Kritik Zu viele Ideen, zu wenige, die tragen: "Winterreise/Winterreise" am Schauspiel Leipzig

Zum Saisonauftakt am Schauspiel Leipzig spielt eine singende Romantiker-Elf gegen die Spaßgesellschaft aus Ischgl, und verliert. Weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen. Unser Theaterkritiker über Licht und Schatten der Inszenierung.

Winterreise/Winterreise, Schauspiel Leipzig, Theater
Beschwerlich ist der Weg zum Gipfel. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Das Strickmuster der Doppelinszenierung hat Intendant Lübbe schon mehrfach erprobt: In seiner "Winterreise/Winterreise" führt er zwei Texte zusammen, zwischen denen gut 200 Jahre liegen. Zum einen ist es eine Gedichtsammlung des Dessauers Wilhelm Müller, die durch Franz Schuberts Vertonung als Liederzyklus "Die Winterreise" Klassikerstatus erlangt hat. Der andere Text stammt von Elfriede Jelinek, die sich als Schubert-Fan die Reise 2011 vornimmt, um daraus einen Theatertext für die Münchner Kammerspiele zu machen.

2011 ist Jelinek 65 Jahre alt – ihr Text kann zum Eintritt ins Rentenalter als eine Art Bilanz gelesen werden. Er klingt wie eine Selbstbefragung des eigenen Lebens, in dem die Angst, versagt zu haben, eine falsche Richtung eingeschlagen zu haben, eine große Rolle spielt. Leise, persönlich, unpolitisch wirkt er und kreist um Fragen wie: Wer bin ich? Was macht die Zeit aus mir? Werde ich durch vergehende Zeit ein anderer? Es fällt auch der Satz: "Ihre Leier können wir nicht mehr hören." Ist das auf die Literaturnobelpreisträgerin bezogen, deren Leier keiner mehr hören will?

Es ist jedenfalls ein guter Text, der Dinge offen lässt und um Einsamkeit, Leben, Zeit und Sinn kreist; ein Text, der Müller überschreibt bis in heutige digitale Parallelwelten. Das "Netz" spielt eine Rolle, wie es uns vorgaukelt, mit ganz vielen Menschen in Kontakt zu sein.

Rhythmisch bleiben!

Übrigens ist diese doppelte Stückauswahl nicht Corona geschuldet, was man ja angesichts der Einsamkeits-Thematik annehmen könnte. Nein, Regisseur Lübbe ist einerseits ein Jelinek-Fan und hat schon einige Texte von ihr inszeniert, andererseits ist er auch ein Fan dieser Stück-Verknüpfungen.

Szenenbild Winterreise
Das Bühnenbild stammt von Etienne Pluss. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Dass Corona zuschlug, ist eher ein Katalysator, der die Botschaft der Inszenierung noch fokussieren kann. Denn eine Winterreise in Entfremdung und Tod bedeutet ja dialektisch betrachtet auch immer die andere Option: eine Reise zurück ins Leben. Eine Reise, die neuen Halt in sich selbst und in der Gemeinschaft verspricht. Wie man dahinkommt? Gerade jetzt? Es gibt einen Moment in der Inszenierung, in dem es extrem laut wird.

Julia Berke erinnert sich in einer Szene, dass sie eine Orgelschülerin war, die mit dem Instrument nicht zurechtkam. Es tönt und braust dazu; Umweltgeräusche blasen sich auf bis zur Kakophonie, alles geht durcheinander. Dann fällt der Weltenlärm in sich zusammen und es bleibt ein Satz übrig, wie eine Bedienungsanleitung für das Leben: "rhythmisch bleiben!", "rhythmisch bleiben!" Er ist ein kategorischer Imperativ an das Ich wie ein Puls, ein Herzschlag, ein Atem. Zynisch gesprochen könnte man sagen: Corona ist ein Glücksfall für diese Inszenierung!

Über allen Gipfeln ist Ruh‘

Das Bühnenbild zeigt einen Berg. Wir sehen eine Seilbahnstation, Schnee, eine Aussichtsplattform mit Fernrohr (Bühne: Etienne Pluss; Kostüme Bianca Deigner). Da hinauf haben es die elf Protagonisten geschafft, auf diesen Zauberberg, in diese Endstation Sehnsucht, auf diesen Kickelhahn, dem Goethe zudichtete: "Über allen Gipfeln ist Ruh' …!"

Winterreise/Winterreise, Schauspiel Leipzig, Theater
"Winterreise/Winterreise", Doppelinszenierung am Schauspiel Leipzig Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Und wie aus dem Nichts stimmen die Elf dann ein Lied aus der "Winterreise" an: "Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum." Refrain in Strophe drei: "Du fändest Ruhe dort!" Das Lied wird hier aber nicht wie im Original mit einer Singstimme und Klavierbegleitung präsentiert, sondern neu gesetzt vorgestellt, als Komposition für einen mehrstimmigen Chor (Musikalische Leitung: Jürg Kienberger). Das klingt wunderschön, diese traurige, sehnsuchtsvolle Musik.

Doch dann rollt aus dem Tal – verkehrte Welt – eine Art Discolawine nach oben: "Hurra die Gams …" – das ist natürlich Après Ski; das ist Corona in Ischgl. Die Elf oben auf dem Berg hält mit deutschem Liedgut dagegen, verliert aber gegen die Spaßgesellschaft im Tal. Das ist der zentrale Moment und die schönste Szene des Abends; das ist die Botschaft der Inszenierung auf den Punkt gebracht.

Spazierstock wird Slapstick

Gemessen am Applaus, der eher verhalten war, stellt sich im Laufe der Inszenierung offenkundig Ratlosigkeit ein. Anders gesagt: Videoprojektionen, Windmaschine, akustische Spielereien im Zuschauerraum und im Foyer, Slapsticknummern wie mehrfach völlig überdrehte Wanderszenen im Wintersturm lenken am Ende nur ab und kleistern das Eigentliche zu.

Lübbe zerlegt sich selbst mit einer Detailversessenheit. Denn im Grunde ist alles aufs Schönste ausgedacht. Dramaturgisch gut angelegt und ausgetüftelt. Die Szenen sind durchweg gut gespielt. Es ist eine gute Ensembleleistung, in der jeder seinen kleinen Auftritt haben (muss). Weniger wäre vielleicht auch hier mehr gewesen. Alles ist auch gut beleuchtet. Mir fehlte zu all den Entfremdungs- und Chaosbildern der heutigen Welt aber das Gegengewicht, ein Ruhepol, eine Harmonie – eben dieser Chorgesang des Ensembles, den es ja auch gab, der aber in der Inszenierung zu kurz kam. Dadurch blieb die Utopie im Nebel. Nicht wirklich spürbar. Eine Chorszene, ein Lied, komplett gesungen, hätte schon gereicht.

Suche nach einer Haltung

Am Ende des gut zweistündigen Abends hat Ellen Hellwig noch einen halbstündigen Auftritt. Hellwig, langjähriges Ensemblemitglied in Leipzig, ist im selben Jahr geboren wie Jelinek und stemmt hier einen Monolog, in dem es um Demenz geht, was ja auch Art der Entfremdung von sich selbst darstellt.

In Jelinek "Winterreise" ist das ein Text, den offenbar ein Vater spricht; ein Text, der sich an Frau und Tochter richtet. Ellen Hellwig ist aber kein Mann. Einmal in ihrem Monolog fasst sie sich an die Brust, ist irritiert, dass sie eine Frau ist. Ob das die Lösung für diesen Mann-Frau-Text-Tausch sein soll, wenn es überhaupt so gemeint ist? Ob das Gewehr ihre Männlichkeit unterstreichen soll; ein Requisit, das sie mit Monologbeginn weglegt und das dann keine Rolle mehr spielt?! Da bleiben Fragen offen.

Hellwig sitzt vom Stückbeginn an die ganze Zeit unbeteiligt auf der Bühne, tritt am Ende an die Rampe im schwarzgrünen Daunenmantel wie ein dicker Käfer, mit besagtem Gewehr in der Hand, und dann redet sie: nimmt den Text eins zu eins, versucht zwischen die Worte zu kriechen und den Sinn zu erspielen. Das hat Kraft, Gedankenschärfe und zeigt kämpferischen Geist. Sie will sich mit der Demenz nicht abfinden. Sie sucht nach einer Haltung. Offenkundig auch zum Text.

Szenenbild Winterreise
Ellen Hellwig und Jürg Kienberger Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Eine Haltung findet Jürg Kienberger hier, der mit Hellwig auf der Bühne bleibt und ihren Monolog dezent mit der Glasharfe begleitet. Kienberger ist ein echter Überflieger, hat immer wieder mit Christoph Marthaler zusammengearbeitet, unter anderem in "Murx den Europäer", was ein epochales Stück über die Zeit und über Deutschland an der Volksbühne Berlin war. Die doppelte "Winterreise" knüpft hier irgendwie auch an. Schlägt dann eine neue Richtung ein. Das ist legitim. Kienberger, der Gottgleich mit Alpendialekt im schwarzen Anzug vor Hellwig steht, stellt ihrer Kampfnatur Hellwig seine Ruhe, ein In-sich-Ruhen entgegen. Trotz allem. Gegen das Chaos. Er findet den Ton.

Unterm Strich ist das ein spannend gedachter Saisonauftakt. Am Ende fehlt dem Regisseur aber der Mut, sich aus den vielen Regieideen die wenigen herauszusuchen, die die Geschichte tragen. Es ist zu viel Schnickschnack. Und zu wenig Gesang im Chor. Zu wenig Konzentration. Schade!

Das Stück "Winterreise/Winterreise" von Wilhelm Müller & Franz Schubert / Elfriede Jelinek
Schauspiel Leipzig

Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Etienne Pluss
Kostüme: Bianca Deigner
Musikalische Leitung: Jürg Kienberger

Premiere am 25. September 2020

Weitere Termine:
Sa, 26. September, 19:30 Uhr
So, 27. September, 16:00 Uhr
Sa, 03. Oktober, 19:30 Uhr
Sa, 24. Oktober, 19:30 Uhr
So, 25. Oktober, 19:30 Uhr

Weitere Theateraufführungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. September 2020 | 10:10 Uhr