Ein Buch steht hochkant auf einem Tisch, im Hintergrund sitzen Schüler an einem Tisch.
Das Buch zur Debatte: "Warum es nicht egal ist wie wir schreiben" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Pro und Contra Wozu brauchen wir noch eine Rechtschreibung?

Landauf, landab wird geklagt, dass es immer mehr hapere mit dem korrekten Gebrauch der deutschen Rechtschreibung. Wie das kommt und wieso wir in Zeiten von Emojis überhaupt noch rechtschreiben sollten, hat MDR KULTUR Menschen gefragt, die sich darum bemühen. Bezeichnend, dass es ausgerechnet in der Duden-Redaktion zum Streitgespräch über die Frage kam, wer denn heute noch eine "Rechtschreibbibel" brauche.

von Simone Unger, MDR KULTUR-Autorin

Ein Buch steht hochkant auf einem Tisch, im Hintergrund sitzen Schüler an einem Tisch.
Das Buch zur Debatte: "Warum es nicht egal ist wie wir schreiben" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn es stimmt, dass der Teufel im Detail steckt, dann hat er in der deutschen Rechtschreibung wohl sein Zuhause. Überall Fallen und Fehler, egal wohin man schaut. Um eine gute Rechtschreibung bemühen sich scheinbar nur noch die Lehrer und die Besserwisser.

"Landauf, landab wird geklagt"

Blick über die Schulter einer Frau die in ein liniertes Heft schreibt.
Jeder nach seiner Facon? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ist es nur ein Gefühl oder stimmt es wirklich, dass die Deutschen immer weniger auf ihre Rechtschreibung achten? Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion, meint: "Es scheint in erster Linie so zu sein, dass die Rechtschreibleistungen der Grundschüler stark nachlassen, da gibt es viele Studien. Demnach schreiben und lesen sie heute deutlich schlechter als Gleichaltrige noch vor fünf Jahren." Kinder aus bildungsschwachen Familien zeigten die größten Schwächen. Und das Problem löse sich nicht von selbst. Aus den Grundschülern würden irgendwann auch Studierende, die nicht mehr korrekt schreiben oder Texte durch Zeichensetzung sinnvoll strukturieren können.

Die Schüler schreiben oft wie sie sprechen, der Satzbau ist fehlerhaft, die Wörter sind umgangssprachlich, wie 'nich'. Das liegt auch daran, dass die Schüler weniger lesen in der heutigen Zeit.

 Felicitas Hampel, Gymnasiallehrerin

"Schreiben ist Zivilisation!"

Auf die Frage, wie das alles kommt, heißt es: Es fehlten genügend gut ausgebildete Lehrer, andererseits müssten die Schüler heute viel mehr können als früher. Es reiche nicht mehr, Aufsätze zu schreiben. Heute müssten sie verschiedene Textgattungen, Medien und Fremdsprachen beherrschen.

Leiterin der DUDEN-Redaktion, Dr. Katrin Kunkel-Razum.
Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erschwerend hinzu tritt Kunzel-Razum zufolge ein "Akzeptanzproblem". Richtig schreiben zu können, das laufe der heutigen Erziehungsidee fast zuwider. Viele Kinder seien heute selbstbewusster und es nicht mehr gewohnt, sich an Regeln zu halten. Selbst in ihrem Verlag sei es über die Frage, wer eigentlich heutzutage noch einen Duden brauche, zum Streitgespräch gekommen. Nachlesen kann man Pro und Contra im Buch zur Debatte, das unter dem Titel "Warum es nicht egal ist wie wir schreiben" erschienen ist. Kathrin Kunkel-Razum argumentiert für eine korrekte Rechtschreibung, die aus ihrer Sicht kein Selbstzweck ist: 

Schreiben ist Zivilisation! Es macht das Leben leichter, sich in einer geregelten Orthografie zu bewegen. Auch bekunde ich meinem Gegenüber so Respekt.

Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion

Vom Text zum Bild

Natürlich lege sie, sagt Kunkel-Razum, an Whats-App-Nachrichten nicht den gleichen Maßstab wie an einen Aufsatz oder ein Bewerbungsschreiben an. Aber wenn die Rechtschreibfehler überhand nehmen, der Text mangels Zeichensetzung jede Struktur verliere, brauche man auch länger zu verstehen, was der Absender möchte. Auch kryptische Textnachrichten machen sie deshalb sauer, "weil es meine Zeit frisst", sie zu verstehen.

Übrigens waren es eben jene Effizienzgründe, die einmal dazu führten, dass nach der Deutschen Reichseinigung von 1871 eine einheitliche deutsche Orthografie eingeführt wurde. Ein schludriger Sprachgebrauch im Briefverkehr zwischen Firmen wurde als ökonomisches Hemmnis erkannt. Als äußerst praktisch und effizient gilt es heute, komplexe Gefühlslagen in Textnachrichten auf ein Emoji schrumpfen zu lassen. Könnte die Devise also nicht zukünftig sein: Wer die Rechtschreibung nicht beherrscht, schreibt einfach in Bildern?

Das ist ein spannendes Phänomen, dass die Sprache so bildhaft wird und wir zu alten Bildsprachenelementen zurückkehren. Das ist ein Gebiet, wo wir uns schwer tun.

Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion

Mut zum Experiment

Kommunikationswissenschaftler Prof. Stephan Porombka (UdK Berlin)
Kommunikationswissenschaftler Prof. Stephan Porombka (UdK Berlin) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Duden-Redaktion erreichen heutzutage Fragen wie die, ob das Emoji hinter oder vor dem Punkt stehen solle. Schwer vorstellbar, dass es bald einen Duden für Emoijs gibt. Doch was passiert mit unserem Denken, wenn sich die Strukturen unserer Sprache immer stärker auflösen? Droht dann das Kauderwelsch der Phantasiesprachen, gar die Anarchie der Zeichen? Stephan Porombka, Professor für Texttheorie an der Universität der Künste in Berlin, bleibt gelassen. Das Lamento, dass die Rechtschreibung in Gefahr sei, habe Tradition. Überall wo es Regeln gebe, bestehe die Gefahr, dass Leute kommen, die dagegen verstoßen:

Vielleicht gehört die Diskussion über die Veränderung der Sprache zu der Veränderung der Sprache dazu. Ich glaube, dass viel mit der Rechtschreibung experimentiert wird, weil wir viele neue Medien haben, das sind Labore für die Rechtschreibung.

Stephan Porombka, Professor für Texttheorie

Tatsächlich ist es gerade den neuen Medien zu verdanken, dass heute so viel geschrieben wird wie nie zuvor. Und deshalb vermutlich auch so viel falsch. So manches Komma, Doppel-S und Stumme H ist dem Schreibboom schon zum Opfer gefallen - sei's drum. Dennoch ist die Idee der Rechtschreibung noch längst nicht obsolet. Denn wer richtig schreibt, erhöht immer noch die Chance, richtig verstanden zu werden.

Stichwort: Grundschul-Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) Grundschüler können deutlich schlechter schreiben und zuhören oder auch rechnen als noch vor fünf Jahren. Das besagt ein Vergleichstests, den das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) für Deutsch und Mathe in der 4. Klasse im vergangenen Jahr vorlegte. Damit beschrieben die Forscher eine Trendumkehr, denn der Studie zufolge zeigt sich etwa bei der Rechtschreibung ein großer Kompetenzverlust: Die heutigen Schüler liegen 24 Leistungspunkte hinter den Ergebnissen ihrer Vorgänger, das entspricht ungefähr dem, was sich in vier Grundschulmonaten lernen lässt. Von einer "ungünstigen Entwicklung" sprechen die Forscher.

Bundesweit machten laut IQB 29.259 Viertklässler aus 1508 Grund- und Förderschulen bei dem Test mit. In Deutsch wurde geprüft, wie gut die Kinder lesen, zuhören und schreiben können. Um die Gründe für das Abschneiden analysieren zu können, wurden auch Informationen zum sozialen Hintergrund der Schüler einbezogen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 08. März 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 03:00 Uhr

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Kathrin Kunkel-Razum, Ulrike Holzwarth-Raether, Peter Gallmann und Burghart Klaußner Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben

Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben

Duden 2018. 64 Seiten, 8 Euro

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