Eine junge Frau entspannt zu Hause auf dem Sofa und bedient ein Notebook.
Wenn Arbeit und Freizeit verschwimmen, kann das auch zu Überforderung führen. Bildrechte: dpa

Interview Work-Life-Balance: Warum Freizeit wichtiger wird als Geld verdienen

Flexible Arbeitszeiten, Home Office und genug Freizeit für Familie und Freunde – das wünschen sich immer mehr Arbeitnehmer. Ein gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben. Dafür wären viele auch bereit, weniger zu verdienen. Warum der Wunsch so groß ist und welche Schattenseiten er hat, erklärt Arbeitspsychologe Hannes Zacher von der Universität Leipzig im Interview.

Eine junge Frau entspannt zu Hause auf dem Sofa und bedient ein Notebook.
Wenn Arbeit und Freizeit verschwimmen, kann das auch zu Überforderung führen. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Viele Arbeitnehmer scheinen sich mehr Flexibilität zu wünschen und sind bereit, dafür weniger Geld zu verdienen. Was ist laut ihren Forschungen den Arbeitnehmern heute wichtig?

Hannes Zacher: Es ist tatsächlich so, dass in Zeiten des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels Arbeitnehmer sich danach sehnen, mehr Freizeit bzw. mehr Zeit für private Verpflichtungen wie zum Beispiel Kindererziehung oder die Pflege älterer Angehöriger zu haben. Zeit zu haben für diejenigen, die ihnen wichtig sind, wird wichtiger als monetäre Vergütung.

Reden wir da über eine Avantgarde von Arbeitnehmern oder ist das ein gesellschaftliches Phänomen?

In großen Bevölkerungsstudien zeigt sich, dass Personen sich mehr Urlaub statt Geld wünschen. Aber nur bei einem kleinen Teil von Personen ist das wirklich der Fall. Viele Unternehmen sind einfach noch nicht so weit, dass sie flexibel auf die Wünsche ihrer Belegschaft eingehen können.

Wie klein ist der Anteil? Und in welchen Bereichen finden wir den?

Ich würde den auf 20 bis 30 Prozent schätzen. Weniger im produzierenden Arbeiten, sondern eher bei den sogenannten Wissensarbeiten, also Personen, die auch von zu Hause arbeiten können.

Da geht es oft darum, die Geburt eines Kindes oder die Pflege von Angehörigen mit dem Fortkommen im beruflichen zu vereinbaren. Ist das der Hauptgrund?

Hannes Zacher
Arbeitspsychologe Hannes Zacher Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Wir beobachten viele demografischen Veränderungen. Zum einen wird die Gesellschaft älter, zum anderen steigen immer mehr Frauen ins Erwerbsleben ein. Gleichzeitig hat sich Arbeit in den letzten Jahrzehnten immer mehr verdichtet, und Stress und stressbedingte Krankheiten haben zugenommen. Daraus resultiert der Wunsch danach, die Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu stärken und mehr Zeit für die eigenen Interessen haben, aber auch für Familie oder Freunde.

Also sind diese neuen Wünsche auch das Ergebnis einer Überforderung?

Absolut. Deutsche Arbeitnehmer arbeiten nicht weniger als vor 30 Jahren, sondern tendenziell eher mehr. Flexible Arbeitszeiten können auch bedeuten, dass Personen sich selbst ausbeuten und länger arbeiten statt kürzer.

Hat das auch mit einem Wertewandel zu tun, dass man lieber mehr Freizeit als mehr Geld hat?

Der Wunsch danach, Arbeit und Privatleben zu vereinbaren, war schon immer da. Verändert haben sich die Rahmenbedingungen, zum Beispiel durch mehr Frauen im Erwerbsleben und dass die Gesellschaft altert. Das hat weniger damit zu tun, dass sich unsere grundlegenden Werte nach Autonomie und Selbstverwirklichung in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Warum ist es in vielen Fällen kein Problem mehr zu sagen: Ich will weniger Geld. Sind wir reich genug?

Deutschland ist ein sehr reiches Land, aber es liegt auch daran, dass es immer mehr Doppelverdiener gibt, bei denen es leicht ist, auf eine Gehaltserhöhung zu verzichten. Dabei handelt es sich wiederum um eine priviligierte Gruppe. Nicht alle sind in der Situation, wo sie darauf verzichten können.

Sehen Sie als Forscher auch Nachteile der flexiblen Arbeitszeiten?

Als Forscher sehe ich, dass die Vermischung von Beruflichem und Privatem ein zweischneidiges Schwert ist. Für die einen ist es gut, auch mal einen Tag im Home Office einzulegen, weil es ihnen die Flexibilität gibt, Arbeit und Familie besser zu vereinbaren. Andererseits kann das auch in einer Art Selbstausbeutung ausarten. Das sehe ich natürlich eher kritisch. Wenn Sie gar nicht mehr von der Arbeit abschalten können, sondern ihre E-Mails noch bis spät in die Nacht beantworten, ist das nicht gut. Wir brauchen auch Erholungsphasen, das heißt: eine zu schwache Grenze zwischen Arbeit und Freizeit ist auch nicht gut.

Das heißt, wir sind unter Umständen gar nicht auf dem Weg zur Lösung des Überforderungsproblems, sondern kreieren ein neues?

Ja, das würde ich so sehen. Auf der einen Seite müssen wir die Selbstkontrollfähigkeiten der Arbeitnehmer stärken, d.h. sie müssen sich von der Arbeit abgrenzen und sagen: Jetzt lege ich eine Erholungsphase ein. Auf der anderen Seite sind auch die Unternehmen in der Pflicht, dass beispielsweise nicht am Wochenende E-Mails verschickt und Urlaubszeiten gewürdigt werden.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial "Mehr Urlaub statt mehr Geld" | 23. Januar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2019, 04:00 Uhr

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