Yuval Noah Harari
Bestsellerautor Yuval Noah Harari sieht in seinem Sachbuch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" die Menschheit bedroht. Bildrechte: IMAGO

Sachbuch: "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" Buchautor Harari sieht künstliche Intelligenz als Bedrohung für die Menschheit

Der Autor Yuval Noah Harari wurde bekannt durch Bestseller wie "Eine kurze Geschichte der Menschheit" und hat prominente Fans wie Barack Obama, Angela Merkel und Bill Gates. Nun legt er mit "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" wieder einmal den Finger in die Wunde: Die Menschheit könnte sich durch die technologischen Entwicklungen selbst in Frage stellen. Google und Amazon wüssten längst mehr über uns, als wir selbst. Sogar anerkannte Berufe wie Ärzte könnten in ihrer Bedeutung eingeschränkt werden. Bei den Lösungsansätzen hat Harari allerdings nicht so viele Vorschläge.

von Stefan Nölke, MDR KULTUR

Yuval Noah Harari
Bestsellerautor Yuval Noah Harari sieht in seinem Sachbuch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" die Menschheit bedroht. Bildrechte: IMAGO

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari gehört mittlerweile zum intellektuellen Jetset. Ein brillant formulierender Mahner, unaufdringlich, aber mit klaren Überzeugungen. Zu seinen Fans, so heißt es, zählen Angela Merkel, Barack Obama und Bill Gates. Bekannt wurde er vor einigen Jahren mit seiner "Kurzen Geschichte der Menschheit". Dabei ging es um die Frage, wie und warum wir Menschen uns vom Savannentier zum Beherrscher der Welt entwickelt haben. Ein großes Thema, dem 2015 ein noch größeres folgte in Gestalt des Buches "Homo Deus". Wieder ein Welterfolg, in dem Harari ein ziemlich düsteres Zukunftsszenario darbietet. Der Mensch ist dabei, so die These mit Hilfe der Bio- und Informationstechnologie eine neue Evolutionsstufe zu erklimmen.

Mit seinem neuen Buch ist Yuval Noah Harari endlich in der Gegenwart angelangt. "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" lautet der Titel. Auch darin geht es ihm um nichts weniger als das Schicksal der Menschheit. Noch vor 25 Jahren schien es ja, als hätte sich das westliche Erfolgsmodell durchgesetzt: Demokratie, Menschenrechte und freie Marktwirtschaft. Darauf folgte nun ein böses Erwachen.

Die Menschheit verliert den Glauben an die liberale Erzählung, […] genau in dem Augenblick, da die Verschmelzung von Informationstechnologie und Biotechnologie uns vor die größten Herausforderungen stellt, mit denen die Menschheit je konfrontiert war.

Yuval Noah Harari in seinem Buch

Menschheit wird durch Bedeutungslosigkeit bedroht

Die Zukunft hat also längst begonnen. Computer und Künstliche Intelligenz verändern radikal unsere Arbeitswelt. Hunderte Millionen würden künftig arbeitslos. Sogar Berufsgruppen wie Ärzte oder Bankangestellte seien dem Untergang geweiht. Und von daher ist die Menschheit weniger von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, wie noch für Karl Marx, als von einer allumfassenden Bedeutungslosigkeit bedroht.

Ein schwarzes Echo 1 Gerät neben einem weißen Echo Spot und einem weißen Echo Dot 2 und von Amazon steht auf einem Tisch in einem Wohnzimmer. Auf dem Bildschirm des Echo Spot ist eine Uhr mit Zeigern zu sehen.
Sprachassistenten wie Alexa sind schon in vielen Haushalten zu finden. Bildrechte: MDR/Dirk Seeger

Vollendet wird die Sinnkrise durch die Erkenntnis, dass sich der "Freie Wille" des Individuums als Chimäre erwiesen hat. Schon heute kennen Google, Amazon oder Spotify die Vorlieben und Wünsche der Individuen besser als sie selbst. Zur Horrorvision wird diese Entwicklung, wenn sich autoritäre Machthaber dieser ungeheuerlichen Manipulationsmöglichkeiten bedienen. Schon heute sind die Demokratie und das Miteinander der Völker in die Krise geraten. Harari schreibt: "Die Verschmelzung von Informationstechnologie und Biotechnologie bedroht die zentralen Werte der Moderne, nämlich Freiheit und Gleichheit. Jede Lösung der Lösung der technologischen Herausforderung verlangt globale Zusammenarbeit. Doch Nationalismus, Religion und Kultur spalten die Menschheit in feindliche Lager."

Von daher darf man Hararis neues Buch auch als Kampfansage gegen die Trumps, Putins und Netanjahus dieser Welt verstehen. Deren Narrative, dass eine bestimmte Nation, Religion oder Kultur höherwertig sei als eine andere, zerlegt der israelische Historiker anhand unzähliger Argumente aus dem Arsenal der Weltgeschichte. Dabei steht er ganz in der Tradition einer wissenschaftsorientierten, säkularen Aufklärung:

Wenn tausend Menschen einen Monat lang an eine erfundene Geschichte glauben, dann ist das Fake News. Wenn eine Milliarde Menschen daran tausend Jahre glauben, dann ist es Religion.

Yuval Noah Harari in seinem Buch

Kaum Lösungsvorschläge

Yaval Noah Harari,21 Lektionen für das 21. Jahrhundert
Harari sieht die Menschheit zunehmend in der Krise. Viele Lösungsvorschläge hat er aber auch nicht. Bildrechte: C.H.Beck

Hararis Texte leben von solchen brillant formulierten Sätzen aus der Adlerperspektive. Allerdings krankt das neue Buch daran, dass er zwar viele Rezepte zur Rettung der Menschheit diskutiert, aber bei den Lösungsmöglichkeiten ungenau und zurückhaltend bleibt. Hilft uns nun ein bedingungsloses Grundeinkommen weiter oder nicht? Reicht es aus, bei den Problemen Migration und Terrorismus weniger Hysterie anzumahnen? Und inwieweit taugt die fernöstliche Weisheit, das Leiden der Kreaturen in den Fokus zur rücken dazu, unsere Demokratie zu retten?

Der Grund, dass Harari an manchen Stellen seltsam flach bleibt, liegt womöglich daran, dass das Buch aus einer Reihe von Artikeln hervorgegangen ist. Dieses essayistische Konzept sorgt aber am Ende auch noch einmal für Spannung, wenn er über seine eigene Lebensphilosophie schreibt: "Nachdem ich so viele Geschichten, Religionen und Ideologien kritisiert habe, ist es nur fair, dass ich mich selbst in die Schusslinie begebe und erkläre, wie es jemandem, der so skeptisch ist, trotzdem gelingen kann, morgens freudig aufzuwachen."

Erkenne Dich selbst!

Tatsächlich outet sich Harari als Anhänger buddhistischer Versenkung. Zwei Stunden täglich übe er sich in der Vipassana-Meditation. Diese Erkundung des eigenen Geistes und Körpers ist aber nicht nur sein persönliches Rezept. Auch insgesamt empfiehlt er Meditation als Form der Resilienz: "In naher Zukunft könnten Algorithmen es den Menschen nahezu unmöglich machen, ihre wirkliche Realität zu erkennen. Es werden dann die Algorithmen sein, die für uns entscheiden, wer wir sind und was wir über uns selbst wissen sollten. Ein paar Dekaden haben wir noch die Wahl. Wenn wir uns anstrengen, können wir immer noch erforschen, wer wir wirklich sind."

"Erkenne Dich selbst" lautet also die Forderung. Einst stand sie am Beginn der abendländischen Philosophie, für Yuval Noah Harari ist sie nun zur Überlebensfrage geworden.

Angaben zum Buch Yaval Noah Harari: "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert"
459 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-406-72778-8
C.H. Beck

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 26. September 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2018, 04:00 Uhr

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