Interview "Wir haben die Zeit nur erfunden"

Wir können sie nicht festhalten, nicht langsamer machen, nicht einfrieren – die Rede ist von dem Phänomen Zeit. Unbarmherzig schreitet die Zeit voran, hinterlässt Falten, Erinnerungen und ist letztlich die Ursache, dass unser Leben endlich ist. Aber was ist Zeit eigentlich? Ein Gespräch mit dem Mathematiker Martin Grötschel.

Uhr / Zeit
Persönlich haben wir zwar das Gefühl, Zeit wahrzunehmen, in der Natur ist sie objektiv aber nicht zu finden, meint der Mathematiker Martin Grötschel. Bildrechte: Colourbox.de

MDR KULTUR: Was ist Zeit für Sie als Mathematiker? Es gibt ja die unterschiedlichen Disziplinen und jeder erzählt aus seiner Sicht, was Zeit ist und sagt etwas anderes. Für die Astrophysiker ist es die vierte Dimension des Raumes. Und was sagen Sie als Mathematiker?

Martin Grötschel: Für uns ist Zeit nichts anderes als zählen, um es mal so ganz einfach auszudrücken. In der Mathematik und Informatik beschäftigt man sich mit Zeit genau dann, wenn man über Algorithmen redet und dann deren Laufzeit berechnen oder abschätzen will. So können wir dann die Zeit ausrechnen, die ein Algorithmus auf einem Computer benötigt. Das ist also ein ganz einfaches, pragmatisches Konzept.

Das ist aber unromantisch Herr Grötschel, oder?

Das ist völlig unromantisch. So sind halt Informatiker und Mathematiker. Die machen die Dinge sachlich. Wir belegen das Wort Zeit mit Bedeutung, je nachdem, aus welchem Fachgebiet wir kommen. Aber es ist auch nicht so, dass die Physiker wissen, was Zeit ist, denn in jedem Fachgebiet der Physik hat man eine andere Vorstellung von Zeit. Zeit ist einfach nur eine Konstruktion des menschlichen Geistes.

Ich möchte das mit der Mathematik vergleichen; hier gibt es einen Disput darüber; ist die Mathematik erfunden oder entdeckt? Ich muss zugeben, dass mir das lange Zeit auch nicht klar war und ich manchmal morgens dachte, ich entdecke Mathematik und nachmittags, ich erfinde das. Aber inzwischen habe ich mich damit näher beschäftigt und bin der festen Überzeugung, dass Mathematik erfunden ist. Und auch die Zahlen sind erfunden. Dann muss auch Laufzeit eine Erfindung des menschlichen Geistes sein.

Lassen Sie mich die Analogie zur Mathematik nochmal bringen, erfunden oder entdeckt, das heißt übersetzt: Wir erfinden die Zeit?

So ist das. Wir haben ein Gefühl dafür, dass etwas passiert, also Ablauf von Zeit. Es gibt vorher und nachher, und wir haben so ein Gefühl von Dauer und ähnliche Dinge. Aber wir können Zeit nicht riechen, nicht fühlen. Wir wissen gar nicht, was Zeit ist. Können Sie mir in der Natur zeigen, wo die Zeit existiert? Nein.

Die Physiker oder die Menschen in früherer Zeit hatten einfach eine gute Idee und haben Uhren erfunden. Uhren sind nichts anderes als Messinstrumente, die sich wiederholende Phänomene aufgreifen – also zum Beispiel die Schwingungen eines Pendels oder den Umlauf des Mondes um die Erde oder heute irgendwelche Schwingungen des Cäsium 133 Atoms, die mit einer hohen Präzision immer wieder das Gleiche machen. Uhren sind unsere Maßstäbe zur Bestimmung von Zeit. Wir definieren dann, wie Einstein das gemacht hat: Zeit ist das, was die Uhr misst.

Wir können Zeit nicht benennen, es ist einfach nicht da. Aber wir haben trotzdem in der Erfahrungswelt das Gefühl, dass Zeit vorhanden ist. Deswegen haben wir Dinge erfunden, die uns erlauben, damit umzugehen.

Im Ägyptischen gibt es zwei verschiedene Wörter von Zeit, im Griechischen vier verschiedene, die jeweils unterschiedliche Aspekte von Zeit darstellen. Und dann kommt das Überraschende: Es gibt sogar eine Indianersprache, in der Zeit überhaupt nicht vorkommt. Also das bedeutet, die hatten offenbar kein Gefühl von Zeit. Das führt mich zu dem Schluss, das Phänomen Zeit haben wir selber erfunden und belegen es mit ganz vielen verschiedenen Bedeutungen. Und das macht die Beschäftigung mit der Zeit so komplex.

Also diese Frage, der wir nachstellen, was ist Zeit? Da werden wir keine Antwort darauf bekommen. Wir könnten in tausend Jahren nochmal fragen und würden auch keine kriegen.

Zeit ist etwas, das wir aus der Erfahrungswelt heraus als ein möglicherweise interessantes Konzept entdeckt haben. Dafür erfinden Sie einen Begriff und dann beladen wir den Begriff mit Bedeutung. Und diese Bedeutungen, die wir da draufladen, sind unterschiedlich und widersprüchlich.

Wir sollten nicht so tun, als wäre die Laufzeit eines Algorithmus dasselbe wie die Erfahrungszeit eines Sterbenden, wo die Gegenwart lange dauern kann oder kurz sein kann. Das sind andere Zeiten, für die wir jeweils andere Maßstäbe finden müssen.

Wir werden diese Frage nach der Bedeutung des Wesens von Zeit niemals beantworten können, da wir Zeit in der Natur nicht wirklich finden.

Das Gespräch führte Karsten Möbius für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Januar 2020 | 18:05 Uhr

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