Woody Allen, 2011 in New York
Regisseur Woody Allen 2011 in New York Bildrechte: dpa

Interview Was Woody Allen Diane Keaton zu verdanken hat

"Manhattan", "Der Stadtneurotiker", "Hanna und ihre Schwestern", "Alle sagen I Love you", "Match Point", "Midnight in Paris" – die Liste von Woody Allens Filmen ist sehr lang. Ab Donnerstag kommt sein 54. Film "Wonder Wheel" ins Kino. Woody Allen ist eine Arbeitsmaschine und hat mit seinen leicht neurotisch angehauchten Filmen definitiv das Attribut Altmeister verdient. Mit uns blickt er auf seine Karriere.

Woody Allen, 2011 in New York
Regisseur Woody Allen 2011 in New York Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Mister Allen, in vielen ihrer Filme stehen Frauen im Mittelpunkt. Wie auch bei "Wonder Wheel". Woher kommt das?

Woody Allen: Schon bei den alten Griechen und ihren ersten Tragödien waren Frauen die Heldinnen der Geschichte. Medea oder Antigone zum Beispiel. Ich mag die alten griechischen Tragödien, ich mag Eugene O’Neill, Tennessee Williams und ihre wunderbaren, weiblichen Figuren. Sie sind sehr emotional, sehr kompliziert und voller Drama. Ab und zu habe ich auch mal das Verlangen, eine männliche Perspektive einzunehmen. Bei "Match Point" zum Beispiel. Aber meistens sehe ich meine Geschichten eben von der weiblichen Sichtweise her.

Aber das war nicht immer so?

Diane Keaton, George Hamilton und Al Pacino in einer Szene aus "Der Pate III"
Diane Keaton, George Hamilton und Al Pacino in einer Szene aus "Der Pate III" Bildrechte: IMAGO

Nein, denn früher habe eigentlich immer aus der männlichen Perspektive geschrieben. Dann habe ich Diane Keaton kennengelernt. Sie war so brillant, so sensibel und talentiert. Ich wollte nur noch für sie schreiben, denn sie war so viel tiefgründiger als ich. Es war wie ein Geistesblitz, denn da habe ich angefangen, für Frauen zu schreiben. Seitdem liegt mir viel daran, mit großartigen Schauspielerinnen zusammenzuarbeiten. Ohne Diane Keaton hätte ich diesen Sinneswandel nie gehabt.

Es gibt in "Wonder Wheel" vier Hauptfiguren. Kate Winslet spielt eine Kellnerin in einer unglücklichen Ehe mit James Belushi, seine Tochter aus erster Ehe taucht auf und beginnt – genauso wie ihre Stiefmutter – eine Affäre mit dem Rettungsschwimmer Mickey (Justin Timberlake). Mit wem können Sie sich am ehesten identifizieren?

Mit Mickey, aber auch nur halb. Denn ich könnte nie Rettungsschwimmer werden. Ich kann zwar schwimmen, aber niemanden retten. Dennoch identifiziere ich mich sehr mit seiner zum Scheitern verurteilten Sehnsucht, ein großer Schriftsteller zu sein. Er wäre gerne wie Eugene O’Neill, Sophokles oder Tschechow, wird dieses Ziel aber nie erreichen. Mit dieser naiven Sehnsucht kann ich mich sehr gut identifizieren. Denn auch ich wäre gerne wie Tschechow oder Strindberg gewesen. Hat aber nie geklappt.

Warum?

Weil die Genies sind. Im Gegensatz zu mir. Viele Leute sagen, ich schreibe genauso wie Tschechow. Aber meine Sachen sind eben trotzdem nicht gut. In einem Tschechow-Stück sitzen die Leute rum und reden. Nichts passiert. Warum zum Teufel sind seine Stücke gut? Meine Figuren sitzen auch rum, reden und nichts passiert. Und es ist schrecklich.

Wann haben Sie erkannt, dass Sie Talent haben?

Schon als kleines Kind habe ich die Leute zum Lachen gebracht. In der Schule oder im Kino. Ich war immer lustig. Keine Ahnung warum. Niemand in meiner Familie war lustig, keiner hatte eine theatrale Ader. Als wir uns in der Schule alle entscheiden mussten, was wir für einen Weg einschlagen wollen – einer meiner Freunde wollte Anwalt werden, der andere Arzt oder Lehrer oder Architekt – hatte ich keine Ambitionen in irgendeine Richtung. Aber ich war eben lustig. Hätte ich dieses Talent nicht gehabt, wäre ich heute vermutlich Kellner, Fahrstuhl-Boy oder Verkäufer. Ich hatte Glück, ich musste meine Berufung nicht finden, sie hat mich gefunden.

Das Leben hat es gut mit Ihnen gemeint?

Nein, definitiv nicht. Ich habe keinen Grund zur Annahme, dass das Leben schön ist. Dafür sehe ich keine Beweise. Ich sehe nur Beweise, dass es traurig, tragisch, furchtbar, dumm, absurd und bedeutungslos ist. Ich kann keine Freude am Leben erkennen.

War das schon immer so?

Woody Allen auf PK in Cannes, 2015
Woody Allen findet das Leben tragisch. Bildrechte: dpa

Mit ungefähr fünf habe ich das ganze Ausmaß erkannt. Das Leben ist tragisch. Punkt. Aus. Ende. Dabei wollte ich ja gar nicht viel, wollte nur ein einigermaßen guter Dramatiker werden. Ich wollte schreiben können wie Eugene O’Neill, aber mein Talent lag eben in der Komödie. Meine lustigen Sachen hatten immer Erfolg. Auf einmal wurde ich in diese komödiantische Ecke gedrängt, da wieder herauszukommen war schwierig. Kaum einer wollte mir Geld für meine ernsten Projekte geben. Ab und zu versuche ich es trotzdem. Von meinen rund 50 Filmen sind 40 Komödien. Aber selbst die sind düster und pessimistisch.

Haben Sie ein Problem mit dem Älterwerden?

Gucken Sie mich doch an. Das ist definitiv nichts Erstrebenswertes. Jeder sollte gegen das eigene Altern ankämpfen, auch wenn die Siegchancen quasi nicht vorhanden sind. Ich habe ein Hörgerät und sehe kaum noch was. Als junger Mann war ich sehr athletisch und habe viel Ball gespielt. Das geht alles nicht mehr. Aber ich vermisse das. Das Alter kommt nicht automatisch mit absoluter Weisheit daher. Es ist definitiv nicht so, als würde ich auf einmal die Welt verstehen. Im Gegenteil. Alles schmerzt. Ich mag es nicht. Aber ich kann auch nichts dagegen tun.

Schauen Sie sich ab und zu ihre alten Filme an und schwelgen in Erinnerung?

Nein. Selbst meinen ersten Film "Woody, der Unglücksrabe" von 1968 habe ich abgedreht, weggelegt und nie wiedergesehen. Das gilt für jeden meiner Filme. Ich habe um die fünfzig Filme gemacht und mir nie wieder einen angesehen. Wenn ich auf meinem Hometrainer sitze, der Fernseher läuft, ich zappe und zufällig bei einem meiner Filme lande, schalte ich sofort weg. Ich würde nur auf falsche Gedanken kommen. Oh nein, wenn ich diese eine Szene doch nur noch mal machen könnte, warum habe ich das so gedreht? Es ist besser, der Vergangenheit nicht nachzutrauern.

Woody Allen und Mia Farrow bei Filmaufnahmen zu 'Husband and Wives' auf der Couch.
Woody Allen und seine Ex-Frau Mia Farrow bei Filmaufnahmen zu 'Husband and Wives' auf der Couch. Bildrechte: dpa

Wenn Sie mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, blicken Sie noch in die Zukunft?

Nein, auch der Zug ist abgefahren. Ich werde kein zweiter Tschechow mehr, kein zweiter Sophokles. Ich bin schon froh darum, wenn ich den Rest meines Lebens gesund bleibe, kein Alzheimer bekomme und meinen Verstand nicht verliere. Das ist eben das, worum es einem geht, wenn man älter wird. Wenn man mit 82 seine Träume noch nicht verwirklicht hat, wird das auch nichts mehr. Dann sollte man seinen Frieden mit der Welt machen.

Das Interview führte Anna Wollner für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 10. Januar 2018 | 06:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2018, 00:00 Uhr

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