75. Geburtstag Mit dem Mythos verwachsen: Winfried Glatzeder

Mit Winfried Glatzeder feiert ein deutscher Schauspieler seinen 75. Geburtstag, der sich mit einer Rolle für immer in die Filmgeschichte eingeschrieben hat: "Paul" aus dem DEFA-Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula". MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann über den Schauspieler und sein Werk.

Winfried Glatzeder 5 min
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MDR KULTUR - Das Radio So 26.04.2020 15:45Uhr 05:09 min

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Schon bevor er "Paul" wurde, war Winfried Glatzeder ein bekannter Schauspieler in der DDR. So spielte er zum Beispiel 1972 in "Der Mann, der nach der Oma kam" – einem Film von Roland Böhme. Glatzeder gab mit hinreißendem Witz einen Haushälter. Diesen Film haben über drei Millionen Zuschauer gesehen, ein Riesenerfolg und auch eine emanzipatorische Geschichte in der DDR. Vorher gab es 1969 "Wie heiratet man ein König?", ein fabelhaftes Märchen, oder die Liebesgeschichte "Zeit der Störche". Es war den Leuten durchaus bekannt, dass hier ein hervorragender Schauspieler existierte.

Nach "Paul" kam noch mehr

Die Rolle seines Lebens spielte er zweifelsohne in "Die Legende von Paul und Paula". Aber auch danach ging es noch weiter. Da war zum Beispiel ein Film wie "Till Eulenspiegel", 1975 von Rainer Simon nach einem Drehbuch von Christa und Gerhard Wolf. Da spielte Glatzeder den Narren, einen Rebellen und Anarchisten. Und passte da hervorragend hinein mit seiner Gestalt: Sein Gesicht erinnert an Tilman Riemenschneider, als sei es aus Holz geschnitzt, feinfühlig von dem großen Künstler des Mittelalters. Er war die Idealbesetzung – "Till Eulenspiegel" gehört zu seinen absolut besten Filmen.

Stolz auf seinen Kultfilm

Doch der "Paul" aus Heiner Carows Film überstrahlt alles. Zum Glück geht Glatzeder damit ganz offensiv um. Er weiß natürlich, dass eine solche Rolle in einem solchen Kultfilm ein absoluter Glücksfall ist. Er hat seine Autobiografie "Paul und ich" genannt. Da merkt man schon, dass er das nicht verschweigt, sondern damit sehr direkt umgeht. Er weiß, dass er mit dieser Rolle immer identifiziert wird und er identifiziert sich auch selbst damit. Anders als Angelica Domröse zum Beispiel, die sehr wütend sein kann, wenn man sie immer wieder auf "Paula" anspricht. Sie ist nicht so sehr mit dem Mythos verwachsen wie Glatzeder.


Glatzeder spielte mit "Paul" einen angepassten DDR Bürger, der durch die Liebe aus der Bahn geworfen wird. Eine sehr sinnliche Geschichte, für die er eine Idealbesetzung war, in einer Hippie-Ästhetik die die Unbedingtheit der Liebe feiert. In einer doch sehr Betonhaften Gesellschaft, in der alles vorgeschrieben und geregelt war, ist die Liebe plötzlich eine anarchische Himmelskraft. Man darf dabei Glatzeders ganz besonderen visuellen Reiz nicht vergessen, mit dieser zerschlagenen Nase. Man hat ihn ja immer mit Belmondo verglichen, doch das ist viel zu klein und viel zu einfach.

Ein erfahrener Schauspieler

Winfried Glatzeder hatte eine ganz solide Ausbildung. An der Filmhochschule in Babelsberg hat der Schauspiel studiert – nach einer sehr schwierigen Nachkriegskindheit: Der Vater ist im Krieg gefallen, er hatte eine kranke Mutter. Er hat das Spielen, die Bühne, später auch die Kamera, immer empfunden als eine Art Rettung, auch als eine Lebenshilfe, um über diese schrecklichen Erfahrungen der Nachkriegszeit hinwegzukommen. Er beherrscht das Handwerk in der Tat hervorragend, hat auch viel Theater gespielt. Es gab in den Siebzigerjahren eine sensationelle Inszenierung von "Der gute Mensch von Sezuan" von Brecht. Benno Besson hat ihn als den Flieger besetzt. Auch das war eine ganz eindrucksvolle Leistung, denn die spielten damals alle mit Masken. Das ist natürlich ein Verfremdungseffekt, da musste er seine ganze Körperlichkeit einsetzen – das kann Winfried Glatzeder ganz hervorragend.

Nach dem Weggang 1981 aus der DDR hat er weiterhin sehr viel Theater gespielt, vor allem in Düsseldorf. Er war als Berliner Tatort-Kommissar dann ziemlich glücklos und traurigerweise kennen ihn Jüngere häufig vor allem aus dem "Dschungelcamp". 2014 nahm er an der TV-Show teil und war immerhin so beliebt, dass er auf Platz fünf gelandet ist.

Jungenhafter Charme

Am 26. April wird Winfried Glatzeder 75 Jahre alt. Er wird den Tag in selbstironischer Verzweiflung begehen. Schon in früheren Jahren sagte er, wenn er jemanden kennengelernt hat, der erst 1995 geboren wurde: "Der wird das Jahr 2050 erleben – ich nicht. Wie gemein ist das denn?" Ein Neid auf Jüngere, mit einem Augenzwinkern. Auch für uns ist es schwer zu glauben, dass er 75 wird. Denn er hat diesen jungenhaften Charme. Viele seiner Figuren leben genau von diesen Charme, von Selbstironie und Freude am Spiel. Glatzeder ist ein sehr freundlicher, offener Mensch, der sein Leben lang gespielt hat und das hoffentlich auch noch lange tun wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. April 2020 | 13:15 Uhr

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