Betrachtung "Winnetou ist ein deutscher Held und kein Indianer"

In den USA ist seit dem Tod von George Floyd eine heftige Rassismus-Debatte entbrannt – Schwarz gegen Weiß. Und was ist mit den indigenen Amerikanern, oft verächtlich "Rothäute" genannt? Wegen Corona finden derzeit in Deutschland kaum Festspiele mit Winnetou und Old Shatterhand statt. Gerade dort wird oft mit Klischees gearbeitet. Die amerikanische Geisteswissenschaftlerin Alina Dana Weber hat die Karl-May-Spiele hierzulande wissenschaftlich erforscht und ein Buch zum Thema geschrieben: "Blood Brothers and Peace Pipes" ("Blutsbrüder und Friedenspfeifen"). Sie wünscht sich Festspiele, die es dem Zuschauer ermöglichen, sich endlich mit der Realität der nativen Amerikaner auseinandersetzen zu können. Ein Gastbeitrag:

Winnetou (Pierre Brice)
Pierre Brice als "Vorzeige-Indianer" Winnetou Bildrechte: IMAGO

Wenn nordamerikanische Indianer (etwa Native Americans oder First Nations) Winnetou sehen, erscheint er ihnen bestenfalls als Cartoon, Super-Indianer oder Seifenoper-Figur. Manche empfinden ihn und die beliebten Bühnen- und Film-Indianer sogar als Beleidigung. Diese Wahrnehmung wird gelegentlich auch öffentlich in den Medien ausgedrückt. Sie stößt meist auf Unverständnis und Defensive, da diese "Indianer" positiv und als Opfer kolonialen Unrechts dargestellt würden. Aber eigentlich stehen sich in dieser Debatte zwei unterschiedliche Darstellungskonzepte gegenüber.

Karl-May-Spiele bilden keine reell exisitierende Kultur ab

Einerseits bieten die Bühnen von Karl-May-Spielen keine Abbildungen reell existierender Kulturen. In Umzügen und Theaterstücken, in Opern und Singspielen kommen schon seit dem 15. Jahrhundert "Indier", "Amerikaner", "Mexikaner" und andere Indianerklischees vor, die ihre eigene Entwicklung durchgemacht haben, bevor May zum Ende des 19. Jahrhunderts "Winnetou" ins Muster des in Leder gekleideten, berittenen Tipi-Bewohners aus den Plains hineinschrieb.

Nicht nur May hat zur Verbreitung dieses Stereotyps beigetragen. Auch andere Autoren, äußerst erfolgreiche Wild-West-Shows, die zu der Zeit in Europa gastierten und später von deutschen Entertainern imitiert wurden, sowie die neuesten Medien der Zeit, welche ihr wachsendes Leserpublikum mit Nachrichten, Berichten, Bildern und Fiktionen aus dem Traumland Amerika versorgten, haben das getan. Das im 19. Jahrhundert so fixierte Stereotyp wurde hinterher durch Jahrzehnte seiner Rezeption in den Medien und im Theater weiter gefiltert und synthetisiert, bis es seine ehemaligen Referenten längst verloren hat.

Karl-May-Inszenierungen und ihre Figuren sind Märchen

Winnetou und Old Shatterhand 1938 auf der Felsenbühne Rathen.
Winnetou und Old Shatterhand - Die Blutsbrüder 1940 auf der Felsenbühne Rathen Bildrechte: Landesbühnen Sachsen

Die ästhetische Entwicklung des deutschen Theaters hat ihren Teil zu dieser Entwicklung beigetragen. Die historisch und kulturell genaue Darstellung spielt spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch eine relativ geringe Rolle auf der Bühne, die von dem Wunsch nach Kreativität und Originalität in allen Aspekten einer Produktion verdrängt wurde.

Darum geht es bei den heutigen Karl-May-Spielen prinzipiell um die Darstellung von Fantasien, die sich bis auf generelle Bezugspunkte keiner Authentizität verpflichtet fühlen – außer der internen der Karl-May-Welt (Texte und Filme). Darum beschreiben auch viele derjenigen, die im May-Theater mitmachen, sowie viele Zuschauer die May-Inszenierungen und ihre Figuren als Märchen. Vielen ist es bewusst, dass es sich um Klischees handelt. Es sei hierzu auch angemerkt, dass alle Figuren dieser Spiele gemäß dem Genre des Festspiels Stereoypen sind, nicht nur die "Indianer", sondern auch die "Briten", "Franzosen" oder "Sachsen".

Natürlich stellt May keine indigenen Menschen dar. Es sind Darstellungen eines aus Stereotypen bestehenden Fantasie-Universums.

Rebecca Riall, Rechtsanwältin und Anthropologin aus dem Cherokee-Tribe von Nordost-Alabama
Felsenbühne Rathen mit Jürgen Haase und Herbert Graedtke, 1984
"Winnetou"-Aufführung auf der Felsenbühne Rathen mit Jürgen Haase und Herbert Graedtke, 1984 Bildrechte: Felsenbühne Rathen/ Landesbühnen Sachsen

Andererseits ist das gerade die Crux dieser Darstellungen. "Natürlich stellt May keine indigenen Menschen dar", schreibt Rebecca Riall, eine promovierte Rechtsanwältin und Anthropologin aus dem Cherokee-Tribe von Nordost-Alabama. "Es sind Darstellungen eines aus Stereotypen bestehenden Fantasie-Universums. Im größten Teil der Welt stellt man sich amerikanische Indianer so vor, als ob sie zu einer einzigen Kultur gehören würden, die (aus Sicht der US-Geschichtsschreibung) praktischerweise im späten 19. Jahrhundert untergegangen ist. Aber eigentlich gehören wir zu über 500 unterschiedlichen Nationen mit ihren eigenen Sprachgruppen, Religionen und Glaubensvorstellungen. Diese Nationen sind so divers wie jene jedes Kontinents. Ebenso wenig haben wir aufgehört zu existieren."

Auch positive Stereotypen haben ein Risiko

Karl May als Old Shatterhand verkleidet auf einem Foto aus dem Jahr 1896.
Karl May als Old Shatterhand verkleidet auf einem Foto aus dem Jahr 1896 Bildrechte: imago/teutopress

Das Risiko von an sich positiven Stereotypen wie "Winnetou" besteht darin, dass sie gerade in frühen Stadien der Wissensaneignung, etwa bei Kindern – einer der wichtigsten Zielgruppen von Karl-May-Spielen – das Lernen über Geschichte, Vielfalt und gegenwärtige Probleme indigener Amerikaner verhindern kann. "So ist es für mich nicht ungewöhnlich", so Riall, "dass meine Behauptung amerikanische Indianerin zu sein, von Kindern angefochten wird, wenn ich Kindergruppen über Stereotypen der amerikanischen Indianer informiere, weil ich einen Anzug trage statt eines Kleides aus Hirschleder."

Es ist schwierig, dieses Stereotyp zu "entlernen", erklärt René Grießbach, ein Kenner der Karl-May-Szene: "Ich vergesse nie, wie lange ich nach den ersten Indianerfilmen (v.a. "Die Söhne der großen Bärin") gebraucht hatte, um zu begreifen, dass es viel mehr Kulturen bei den 'Indianern' gibt und eben nicht alle mit Federn im Haar und auf dem Pferd sitzend durch die Prärie reiten. Es war ein in der Kindheit entwickeltes Klischee, das im Lauf des Lebens durchbrochen werden muss."

Stereotype Darstellungen führen zu "unbeabsichtigtem Rassismus"

Doch für viele findet dieser Prozess nie statt. Nur wenige Zuschauer von Karl-May-Spielen interessieren sich für die Geschichte und gegenwärtige Situation indigener Amerikaner oder sie erscheint ihnen als zweitrangig. Auch wenn die "Indianer" schmeichelhaft dargestellt werden, kann der "Topos des In-der-Vergangenheit-lebenden Indianers", so Riall, schnell zu der Vorstellung führen, "dass wir, deren Vorfahren den Genozid überlebt haben, nur verzerrte Echos von 'echten Indianern' sind" – und so schließlich zu "einem unbeabsichtigten Rassismus".

Keine richtige Auseinandersetzung mit indigener Kultur

Dennoch beginnt das Interesse von Fachleuten, die sich gründlich mit indigenen amerikanischen und anderen Kulturen auseinandersetzen (etwa Anthropologen) gelegentlich im jungen Alter mit einem Interesse an der May-Welt. Ebenso informieren sich viele Sachkundige und Enthusiasten der May-Szene über diese Kulturen. Aber wenn dies auch, wie Riall schreibt, "einen Weg zu wahrem Lernen und sinnvollen Beziehungen eröffnet, und das Aufgeben und Ablehnen der Stereotype und der Praktiken, denen sie zugrundeliegen, verursacht hat, [...] ist das nicht auf einer breiten Ebene geschehen."

Auch heute noch gibt es Angriffe auf indigene Völker

Ob positiv oder negativ, idealisierend oder abfällig, Stereotypen sind Konstrukte, welche die reellen Gegebenheiten, die sie vermeintlich darstellen, oftmals mit einem selbstgemachten, vereinfachenden Konzept verdecken. Im Fall der "Indianer" können sie deshalb das Wissen um die heutige Existenz, Geschichte und kulturelle Vielfalt der indigenen Amerikaner verhindern. Mehr noch: Die ersten Bewohner Nord- und Südamerikas wurden bekannterweise von den Kolonialsystemen europäischer Einwanderer ausgerottet, zurückgedrängt und ausgenutzt.

Solche Prozesse finden weiterhin statt, so in den Regenwäldern des Amazonas oder in den Stammeskonflikten mit der US-Regierung, etwa wegen ungenügender Krankenversorgung indigener Gemeinschaften während der Pandemie, dem beschleunigten Bau von Öl-Pipelines durch Stammesterritorien oder dem Eingriff in Naturdenkmäler. Stereotypen haben schon immer geholfen, solche Angriffe zu legitimieren.

Karl-May-Bühnen zu Orten der Vielfalt machen

Gleichzeitig kann ein über die Jahrhunderte gewachsenes, tief verwurzeltes Kulturphänomen mit seiner eigenen Geschichte, wie das "Indianer-Spiel" auf der Bühne, nicht plötzlich aufhören. Zudem erfüllen manche Karl-May-Freilichtbühnen in ihren lokalen Gemeinschaften wichtige Funktionen: Sie sind ein Wirtschaftsfaktor, bieten sozialen Zusammenhalt, sinnvolle Aufgaben für die Jugend und plädieren für kulturelle Vielfalt.

Um die beiden Positionen näherzubringen, werden kulturelle Kontakte, die Auseinandersetzung mit scheinbar Selbstverständlichem, guter Wille und gegenseitiges Lernen benötigt. Das alles ist schon im Ansatz vorhanden, beispielsweise am Karl-May-Museum und den Karl-May-Festtagen in Radebeul. Wie Riall plädiert, wird es Zeit, mit dem May-Problem abzurechnen: "Statt nur diese alten Stereotypen weiter zu tradieren, wäre es angebracht, mehr indigene Musiker, Theatermacher, Schauspieler und Künstler einzuladen. Bauen Sie reelle Beziehungen mit indigenen Amerikanern auf; lernen Sie mehr über Aktivismus zu indigenen Themen und helfen Sie, mehr Aufmerksamkeit für diese zu erregen!"

Dieser Appell soll hier weitergeleitet werden, damit die Karl-May-Bühnen zu Orten werden, an denen sich Zuschauer nicht nur an idealen Wunschbildern einer heilen Indianerwelt berauschen, sondern sich auch mit der Realität der nativen Amerikaner auseinandersetzen können.

Über Alina Dana Weber Die Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin Alina Dana Weber forscht und lehrt an der Florida State University in Tallahassee. Sie
hat über die Karl-May-Spiele hierzulande promoviert und ein Buch zum Thema geschrieben: "Blood Brothers and Peace Pipes" ("Blutsbrüder und Friedenspfeifen"). Darin untersucht sie die Entstehung der Karl-May-Festspiele aus einer historischen Perspektive und interpretiert ihre performativen Merkmale sowie ihre Funktion in der zeitgenössischen deutschen Populärkultur. Webers Forschung integriert Ansätze aus Ethnologie, Performanz- und Filmstudien.

Ihre Aufsätze beschäftigen sich u. a. mit den Karl-May-Festspielen im Licht von Wagners "Festspiel"-Ideen, der historischen Entwicklung von "Indianer"-Figuren auf deutschen Bühnen und dem Dialog von Quentin Tarantinos neuesten Filmen mit Fritz Langs Produktionen. Weber unterrichtet diese und ähnliche Themen in Seminaren, z.B. "Indianer-Fantasien in der deutschsprachigen Kultur".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial: Karl-May-Spiele | 03. Juli 2020 | 18:05 Uhr