Nach Beiratsempfehlung Kunsthistorikerin: Abnahme der Wittenberger Schmähplastik könnte Welterbe-Titel kosten

Der Beirat der Stadtkirchengemeinde Wittenberg hat am Dienstag seine Empfehlung ausgesprochen, die als "Judensau" bekannt gewordene Schmähplastik von der Stadtkirche entfernen zu lassen. Der Bundesgerichtshof hatte erst im Juni entschieden, dass das Sandsteinrelief aus dem 13. Jahrhundert nicht entfernt werden muss. Die Wittenberger Kunsthistorikerin Insa-Christiane Hennen sieht die neuerliche Empfehlung durch den Expertenrat kritisch.

Mittelalterliche Judensau, ein Schmäh- und Spottbild an der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg
Bildrechte: IMAGO / epd

MDR KULTUR: Frau Hennen, das Gerichtsurteil wurde im Juni gefällt. Jetzt hat der Expertenbeirat der Stadtkirchengemeinde Wittenberg eine andere Empfehlung ausgesprochen, nämlich diese Plastik abzunehmen. Wie sehen Sie diese Empfehlung?

Insa-Christiane Hennen: Die sehe ich kritisch, aber auf der anderen Seite ist es eben eine Empfehlung. Was man damit macht, wird der Gemeindekirchenrat überlegen und auch abwägen müssen, welche Risiken dann tatsächlich eintreten oder zu berücksichtigen sind, wenn man dieser Empfehlung eins zu eins nachkommen würde. Das eine ist, wir haben einen historischen Zusammenhang, der an der Kirche sichtbar und auch erklärbar ist, der im öffentlichen Raum ist. Das heißt, es wird sich auch der Stadtrat und mit Sicherheit die Denkmalpflege damit beschäftigen, und wahrscheinlich auch weitere Institutionen, wenn man das wirklich umsetzen wöllte. Vielleicht kommt man aber im Gemeindekirchenrat auch erst mal zu dem Schluss, diese Empfehlung als Hinweis zu betrachten und zu überlegen, was man tun kann, um in erster Linie dem BGH nachzukommen und eben diese Erklärtafel zu verbessern.

Das Urteil des Bundesgerichtshofes ist erst im Juni gefallen. Wie bewerten Sie, dass jetzt, in einer solchen zeitlichen Nähe, eine ganz anders geartete Empfehlung herausgegeben wird?

Auf mich persönlich wirkt das etwas aktionistisch. Ich finde es auch nicht günstig, dass man das in dem zeitlichen Umfeld der Documenta mit den dortigen Diskussionen macht. Es auch nicht fair, das in der Sommerpause zu tun, wenn die Stadtobrigen verreist sind und man auch damit rechnen kann, in ein gewisses Sommerloch zu kommen und dadurch möglicherweise eine zusätzliche Aufmerksamkeit generiert für eine Empfehlung.

Sie sprechen die Documenta an. Da wurde ein riesiges, eindeutig antisemitisches Kunstwerk abgenommen, weil man der Meinung, dass es nicht gezeigt werden kann. Würde man nicht mit doppelten Maßstäben messen, ein anderes Werk, was auch als antisemitisch bewertet wird, hängen lässt?

Nein, das ist ein großer Unterschied. Das Werk, das auf der Documenta gezeigt wurde, war 20 Jahre alt. Es ist also nach dem Holocaust entstanden, hat eine eins zu eins Übernahme von Motiven aus der antisemitischen Propaganda der Nazis beinhaltet und hat mit diesen Motiven im Prinzip auch gespielt.

Ein Mahnmal vor der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg (Sachsen-Anhalt) erinnert seit dem 9. November 1988 an den Beginn des Judenprogroms im Dritten Reich.
Unterhalb des Reliefs wurde 1988 ein Bodenplatte als Mahnmal der Judenverfolgung eingelassen. Bildrechte: IMAGO

Auf der anderen Seite ist es aber so, dass das mittelalterliche Objekt an der Stadtkirche ursprünglich eine Aussage hatte, die sich eigentlich maximal mittelbar an Juden gewendet hat, primär aber an die christliche Gemeinde adressiert war. Die sollte davon abgehalten werden, mit "fremden" Glaubensrichtungen in Kontakt zu treten und die einzige, die zu diesem Zeitpunkt 1290 ungefähr infrage kam, wäre der jüdische Glauben gewesen. Das Objekt hatte ursprünglich also eine völlig andere Aussage. Diese wurde verändert mit der Umsetzung, und indem diese Inschrift hinzugefügt wurde, die sich auf eine Schrift Luthers von 1543 bezieht, wo er – in für unsere Verhältnisse völlig inakzeptabler Art und Weise – gegen die Juden hetzt und auch auf die Skulptur Bezug nimmt an der Stadtkirche, um wahrscheinlich eine gewisse Tradition zu konstruieren. Das ist etwas Anderes, als was im 20. Jahrhundert stattfindet.

Sie sind auch Mitglied im Deutschen Nationalkomitee von Icomos, der Organisation, die die UNESCO bei der Vergabe des Welterbetitels berät. Sie befürchten, dass Wittenberg seinen Welterbe-Status verlieren könnte, wenn man die Plastik abnehmen würde. Warum?

Weil die Luthergedenkstätten bzw. Reformationsgedenkstätten ausdrücklich als Objekte der Rezeptionsgeschichte in die Welterbeliste eingetragen worden sind – sonst hätte man auch die Schlosskirche nicht mit aufnehmen können, weil die im Wesentlichen mit ihrer ganzen Ausstattung und Gestaltung ins 19. Jahrhundert datiert. Und die Stadtkirche ist eben als Lutherort aufgenommen, nicht, weil er dort gepredigt hat, sondern weil man mit diesem Umstand, dass er dort gepredigt hat, eben von Anfang an besonders umgegangen ist und diese Kirche als originären Ausgangsort der lutherischen Reformation bezeichnen und hervorheben wollte. Diese Zusammenhänge werden tangiert, wenn ich diese Inschriften versuche, zu verdecken.

Das Interview für MDR KULTUR führte Moderatorin Lydia Jacobi / Redaktionelle Bearbeitung: Cornelia Winkler

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Juli 2022 | 13:10 Uhr