Albtraum Hollywood

Sein Sprung von Deutschland nach Hollywood wird allerdings zu einem Albtraum. "Hammett", der Film, den Wenders für Coppola drehen soll, ist nicht der Film, den Wenders drehen will. Was später ins Kino kommt, hat wenig mit seinen ursprünglichen Ideen zu tun.

Ein Mann läuft auf Eisenbahnschwellen auf die Kamera zu in: "Paris, Texas", Spielfilm, Deutschland/Frankreich/Großbritannien 1984, Regie: Wim Wenders, Darsteller: Dean Stanton
Szene aus dem Film "Paris, Texas" Bildrechte: imago/United Archives

Nachdem Wenders in Hollywood scheiterte, thematisiert er in "Der Stand der Dinge" die Verzweiflung des europäischen Filmemachers, den sein Traum von Amerika, vom Film-Amerika, in die USA getrieben hat, und der in einem Produktionsalbtraum erwachte.

Wim Wenders, 75. Geburtstag am 14. August - Der deutsche Regisseur und Fotograf Wim Wenders, Deutschland 1970er Jahre.
Wim Wenders in den 70er-Jahren Bildrechte: imago images/United Archives

Als Gegenentwurf zu "Hammett" dreht Wenders mit "Paris, Texas" 1984 dann diesen magischen Film über einen Mann, der seinen Sohn sucht. "Paris, Texas" war eine Art Wiederauferstehung, zu der Wenders sagt: "Ich konnte auch nicht zurückkommen, sozusagen unverrichtete Dinge. Konnte ich vor mir selbst nicht. Ich konnte aus Amerika also nur wieder raus und zurück nach Europa, wenn ich das Ding gemacht hatte, weswegen ich überhaupt erst hingegangen war."

Missverständnisse

Doch schon der Film "Paris, Texas" – der in Cannes mit einer Goldenen Palme geehrt wird, in den USA allerdings ein Flop ist – enthält ein Missverständnis. Wenders war immer auf der Suche nach den großen Geschichten in den großen Landschaften. Auch in den Stadt-Landschaften, so wie seine Vorbilder John Ford oder Nicolas Ray. Doch zu deren Lakonie und Einfachheit fand der europäische Filmemacher nicht. Wenders hakte sich häufig fest zwischen der Poesie der makellosen Bilder und dem Überhang von Pathos. So auch in "Don't Come Knocking" von 2005 oder danach in "Palermo Shooting".

Wim Wenders an der Kamera.
Wenders 2005 beim Dreh von "Don't Come Knocking" Bildrechte: imago images/Mary Evans

Erfolg ist ein hinterhältiges Monster

Dass der Erfolg im Leben eines Filmemachers ein hinterhältiges Monster ist, das hat Wenders immer wieder erfahren müssen. Neun Jahre nach "Paris, Texas" drehte er "In weiter Ferne, so nah". Ein Flop. Wenders sagt dazu: "Das ist dann ein Film, der in Deutschland sozusagen überhaupt nicht stattgefunden hat. Der ist sozusagen nicht wahrgenommen worden. Das war damals eine große Enttäuschung und ich habe das Gefühl gehabt, vor allem nach dem Fiasko von 'In weiter Ferne, so nah', dass nichts ginge mit einem weiteren Film in Deutschland."

Bruno Ganz als Damiel in einer Szene des Films "Der Himmel über Berlin" (undatierte Filmszene). Der Film kommt am 12.04.2018 in die deutschen Kinos.
Eines der magischen Bilder des Wim Wenders: Bruno Ganz als Damiel in einer Szene des Films "Der Himmel über Berlin" (1987) Bildrechte: picture alliance / -/StudioCanal

Oscar-Nominierungen

Und so wechselt Wim Wenders Mitte der 1990er-Jahre zeitweise in ein anderes Genre: Der Spielfilm-Regisseur, der immer schon Fotograf war, wird nun auch Dokumentarfilmer. "Buena Vista Social Club" von 1999 und die Doku "Pina" (2011) und "Das Salz der Erde" (2014) bringen ihm gar Oscar-Nominierungen ein. Doch der große Spielfilm, trotz des Achtungserfolgs des 3-D-Films "Every Thing Will Be Fine" von 2015, er will Wim Wenders nicht mehr gelingen.

Szene aus - Buena Vista Social Club - Musiker auf Bühne.
Der Musikfilm "Buena Vista Social Club" war ein Erfolg für Wim Wenders Bildrechte: imago images/Mary Evans

Vielleicht bleiben in der Rückschau dann doch vor allem die magischen Bilder, die der europäische Filmemacher und Fotograf "gezeichnet" hat und die die quälenden Misserfolge aufwiegen. Wim Wenders hat einmal Akira Kurosawa, den großen japanischen Kollegen, interviewt: "Und dann hatte ich gesehen, er hatte so Narben hier. Auf beiden Händen. Und dann habe ich auch rausgekriegt, von seiner Übersetzerin: Er hatte mal einen Selbstmordversuch gemacht, weil er so verzweifelt darüber war, dass seine Filme in Japan alle nicht angekommen waren. So weit möchte ich nicht gehen."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. August 2020 | 13:15 Uhr