Wolf Biermann zu Gast im ARD TV-Forum auf der  Leipziger Buchmesse 2009 vom 12. bis 15.03.2009 in der Messe Leipzig. Foto: MDR/Marco Prosch
Wolf Biermann Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Hörbuch: "Barbara" Geschichten von Wolf Biermann über Vopos, Ausbürgerung und Affären

Provokationen und Auseinandersetzungen scheute Wolf Biermann nie, ob er nun Stefan Heym einen "Feigling" nannte oder Gregor Gysi als "Verbrecher" bezeichnete. Der Bühnenstar, der gern mit aufreizender Unbescheidenheit auftritt und dem böse Zungen Selbstbeweihräucherung vorwerfen, hat gerade einen neuen Prosaband mit dem Titel "Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten" vorgelegt. Die parallel dazu erschienene Hörbuchversion hat unseren Literaturkritiker Ulf Heise begeistert.

Wolf Biermann zu Gast im ARD TV-Forum auf der  Leipziger Buchmesse 2009 vom 12. bis 15.03.2009 in der Messe Leipzig. Foto: MDR/Marco Prosch
Wolf Biermann Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Wolf Biermann hat gerade einen neuen Prosaband mit dem Titel "Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten" vorgelegt, der auch als Hörbuchversion erschienen ist. Den Sound dieser frischen Biermann-Texte genießen zu dürfen, ist herrlich. Sie wirken wie gewohnt pfiffig, bissig, ja frech und das gleich von der ersten Zeile an. Der Autor schöpft aus dem Vollen und pfeffert autobiografische Episoden hin, die einem durch ihre Direktheit und Unverblümtheit imponieren.

Hörbuch, Wolf Biermann
Das Cover des Hörbuches Bildrechte: Hörbuch Hamburg

So zum Beispiel in einer Schilderung seiner heiklen Affären, die er als junger Mann einfädelte: "In der Charité, zwischen Luisenstraße und Mauer entfloh ich den Vorhaltungen meiner einzigen Brigitte. Ich hatte sie mal wieder betrogen mit gleich zwei jungen Frauen, die es mir zudem komisch bequem machten, denn beide hießen Ingrid. Und ich genoss dabei den Kitzel einer politischen Eroberungsromantik, der Rebell raubte seinen Widersachern und seinen mächtigen Obergenossen die Weiber. Es waren zwei bildhübsche Töchter der Nomenklatura." Die im Zitat erwähnte Brigitte ist keine geringere als die renommierte Tänzerin, Pantomimin und Regisseurin Brigitte Soubeyrand, mit der Wolf Biermann während der 1960er-Jahre zusammenlebte.

Wahlbeziehungen

Soubeyrands Sprössling wiederum, der heute als Intendant die Neue Bühne in Senftenberg leitet, leiht Biermann in dem Hörbuch seine Stimme. Manuel Soubeyrand war nicht der leibliche Sohn Wolf Biermanns, aber der Liedermacher behandelte ihn stets so und blieb ihm nahe. Davon zeugt berührend eine Story mit dem Titel "Raubtiere in der Manage". Darin begegnet sich Manuel Soubeyrand wie im Spiegel – eine besondere Situation.

Manuel Soubeyrand
Wolf Biermanns Ziehsohn Manuel Soubeyrand liest das Hörbuch Bildrechte: IMAGO/Horst Rudel

Der studierte Schauspieler Manuel Soubeyrand, der mehr als ein Jahrzehnt lang erfolgreich am Berliner Ensemble auftrat, meistert seine Sprecherrolle bravourös, etwa wenn er gefühlvoll eine Liebeserklärung Biermanns von spezieller Art formuliert: "Die Gitarre ist nun mal eine Frau, das sieht jeder auf dem ersten Blick. Aber es gibt auch einen zweiten Blick. Mag sein, nur in meinen Männeraugen ist die Gitarre weiblich, eine Dame, ein Weib, eine Hure, eine Göttin, eine Hexe. Die Zargen schön kurvig gebogen, die schlanke Taille über der üppigen Hüfte. Jeder ungewaschene Anfänger kann mit dreieinhalb schmutzigen Griffen auf ihr rumfummeln. Aber die Virtuosen schuften sich an ihr ab, denn die Gitarre ist noch widerspenstiger und launischer als jedes Tasteninstrument."

Die dunklen Seiten

Das Hörbuch bietet nicht nur intime Momentaufnahmen, sondern auch bitterböse Erinnerungen an den Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat.

Wolf Biermann bei einem Konzert am 25. November 1976 in München
Wolf Biermann bei einem Konzert am 25. November 1976 in München Bildrechte: IMAGO

Einen der besten Beweise dafür liefert der Bericht "Zwei Selbsthelfer", in dem Wolf Biermann dokumentiert, was seinem Freund Manfred Krug bei einer Polizeikontrolle in Ostberlin widerfuhr, als er den Forderungen der Beamten nicht sofort Folge leistete: "Der Vopo forderte aggressiver  'Steigen Sie sofort aus!' Aber Manne tat nicht, wie er sollte. Er lehnte sich mit der Schulter an die Tür und blieb sitzen. Das riss der Polizist die Wagentür auf und der Bürger Krug ließ sich, in der Manier eines Stuntman, auf die Straße runterkugeln, direkt vor die Füße des Ordnungshüters. Diesen Jux wollte er sich machen. So, wie normalerweise die angesoffenen Autofahrer Nüchternheit vortäuschen, spielte der stocknüchterne Mime nun den Besoffenen."

Jenseits solch anekdotischer Episoden drehen sich Biermanns Erzählungen immer wieder auch um die Konsequenzen seiner Verstoßung aus der DDR. Bei diesem Thema tendiert der große Provokateur zu Regungen von Melancholie.

In den ersten Jahren nach der Ausbürgerung 1976 fühlte ich mich wie der heimatlose Sänger im Gedicht von Friedrich Hölderlin, wie der einsame Poet im Turmzimmer über dem Neckar. Von Fremden zu Fremden war auch ich geraten. Von Ost nach West, von meinen echten Feinden in der DDR-Diktatur zu allerhand falschen Freunden in der Bundesrepublik Deutschland.

Wolf Biermann in "Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten"

Achtzehn bisher unveröffentlichte Geschichten Wolf Biermanns trägt Manuel Soubeyrand hier in sattem Timbre vor. Jede einzelne davon gräbt sich tief ein.

Angaben zum Hörbuch "Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten"
Hörbuch nach dem gleichnamigen Erzählband von Wolf Biermann
ISBN 978-3-95713-164-5
Sechs CDs, 438 Minuten Laufzeit, 20 Euro
Hörbuch Hamburg

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. März 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. April 2019, 18:22 Uhr

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