Theaterstück - Wo ist das Theater - am Theaterhaus Jena
Der Großteil der Vorstellung kommt wie eine Leseprobe daher. Bildrechte: Joachim Dette

Rezension "Wo ist das Theater?" – ideenlose Inszenierung ohne Tiefgang

Das Theaterhaus Jena hat sich mit seinem Spielzeitauftakt lange Zeit gelassen und ist erst jetzt mit dem Stück "Wo ist das Theater?" in die neue Spielzeit gestartet. Darin wollte das Theaterhaus das Wesen des Hauses beleuchten. MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky hat die Premiere gesehen und beklagt das ideenlose und peinliche Ergebnis einer Theaterrecherche.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky

Theaterstück - Wo ist das Theater - am Theaterhaus Jena
Der Großteil der Vorstellung kommt wie eine Leseprobe daher. Bildrechte: Joachim Dette

"Wo ist das Theater?" – Das Theaterhaus Jena ist ganz simpel im Schillergäßchen 1. Auch das spielt im Stück eine Rolle, aber natürlich war mehr als diese erste Ebene gemeint. Im Programmheft – oder sagen wir besser – Programmzettel und auf der Homepage des Theaters war zu lesen, dass sich hinter dem "Wo" immer auch eine Geschichte des Theaters befindet: "Die Autorin Anne Jelena Schulte ist für das Stück auf die Suche nach Gesprächen gegangen, auf der Straße wie im Theater selbst. Daraus entstanden ist ein vielstimmiger Text, der auch die Gründungsmomente der heutigen Institution untersucht, Fragen über das Wesen eines Theaters aufwirft und (Nach-) Wendegeschichte im Mikrokosmos Jena beschreibt."

Das klang spannend, in Thüringen existiert eine traditionsreiche Theaterlandschaft, Jena als Universitätsstadt ist geradezu eine Insel gegen den Abwanderungstrend im Osten. Das Theaterhaus passt hier mit seiner offenen Form, Kunst zu machen, gut rein. Auf der anderen Seite fordern Teile der Gesellschaft immer wieder eine Rückbesinnung auf die Klassiker, auf die Rolle des Theaters als ein Instrument, um kulturelle Identität zu schaffen.

Große Erwartungen ans Team

Am Theaterhaus wechseln alle fünf Jahre die künstlerischen Teams; seit letztem Jahr ist das die Truppe "Wunderbaum" mit Wurzeln in Holland. In ihrer ersten Spielzeit hatten sie erstmal das neue Terrain erkundet: In dem Stück "Nackt" ging es um die FKK-Tradition der DDR, aber auch um den Freikörperkult der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts – eine Theaterrecherche, die mich als Theaterstück sehr beeindruckt hat. Diese Theaterform kann "Wunderbaum" offenbar sehr gut.

Theatergeschichte als Heimatkundereferat

Sehr pointiert wird im Stück "Wo ist das Theater?" nun die Geschichte des Theaters in Jena als Heimatkundereferat mit Overheadprojektor erzählt. Dominik Puhl – neu im Ensemble – spielt den Schüler, der mit knallgelber Weste und Schulranzen hier vor das Publikum tritt und wirklich ein Kabinettstückchen abliefert, eine tolle Parodie!

Theaterstück - Wo ist das Theater - am Theaterhaus Jena
Jenas Theatergeschichte als Heimatkundereferat – funktioniert! Bildrechte: Joachim Dette

Es bleibt in dieser Szene nicht nur bei der Geschichte des Theaterbaus, den auch Walter Gropius in den 20er-Jahren umgestaltet hatte, sondern es kommt auch das Verhältnis zum Deutschen Nationaltheater in Weimar ins Spiel. Die Essenz dabei: Jena sitzt immer wieder nur am Katzentisch. Vor dem Hintergrund, dass Schillers Gartenhaus in Jena gleich neben dem Theaterhaus in Jena liegt, stellt man fest: "Schiller hat in Jena geschrieben, aber wurde in Weimar gespielt."

Ideenlose Lecture-Performance

Theaterstück - Wo ist das Theater - am Theaterhaus Jena
Die Schauspieler am Tisch mit Mikros, dahinter Goethe und Schiller – das Theaterhaus Jena im Schatten Weimars? Bildrechte: Joachim Dette

Schon zu Beginn fällt das vielversprechende Bühnenbild auf – nämlich gar kein Bild –, nackte Bühne und frontal zehn Schauspieler hinter Schreibtischen aufgereiht. Sie betrachten das Publikum beim Reinkommen hinter ihren Mikrofonen hervor, sozusagen das Objekt ihrer Begierde in diesem Stück: "Wo ist das Theater?"

Nach dem Heimatkundereferat folgt eine Art Lecture-Performance. In Leseproben-Atmosphäre wird die Stück-Mechanik offengelegt: Die Autorin des Stücks Anne Jelena Schulte sitzt ganz links mit am Tisch, liest ihre Fragen vor, die sie bei ihrer Recherche den Theater-Mitarbeitern und Stadtbewohnern gestellt hatte. Und die Schauspieler schlüpften in die Rollen derjenigen, die geantwortet hatten; vom italienischen Eismann gegenüber bis zur alten Dame mit Rollator, dazu Menschen, die in Jena 1990 arbeitslos wurden – 40.000 waren das damals in Jena –, von denen ein paar wenige dann beim Theater neue Arbeit fanden.

Die restliche Zeit bleibt das Stück bei dieser Performance, die immer wieder den Charakter einer Arbeitsprobe betont. Auf der Hinterbühne entrollt sich dazu ein großer Prospekt, der das Goethe-Schiller-Denkmal vor dem Theater in Weimar zeigt. Vorn am Tisch der Improvisationsversuch, "richtiges Theater" aus der "Ruine des Theaterhauses" in Jena zu machen (Der Bau wurde in der 80er-Jahren tatsächlich aufgegeben). Doch das Goethe-Schiller-Denkmal hängt eine gute Stunde lang bis zum Stückende nur herum – wird damit also behauptet, aber nie wirklich bespielt.

Hier kippt die Inszenierung ins ideenlose, peinliche.

MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky

Es bleibt beim Nachspielen von Mitarbeitern und Stadtbewohnern. Dabei greifen die Schauspieler allzu oft in die Motten- und Klischeekiste, machen sich damit letztendlich über ihre Figuren auch lustig; nehmen das, was sie erzählen wollen, überhaupt nicht ernst und kommen letztendlich auch kaum auf die zweite Ebene, die das "Wesen eines Theaters" befragt oder auch "Nach-Wendegeschichte im Mikrokosmos Jena beschreibt."

Ausnahmsweise eine zweite Ebene

Auf diese Ebene schafft es das Stück nur in wenigen Ausnahmen. Zum Beispiel kommen nach der Wende ausgebildete Schauspielstudenten nach Jena, die das Theaterhaus hier aufbauen. Da fällt ein Satz, sinngemäß: Die Jungen sahen das Neue und haben es sich einfach genommen.

Und diesen Satz stellt die Schauspielerin Lizzy Timmers heraus, als würde ihr auffallen, dass es auch heute wieder junge Menschen gibt, die ein Anliegen haben. Es bleibt die Frage: Werden die sich das auch nehmen? Hier blitzt es mal auf, dieses Potential, das eine zweite Ebene haben kann.

An anderer Stelle im Stück wird der Hakenkreuz-Koffer thematisiert, den der NSU 1997 vor dem Theaterhaus abgestellt hatte. Es steht die Frage im Raum, ob das Theater das damals thematisiert hätte. Nein, das sei nicht aufgegriffen worden, man hätte das machen können, aber eben nicht 1:1, sondern auf einem künstlerischen Niveau. Und genau dieses künstlerische Niveau, das ist auch gestern in der Premiere "Wo ist das Theater?" leider abhanden gekommen.

Informationen zum Stück Nächste Vorstellung:
19.10.2019, 20 Uhr


Adresse:
Theaterhaus Jena
Schillergässchen 1
07745 Jena

MDR KULTUR-Intendantenbefragung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Oktober 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2019, 13:40 Uhr

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