Der Schriftsteller Wolf Haas.
Der Schriftsteller Wolf Haas lebt in Wien. Bildrechte: Josef Perndl

Buchtipp Roman "Junger Mann" von Wolf Haas: Pubertät, Übergewicht und die erste Liebe

Wolf Haas, Erfinder des Kriminalkommissars Simon Brenner, legt nach "Das Wetter vor 15 Jahren" und "Verteidigung der Missionarsstellung" einen neuen Nicht-Krimi vor. Es geht um Pubertät, Übergewicht und die erste Liebe.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR

Der Schriftsteller Wolf Haas.
Der Schriftsteller Wolf Haas lebt in Wien. Bildrechte: Josef Perndl

Immer Brenner geht nicht. Ab und zu muss der beiseitetreten, und ab und zu muss der, der ihn erfunden hat, eine Erholungspause einlegen und sich anderen Dingen zuwenden. Simon Brenner ja, den kennen wir seit 1996, als der Österreicher Wolf Haas anfing, die Krimiszene aufzumischen und sich sprachlich unkonventionelle, bald preisgekrönte Romane auszudenken, in denen es um sonderbare Vergehen ging, die in Sessellifts oder Hendlbratereien ihren Anfang nahmen. Zweimal schon gewährte Haas seinem Ermittler Simon Brenner (und sich selbst) eine Auszeit und veröffentlichte ebenfalls preisgekrönte Nicht-Brenner- und Nicht-Kriminal-Romane: "Das Wetter vor 15 Jahren" und "Verteidigung der Missionarsstellung". Und jetzt der nächste Streich: "Junger Mann".

Pubertät: beschrieben mit lässiger Empathie und Komik

Wir schreiben das Jahr 1973, wir befinden uns im Pinzgau, nicht weit von Salzburg, und wir hören einem dreizehnjährigen Internatsschüler zu, der genauso alt wie sein Verfasser ist und dessen alkoholabhängiger Vater im "Irrenhaus" einsitzt und den Nachnamen "Haas" trägt. Der pubertierende Ich-Erzähler jobbt sommers in einer Tankstelle - an einem ohnehin melancholieträchtigen Ort (den wir zum Beispiel aus Dennis Hoppers Bildern oder Robert Seethalers Roman "Die weiteren Aussichten" kennen). Er leidet unter manchem, vor allem aber unter seinem starken Übergewicht, das ihn zum "dicken Wuzel" mit Beatlesfrisur macht und Autofahrer dazu veranlasst, ihn in seinem Tankwartoverall für ein "Fräulein" zu halten.

Wolf Haas schildert die psychischen Leiden des mit sich selbst im Unreinen befindlichen Jungen mit lässiger Empathie und spart nicht mit Komik, wenn er den freudigen Esser zum radikalen Kaloriensparer macht und ihn an mageren Rindfleischsticks knabbern lässt. Obwohl seine Mutter diesen Aufwand nicht einsieht, bleibt der Junge streng mit sich - zumal er sich zum ersten Mal verliebt. Objekt seines jäh an einer Tanksäule erwachenden Begehrens ist die bildschöne R5-Fahrerin Elsa, die leider mit Tscho verheiratet ist, einem sich cool gebenden Mittzwanziger, der als LKW-Fahrer halbseidenen Geschäften nachgeht.

Überraschender Roadtrip mit interessanten Wendungen

Wolf Haas: Junger Mann
Wolf Haas: Junger Mann Bildrechte: Hoffmann und Campe Verlag

So aussichtslos die Absichten des Jungen scheinen, so hartnäckig heftet er sich an Elsas Fersen, die in einem Nobelviertel lebt, wo der Schokoriegelmagnat Forrest Mars seinen Dritt- oder Viertwohnsitz hat. Elsa bewundert seine Intelligenz - eine Eigenschaft, die ihrem Gatten eher fremd ist - und heuert ihn als Englischlehrer an, wissend, dass Tschos Eifersucht jederzeit ausbrechen kann. Doch schließlich kommt alles anders als gedacht: Tscho nimmt den sprachgewandten Konkurrenten mit auf eine LKW-Fahrt, die quer durch den Balkan bis nach Griechenland führt und die überall Kalorienbomben namens Ražnjići und Gyros bereithält. Was die beiden dort zu erledigen haben, bleibt im Dunkeln - bis sich herausstellt, dass auf Tscho am Mittelmeer seine komplizierte Vergangenheit wartet und seine Zukunft weniger rosig ist, als er sie gegenüber anderen ausmalt.

Fazit: erinnert etwas an "Tschick" und steckt voller Sprachperlen

Wolf Haas hat einen wunderbar leichten Pubertätsroman geschrieben, der gegen Ende zu einem Roadmovie mit überraschendem Ausgang wird (und unweigerlich ein klein wenig an Wolfgang Herrndorfs "Tschick" denken lässt). Das ist unsentimental erzählt, lässt kaum Platz für Nostalgisches und zeigt nicht zuletzt, wie schnell jugendliche Leichtigkeit, sofern es sie überhaupt gibt, verfliegt. Dass "Junger Mann" ein solch geglückter Balanceakt zwischen Scherz und tieferer Bedeutung ist, hat - wie immer bei Wolf Haas - mit seinem verknappten, dialogreichen Stil zu tun, der Umgangssprache zu Kunstsprache und Reflexionen über Thunfische und Sardinen zu literarischen Perlen macht. Ach ja: Und in zwei, drei Jahren ein neuer Brenner, Wolf Haas, das wäre auch nicht schlecht.

Angaben zum Buch: Wolf Haas: Junger Mann. Roman
Hoffmann und Campe, 2018
240 Seiten, 22 Euro, gebunden
ISBN 978-3-455-00388-8

Lesereise von Wolf Hass: Di. 06.11.2018 Berlin Berliner Ensemble | Mi. 07.11.2018 Hamburg Schauspielhaus | Mo. 12.11.2018 Wien Burgtheater | Sa. 17.11.2018 Graz Schauspielhaus | Mo. 19.11.2018 Linz Posthof | Di. 20.11.2018 Salzburg Republic | Mi. 21.11.2018 Innsbruck Treibhaus | Sa. 08.12.2018 Karlsruhe Tollhaus | So. 09.12.2018 Stuttgart Wagenhallen | Mo. 10.12.2018 Freiburg E-Werk | Mi. 26.12.2018 Zürich Kaufleuten | Do. 27.12.2018 Zürich Kaufleuten | Fr. 28.12.2018 München Volkstheater | Sa. 29.12.218 München Volkstheater | Di. 05.02.2019 Frankfurt Schauspiel | Mi. 06.02.2019 Wolfenbüttel Lessingtheater | Do 07.02.2019 Düsseldorf Zakk | Fr. 08.02.2019 Köln Gloria | Sa. 09.02.2019 Bielefeld Theater | Di. 19.02.2019 Regensburg Theater | Mi. 20.02.2019 Nürnberg Tafelhalle | Do. 21.02.2019 Bayreuth Zentrum

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. September 2018 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2018, 04:00 Uhr

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