Leipzig Ausstellung "Win/Win" zeigt Kunstankäufe des Freistaates Sachsen

Eines der schönsten Bekenntnisse zur zeitgenössischen Kunst ist es, wenn ein Bundesland solche ankauft – auch von jenen Künstlerinnen und Künstlern, die in der Region leben und arbeiten. Das ist in Deutschland längst nicht überall der Fall. Der Freistaat Sachsen jedoch kauft seit rund 30 Jahren aktuelle Kunst. Eine stattliche Sammlung mit rund 1.000 Kunstwerken ist entstanden. Die Halle 14 in Leipzig präsentiert die neuesten Kunst-Käufe seit zehn Jahren in einer Ausstellung mit dem Titel "Win/Win". MDR KULTUR-Kunstkritikerin Ulrike Thielmann hat sich die Ankäufe 2020 angesehen.

Thomas Fißler: "Interieur" (2020)
Thomas Fißler: "Interieur" (2020) Bildrechte: Walter Le Kon

Blaue, rote, gelbe Seifenblasen, gar Wolken fliegen durch die Luft. Am Boden angekommen, durchdringen sie sich – und sind ein großer Spaß für Kinder und Erwachsene, die zur Corona-Freiluft-Vernissage der Ausstellung "Win/Win" aufs Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei gekommen sind. Auf heller Kleidung hinterlassen die Seifenblasen gar sanfte Farbspuren, auch auf dem eigens herbei geschafften Papier.

Thomas Fißler: "Interieur" (2020) 5 min
Bildrechte: Walter Le Kon
Thomas Fißler: "Interieur" (2020) 5 min
Bildrechte: Walter Le Kon

Neue Performance-Art

Für die Dresdener Künstlerin Stephanie Lüning gehört die Abgabe der Kontrolle über ihre Kunst zur Arbeitsmethode. 2019 erregte sie im Japanischen Palais Aufsehen mit einer Performance, in der die Besucher mit farbigen Eiswürfeln malen konnten. Gemeinsam mit dem Dresdener Aktionskünstler David Adam gehört Lüning dieses Jahr zu jenen Performance-Artistinnen und Artisten, deren Kunst der Freistaat Sachsen ankaufte, obwohl sie ganz auf den Augenblick ausgelegt ist.

Das ist insofern sensationell, weil es auf die Frage der Zeitlichkeit von Kunst, der Haltbarkeit von Kunst, der Relevanz von Kunst und der materiellen Prozesse der Produktion von Kunst verweist.

Oliver Kossack, Kunstprofessor

Diversität ohne Quote

Jürgen Matschie, Gut Geisendorf, 2020 (hinten), Grit Ruhland, Kit: "Zufallsgestützte Landschaftsbeobachtung (Revier Königstein)" (2014 bis 2020)
Jürgen Matschie, Gut Geisendorf, 2020 (hinten), Grit Ruhland, Kit: "Zufallsgestützte Landschaftsbeobachtung (Revier Königstein)" (2014 bis 2020) Bildrechte: Walter Le Kon

Oliver Kossack ist Kunstprofessor in Leipzig und dieses Jahr Mitglied der Jury, die die "Kulturstiftung des Freistaates Sachsen" jedes Jahr einberuft, um die Ankäufe zu bestimmen. Unter den erworbenen Künstlerinnen und Künstlern zu sein, ist eine Ehre. Mit der Ankaufspolitik will man vor allem Maßstäbe setzen, Künstlerförderung nach Quote – in den entlegenen Zipfeln Sachsen etwa – gilt als nachrangig. Was durchaus ein strittiger Punkt sein kann. Oliver Kossack betont jedoch: "Wir gehen nicht nach einer Quote ran. Wir haben in diesem Jahr 30 Künstlerinnen und Künstler. Davon sind, ich habe es durchgezählt, 18 Künstlerinnen. Aber das ist jetzt nicht wirklich das Leitmotiv, es ist wirklich die Qualität. Und insgesamt hat man, wenn man drauf guckt, eine große Diversität in diesem Jahr als Querschnitt durch die Produktion in Sachsen."

Es geht um die Ästhetik des Hässlichen.

Michael Arzt, künstlerischer Leiter

So versammelt die aktuelle Ausstellung "Win/Win" vor allem Kunst aus Leipzig und Dresden, den Standorten der beiden Kunsthochschulen in Sachsen. Die große Zahl von Malereien fällt ins Auge, gern heutzutage als Galeristen- oder Flachware geschmäht. Mit vier mal zwei Metern zeigt die in Leipzig lebende Malerin Laura Link gar ein Großformat voller Abgründe. In neosurrealistischer Manier thematisiert sie das Hässliche in der Natur. Was durchaus dekorativ daherkommt und dann auch wieder nicht.

Michael Arzt, künstlerischer Leiter der Halle 14, die nun schon zum zehnten Mal die Kunstankäufe des Freistaates präsentiert, erklärt: "Es geht um die Ästhetik des Hässlichen. In der Mitte ist eine riesige Zunge, schön mit Belag, daneben zwei Vogelköpfe, zwei Marabus mit nacktem, 'hautigem' Hals. Finger sehe ich hier, nicht gepflegt, Entzündungen am Augenlid. Dazwischen Früchte, Euter."

Johannes Listewnik, Annedore Dietze, Juana Anzellini

Kunstwerk von Annedore Dietze: GUM, 2016 (Öl auf Leinwand, 180x150cm)
Annedore Dietze: "GUM" (2016) Bildrechte: Fritz Walter Huste

Auch junge abstrahierende Malerei hat Sachsen 2020 erworben, so eine Collage von Johannes Listewnik, die Bild-Motive und Schriften überlagert oder auch eine massige, farbig-präsente Körperlandschaft der Dresdener Malerin Annedore Dietze.

Die in Kolumbien geborene und in Leipzig studierte Malerin und Zeichnerin Juana Anzellini konzentriert sich in ihrem Werk auf das Thema "Blindheit". Wobei Blindheit für Anzellini nicht nur bedeutet, nichts zu sehen. Sie zeigt zum Thema "Sex" eine Serie aus Drucken im Stil eines Storyboards für Erotik-Filmchen. Die dick aufgetragene Farbe ist mit haptischer Qualität ausgestattet – wenn man sie nur berühren dürfte!

Zwischen Sachsen und Tschechien

Neben surrealer Fotografie von Thomas Fißler, die per optischer Apparatur zwei Fotos zu einem verschmilzt, hat Sachsen natürlich Skulpturen und Installationen mit Ankäufen gefördert. Darunter ein Kreuz in kirchentauglicher Größe, über und über von rotbraunen "Spanischen Wegschnecken" bedeckt, die ihr zersetzendes Werk verrichten. Die Nacktschnecken sind aus Glas – eine Skulptur der in Dresden und Ústí nad Labem lebenden Künstlerin Susan Donath, die sich mit unserem neuerlichen Umgang mit Tod und Religion auseinandersetzt.

Auch frühere Ankäufe sind zu sehen

Zudem hat die Halle 14 in diesem Jahr dafür gesorgt, dass das Publikum auch Ankäufe früherer Jahre zu Gesicht bekommt. Beziehungsreich wurden sie unter die Neulinge der Kunstsammlung des Freistaates Sachsen gemischt. Eine umfangreiche und unterhaltsame Schau ist entstanden.

Infos zur Ausstellung "Win"Win" bis 30. August 2020

Halle 14 - Zentrum für zeitgenössische Kunst
Leipziger Baumwollspinnerei
Spinnereistr. 7
04179 Leipzig

Öffnungszeiten:
dienstags bis samstags, 11-18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Juni 2020 | 12:10 Uhr