Bühnenszene - Wir sind auch nur ein Volk
Am Familientisch geht's rund: Szene aus "Wir sind auch nur ein Volk". Bildrechte: Sebastian Hoppe

Theaterkritik "Wir sind auch nur ein Volk" - eine Familienkomödie mit Tiefgang

Die Fernsehserie "Wir sind auch nur ein Volk" spürte in den 90ern Ost-West-Vorurteilen nach. 25 Jahre später bringt das Staatsschauspiel Dresden den Stoff von Jurek Becker auf die Bühne - und das klug und witzig, findet unser Kritiker Wolfgang Schilling.

Bühnenszene - Wir sind auch nur ein Volk
Am Familientisch geht's rund: Szene aus "Wir sind auch nur ein Volk". Bildrechte: Sebastian Hoppe

MDR KULTUR: "Wir sind auch nur ein Volk" ist ja der Titel einer Fernsehserie aus den 90er Jahren. Worum geht es da?

Wolfgang Schilling: Es handelt sich um eine Serie, die von 1994 bis 1995 im Ersten lief. Jurek Becker war der Autor, sein Freund Manfred Krug spielte die Hauptrolle, Christine Schorn die Ehefrau des Protagonisten. Und es ging in nur acht Folgen (also quotentechnisch offensichtlich nicht sehr erfolgreich) um die Ostberliner Familie Grimm: Vater, Mutter, Kind und Opa. Die stellt sich einem Westautor sozusagen als soziales Beobachtungsobjekt zur Verfügung, damit der eine möglichst glaubhafte Fernsehserie über die Probleme und Zustände der Menschen im Nachwende-Osten schreiben kann. Das geniale Vorbild "Ein Herz und eine Seele" stand da deutlich Pate.

Warum hebt man denn im Jahr 2018 eine fast 25 Jahre alte Fernsehserie auf die Bühne?

Bühnenszene - Wir sind auch nur ein Volk
Tom Kühnel führte Regie bei "Wir sind auch nur ein Volk". Bildrechte: Sebastian Hoppe

Weil ja auch heute noch vieles,  und das auch nicht immer zu Unrecht, auf einen Ost-West-Unterschied zurückgeführt wird. Da kann man natürlich schnell ins Gähnen kommen. Aber das Entscheidende bei dieser Inszenierung ist einfach: Wer hebt das alte Zeug auf die Bühne? Und da muss man sagen, der Regisseur und auch Autor der Dresdner Bühnenfassung Tom Kühnel ist wie die meisten seiner Mitstreiter in den 1970er Jahren geboren. Also ganz anders in den Westen hereingewachsen als die Elterngeneration, trotzdem aber schon mit diesem ganzen Wende-Rucksack und seinen Spätfolgen konfrontiert. Und sie hinterfragen das als Nachgeborene. Dieser Perspektivenwechsel tut gut, auch uns Älteren, die damals "richtig" dabei waren.

Und wie geht diese Generation ran an den alten Speck?

Mit großer Freude am theatralen Erzählen. Auch im kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels kann man klotzen statt kleckern. Es beginnt mit sieben überlebensgroßen Mainzelmännchen. Die putzigen Kerlchen, unter deren Kostümen die späteren Darsteller stecken, spielen die Runde der mächtigen Fernsehdirektoren, die auf die glorreiche Idee kommen, eine Osterklär-Familien-Serie ins Programm zu nehmen. Der erkorene Autor aus dem Westen kriegt seine Experimentier-Familie sozusagen im Laborversuch präsentiert. Innerhalb weniger Minuten wird auf der ansonsten leeren Bühne eine detailgetreue Neubauwohnung aufgebaut. Nicht offen zum Publikum, sondern mit vier Wänden abgeschlossen. Und da geht’s rein, mit Mann und Maus und Kamera.

Wir erhaschen höchstens mal einen Blick durchs Balkonfenster ins Innere, ansonsten wird auf eine Leinwand nach außen übertragen. Die üblichen Videomätzchen im Theater machen hier mal Sinn und sind – Respekt an den Videoverantwortlichen des Abends Bert Zander - glänzend gemacht. Dieses Wohnungsgeviert kann aber auch geöffnet werden, für weitere erzählerische Ebenen, die Regisseur Tom Kühnel klug und witzig dazu komponiert.    

Klingt nach einem amüsanten Abend. Auch mit Tiefgang, den man ja vom Theater dann doch erwartet?

Absolut, in diesen schon erwähnten weiteren erzählerischen Ebenen wechseln die Darsteller in viele andere Rollen. Da gibt es zum Beispiel so eine Art zeitgeschichtliches Aufklärungsstück über das Wirken der Treuhand. Infotainment im besten Wortsinn. Denn eingespielt wird der Originaltext einer Fernsehdokumentation, der von den Darstellern in rasantem Rollen- und Kostümwechsel sozusagen lippen- und körpersynchron übersetzt wird. Das ist informativ, witzig, nebenbei etwas zu lang, wie der Abend mit seinen fast drei Stunden überhaupt, aber am Ende nie langweilig.

Ganz verrückt wird es, wenn einer der Schauspieler als übergroßes Sandmännchen im Papp-Hubschrauber einfliegt, seinen Masken-Kopf abnimmt und sich in einem sehr nahe gehenden, fast privaten Ton an das Publikum wendet. Sein Text dabei, die Verteidigungsrede von Erich Honecker vor dem Gericht im Jahr 1992. Keine Honecker-Satire mit der schrill überschlagenden Stimme. Sehr verständnisvoll hinterfragt alles. Und schau an: Das klingt plötzlich wirklich nach einer sozialen Vision. Da muss man schon sehr aufpassen, wo die demagogischen Widerhaken sind, die ganz große Lüge nett verpackt. Am Ende klatschen sogar ein paar Zuschauer, ganz kurz nur, weil das Echo eben doch eine sehr gespannte Ruhe ist. Einer der starken Momente, die Regisseur Tom Kühnel und seinen Darstellern, in diesem Fall Viktor Tremmel, hier gelungen sind. 

Was ist zu den Schauspielern zu sagen?

Naja, hier ist Budenzauber angesagt. Grelle Familien-Comedy. Im schnellen Wechsel mit allerlei anderen Spielebenen und Figuren. Da muss der Rhythmus stimmen. Da ist noch Potenzial. Aber ich bin sicher, das schleift sich noch ein. In absoluter Bestform war für mich gestern aber schon der Opa Grimm von Thomas Neumann unterwegs. Und auch was Holger Hübner und Nadja Stübiger als Eheleute Grimm leisten, macht richtig Spaß. Thomas Eisen, der den Autor spielt, für den das alles veranstaltet wird, der überzeugt als lernender Wessi. Wenn man das mal noch so sagen darf.

Ich vermute mal stark, der Daumen des Kritikers geht nach oben?

Mit der kleinen Einschränkung der schon angesprochenen spielerischen Überlänge - ja. Ansonsten, wenn man das Gefühl hat, im familiären, Freundeskreis oder beruflichem Umfeld mal über die Ost-West-Problematik sprechen zu müssen – ein gemeinsamer Besuch dieser Inszenierung könnte da ein guter Einstieg sein.

Die Fragen stellte André Sittner für MDR KULTUR.

Angaben zum Stück "Wir sind auch nur ein Volk"

nach den gleichnamigen Drehbüchern von Jurek Becker
Bühnenfassung von Kerstin Behrens und Tom Kühnel

Nächste Aufführungstermin: 11., 14. und 26. September

Staatsschauspiel Dresden, Kleines Haus 1

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. September 2018 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2018, 11:28 Uhr