Wolfgang Herrndorf
Auch Texte des jungen Wolfgang Herrndorf finden sich in "Stimmen" Bildrechte: imago/Sven Simon

Gelesen von Clemens Schick Kinderkacke und Bordellbesuch: Wolfgang Herrndorfs "Stimmen"

Mit "Tschick" gelang Wolfgang Herrndorf der große Durchbruch, für "Sand" bekam er den Preis der Leipziger Buchmesse. Vor fünf Jahren starb der schwer kranke Autor, jetzt sind unveröffentlichte Arbeiten erschienen - als Hörbuch, gelesen von Schauspieler Clemens Schick (u.a. "Overdrive", "Casino Royale").

von Ulf Heise, MDR Kultur-Literaturkritiker

Wolfgang Herrndorf
Auch Texte des jungen Wolfgang Herrndorf finden sich in "Stimmen" Bildrechte: imago/Sven Simon

Als Romancier war Wolfgang Herrndorf zu Lebzeiten in aller Munde, doch über welch vielseitige literarische Talente er darüber hinaus verfügte, zeigte sich erst nach seinem Tod. Obwohl der Autor vor seinem Selbstmord in einer Art Vernichtungswut Unmassen von Papieren, angefangen bei Tagebüchern bis hin zu Korrespondenzen vernichtete, blieben auf seinem Rechner etliche Dateien erhalten, die Erstaunliches bargen. Etwa eine Reihe von Gedichten, die ihn als durchaus beachtlichen Lyriker outen, so in den ausgewählten Versen, die der Schauspieler Clemens Schick mit einem hohen Maß an Sensibilität vorträgt:    

Auszug aus "Stimmen" Die stille Nacht umschweigt mich heimlichgern,
Nichts, was die Stimme, nichts, was mich erschüttert.
Nur ein Geräusch, ganz leise und ganz fern –
Es ist der Mond, der in den Bäumen klettert.

Der scheint ganz bleich, wie Liebende ihn lieben.
Durchs Astwerk als ein graues Stück Papier.
Und weit entfernt hat jemand draufgeschrieben:
Siehst du den Mond? Ich auch. Er grüßt von mir.

Keine halb fertigen Geschichten oder Fragmente

Wolfgang Herrndorf: Stimmen
Bildrechte: Rowohlt Verlag

In seinem Testament verfügte Wolfgang Herrndorf kein grundsätzliches Veröffentlichungsverbot bezüglich seines Nachlasses. Wohl aber verbot er den Abdruck von halb fertigen Geschichten, Materialsammlungen oder offenkundigen Fragmenten. Herrndorfs Witwe Carola Wimmer und sein Freund Cornelius Reiber, die als Erben fungierten, mussten also eine Gratwanderung meistern, aber der heikle Akt glückte ihnen. Die meisten der Texte, die sie zur Publikation frei gaben, stammen aus einem Internetforum namens "Wir höflichen Paparazzi", an dem Herrndorf seit 2001 mitarbeitete. Sie sind oft autobiografischer Natur und speisen sich wie die folgenden Zeilen zum Teil aus Kindheitserinnerungen:

Auszug aus "Stimmen" Ich war oft allein, litt aber keine Langeweile. Nur meine Mutter muss um meine Entwicklung besorgt gewesen sein; sie unternahm allerlei Versuche, mir Spielkameraden zu besorgen. Ich hatte sie nicht darum gebeten, und es war grauenvoll. Schon als ich noch ganz klein war, sagte sie auf dem Spielplatz oder am Strand oder sonst wo, kaum dass wir angekommen waren, immer in dringlichem Tonfall. "Guck mal, da sind ganz viele Kinder. Vielleicht kannst du da mitspielen." Das hatte ich meistens ohnehin vorgehabt, aber nach dieser Aufforderung wurde mir der sensible Prozess des Kennenlernens erschwert durch den Gedanken: „Hallo, ich soll hier mitspielen, weil es meine Mutter glücklich macht.“

Clemes Schick in Bestform bei Bordellbesuch

Auch die Prosa Wolfgang Herrndorfs vermag Clemens Schick, der schon in einem James Bond-Film mitwirkte, stimmlich imposant auszuloten. Zur Bestform läuft der auf dem Hörbuchmarkt bisher kaum präsente Mime in einer Passage auf, die davon handelt, was Herrndorf zustieß, als er während der Frankfurter Buchmesse das erste und einzige Mal ein Bordell besuchte:    

Auszug aus "Stimmen" Dann nahm eine der Prostituierten mir den Schal weg und verschwand damit neckisch in ihrem Raum mit den Plüschtieren. Als wir gehen wollten, versuchte ich, meinen Schal wiederzuholen. Kaum war ich in ihrem Zimmer, schloss die Frau die Tür hinter mir und drehte den Schlüssel um. Und ich dachte, na ja, vielleicht muss man das auch mal gemacht haben. Dann hab ich ihr hundert Mark gegeben, die sie sofort in eine Keksdose in ihrem Wandschrank steckte, und wir zogen uns aus. Es war eigentlich auch nicht peinlicher, als wenn man dem Hausarzt das Ekzem da in der Leistengegend zeigen muss.

Programmatische Kritik sei "Kinderkacke"

Interesse verdienen auch kunsttheoretische Äußerungen Wolfgang Herrndorfs, die auf den beiden CDs Platz fanden. Darunter entdeckt man einen Abschnitt über die Rolle des Rezensenten, der im Kern sehr ausgewogen anmutet:

Auszug aus "Stimmen" Man darf der Kritik nie vorwerfen, dass sie es selbst nicht besser könne. Ein Kritiker muss nicht schreiben können. Er muss eine Kritik schreiben können, weiter nichts. Es gibt nur eine Ausnahme: wenn Kritik programmatisch wird. Wenn Kritik sagt, in welche Richtung zu marschieren sei. Wenn jemand über Franzen urteilt, er sage nichts Neues über die amerikanische Gesellschaft, wenn jemand sagt, historische Romane gingen nicht mehr, wenn das Engagement vermisst wird (die Transzendenz, die neue Sprache, der relevante Realismus), mit anderen Worten, wenn jemand weiß, wo es langgeht, dann soll er selbst dort langgehen. Einen Wegweiser in die Erde rammen und meinen, man habe den nächsten Kreuzzug angestoßen, ist Kinderkacke.

Summa summarum bekommt man es bei diesen akustisch fabelhaft interpretierten Manuskripten mit dem letzten Nachhall von Herrndorfs Werk zu tun. Sie ziehen den endgültigen Schlussstrich unter seine zutiefst tragische Existenz.   

Über Wolfgang Herrndorf Wolfgang Herrndorf wollte ursprünglich sein Geld als Maler verdienen. Nach dem Studium der bildenden Künste in Nürnberg betätigte er sich als Illustrator für den Haffmans Verlag und die Zeitschrift "Titanic". Doch dann entdeckte er seine Ader für das Schreiben. 2002 debütierte er mit dem Roman "In Plüschgewittern" und erhielt eine Einladung zum Ingeborg Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt. Trotzdem ignorierten ihn die Rezensenten und ordneten ihn dem Schubfach Popliteratur zu. Erst 2010 schaffte er mit "Tschick" den Durchbruch. Damals war Herrndorf bereits schwer krank. Diagnose: unheilbarer Hirntumor. Im August 2013 nahm sich Herrndorf in Berlin das Leben. Fünf Jahre nach seinem Tod erschienen jetzt unveröffentlichte Arbeiten von ihm.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Vormittag | 26. November 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2018, 13:34 Uhr

Infos zum Hörbuch

Wolfgang Herrndorf "Stimmen"

Wolfgang Herrndorf "Stimmen"

Die Hörbuch-Edition mit Wolfgang Herrndorfs Nachlasstexten kam unter dem Titel "Stimmen" im Argon Verlag heraus. Sie umfasst zwei CDs mit einer Laufzeit von 151 Minuten und kostet 19,95 Euro. Es spricht Clemens Schick.

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