AktivistInnen des Zentrums für Politische Schönheit und das von ihnen gebaute Mahnmal.
Aktivisten des Zentrums für Politische Schönheit vor dem von ihnen gebauten Mahnmal Bildrechte: MDR

Aktion des Zentrums für Politische Schönheit Aktivisten stellen Björn Höcke Holocaust-Mahnmal vor die Tür

Am Mittwoch haben Aktivisten der Künstlergruppe "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) neben dem Wohnhaus des thüringischen AfD-Politikers Björn Höcke eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals eröffnet. Berichtende Journalisten wurden zwischenzeitlich von Anwohnern unter Beschimpfungen von dem Grundstück der Aktion verdrängt. Der Youtube-Kanal, auf dem ein Live-Video zur Kunstaktion zu sehen war, wurde am Nachmittag offensichtlich von Youtube gekündigt. Finanziert wurde die Aktion durch eine Spendenaktion.

AktivistInnen des Zentrums für Politische Schönheit und das von ihnen gebaute Mahnmal.
Aktivisten des Zentrums für Politische Schönheit vor dem von ihnen gebauten Mahnmal Bildrechte: MDR

Aktivisten des Zentrums für Politische Schönheit haben vor dem Wohnhaus von AfD-Politiker Björn Höcke eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet. Direkt vor dem Grundstück des Thüringer AfD-Landeschefs in Bornhagen im Eichsfeld wurden 24 massive Betonstelen errichtet. Höcke selbst hatte das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas im Januar bei einem Auftritt in Dresden als "Denkmal der Schande" bezeichnet.

Holocaust-Mahnmal für Björn Höcke
Die neuen Betonstelen vor dem Wohnhaus von Björn Höcke in Bornhagen. Bildrechte: MDR

Die Aktion in Thüringen geht auf das Konto der Künstlergruppe "Zentrum für Politische Schönheit". Seit fast einem Jahr wohnen Künstler des ZPS nach eigenen Angaben Zaun an Zaun neben dem AfD-Politiker und beobachten ihn - die Gruppe hatten sich verdeckt eingemietet. Laut ZPS handelt es sich um "die aufwendigste Langzeitbeobachtung des Rechtsradikalismus in Deutschland".

"Jetzt grasen Höckes Schafe zwischen monumentalen Scheingräbern" heißt es in einer Mitteilung der Aktionsgruppe. Und: Das Mahnmal soll wachsen. Um die Finanzierung des Denkmals zu sichern, hat das ZPS zu Spenden aufgerufen. Der Bau und die Betriebskosten für zwei Jahre von zusammen 28.800 Euro wurden so laut den Betreibern in weniger als vier Stunden gespendet. Auch der in der Spendenaktion insgesamt anvisiert Betrag von 54.000 Euro für einen fünfjährigen Betrieb wurde bereits bis Mittwochnachmittag von über 1.800 Unterstützern aufgebracht. Den Vorwurf "Stasi-Methoden" anzuwenden weißt ZPS-Leiter Philipp Ruch zu rück: "Gegen Nazis wenden wir Nazi-Methoden an" sagte er.

Betonstelen in Björn Höckes Nachbargarten
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

AfD: "Das sind keine Künstler, das sind Täter"

Die AfD reagierte mit Unverständnis und Vorwürfen auf die Aktion. Landessprecher Stefan Möller sagte auf einer Pressekonferenz "Das sind keine Künstler, das sind Täter". Teile der Künstlergruppe hätten die Familie von Björn Höcke schon seit Wochen gestalkt, zudem seien Gegenstände aus dem Privatbesitz Höckes gestohlen worden.

"Bürgerwehr" drängt Journalisten vom Grundstück

Journalisten werden von einer Gruppe Anwohner beleidigt und von einem Gelände gedrängt.
Anwohner versperren den anwesenden Journalisten den Zutritt zum Gelände der Kunstaktion Bildrechte: MDR

Am Nachmittag hatte sich die Situation in Bornhagen bereits zugespitzt. Die zahlreichen Journalisten, die sich inzwischen auf dem Gelände mit den Stelen befanden, wurden von einer Gruppe Männer zunächst beleidigt, später dann vom Gelände gedrängt. Wie eine Reporterin von MDR KULTUR berichtete, wurden die Medienvertreter von der etwa 20 Mann starken "Bürgerwehr" unter anderem als "Jesuitenpack", "Bolschewiken" und "Arschlöcher" beschimpft. Anschließend versperrten sie mit einem AfD-Plakat die Einfahrt zu dem Gelände.

Bilder zur Aktion

Mahnmal vor Björn Höckes Haus.
Die Aktion vor dem Haus des AfD-Politikers Björn Höcke stellt das Berliner Holocaust-Mahnmal nach. Bildrechte: MDR
Mahnmal vor Björn Höckes Haus.
Die Aktion vor dem Haus des AfD-Politikers Björn Höcke stellt das Berliner Holocaust-Mahnmal nach. Bildrechte: MDR
Holocaust Mahnmal in Berlin
Höcke hatte das Berliner Holocaust-Mahnmal im Januar 2017 als "Denkmal der Schande" bezeichnet. Bildrechte: IMAGO
Mahnmal vor Björn Höckes Haus.
Von seinem Grundstück aus blickt Björn Höcke nun auf die Betonstelen der Aktion des Zentrums für Politische Schönheit Bildrechte: MDR
Polizeiwagen auf einem Hof.
Die Polizei ist vor Ort Bildrechte: MDR
Eine Frau an der Haustür und eine Polizist.
Ein Polizist spricht mit einer der Aktivistinnen des Zentrums für Politische Schönheit Bildrechte: MDR
AktivistInnen des Zentrums für Politische Schönheit und das von ihnen gebaute Mahnmal vor Björn Höckes Haus.
Es werden Fotos von der Aktion gemacht Bildrechte: MDR
Holocaust-Mahnmal für Björn Höcke
Für die Aktion wurden 24 massive Betonstelen aufgestellt. Bildrechte: MDR
Holocaust-Mahnmal für Björn Höcke
Einer der Aktivisten  in Bornhagen im Eichsfeld Bildrechte: MDR
Alle (8) Bilder anzeigen

Youtube-Kanal zur Aktion zwischenzeitlich gesperrt

Die ZPS hatte die Aktion mit einem Live-Video aus Bornhagen begleitet. Das zugehörige Konto wurde zwischenzeitlich laut ZPS "ohne Nennung von Gründen" von Youtube gesperrt.

Welches Ziel verfolgt die Aktion?

Björn Höcke
Der thüringische AfD-Chef Björn Höcke Bildrechte: dpa

Das ZPS schlägt Björn Höcke einen Deal vor: Wenn er sich bereit erklärt, vor dem Mahnmal – in Berlin oder Bornhagen – auf die Knie zu fallen wie einst Willy Brandt, um für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs um Vergebung zu bitten, würde die Überwachung vorerst eingestellt. Ziel sei es weiterhin Höckes "Denkmal der Schande" in ein Mahnmal der Verantwortung verwandeln und ihm die Gelegenheit geben, den Grundstein für einen zeitgemäßen Umgang mit der deutschen Geschichte zu legen. Schande sei nur so lange belastend, wie aus ihr kein Verantwortungsbewusstsein entstehe, erklärte das ZPS.

Wir wollen und können die grotesken Forderungen zur Geschichtspolitik nicht auf sich beruhen lassen. Auch nicht nach fast einem Jahr ohne Distanzierung. Die Erinnerung muss gerade in den braunen Ecken des Landes in Beton gegossen werden.

Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des ZPS

Björn Höcke: "Denkmal der Schande"

Schnee liegt am 06.12.2012 in Berlin auf dem Holocaust-Mahnmal.
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin Bildrechte: dpa

Höcke ist Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag und Chef des Thüringer Landesverbandes. Der ehemalige Geschichtslehrer hatte schon mehrfach mit seinen Äußerungen für Empörung gesorgt. So soll er 2011 und 2012 nationalsozialistisches Gedankengut unter dem Namen Landolf Ladig in NPD-Zeitschriften veröffentlicht haben. Abschließende Beweise dafür gibt es nicht, Höcke selbst hat eine Urheberschaft der Texte mehrfach abgestritten. 2014 forderte Höcke in einer internen Mail die Abschaffung des Paragrafen zur Holocaustleugnung (§ 130 StGB). Gegenüber ausländischen Medien bezeichnete er es als Problem, "dass man Hitler als das absolut Böse darstellt". In der "Dresdner Rede" sagte Höcke im Ballhaus Watzke wörtlich: "Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande ins Herz gepflanzt hat." Durch die permanente Aufarbeitung des Holocaust werde "die Geschichte, die deutsche Geschichte mies und lächerlich gemacht. So kann es und darf es nicht weitergehen. Und so wird es nicht weitergehen, liebe Freunde."

Innerhalb der AfD wurde nach der "Dresdner Rede" ein Ausschlussverfahren gefordert. Vor den Bundestagswahlen 2017 hatte der jetzige Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland Höcke jedoch als "Seele der AfD" bezeichnet und als nächsten Bundesvorsitzenden ins Spiel gebracht.

Über das Zentrum für Politische Schönheit

Das Zentrum für Politische Schönheit betreibt laut einer Selbstbeschreibung aggressiven Humanismus an der Schnittstelle zwischen Aktionskunst und Menschenrechten. 2015 überführte es ertrunkene Flüchtlinge, die an der europäischen Außengrenze anonym verscharrt worden waren, in die deutsche Hauptstadt ("Die Toten kommen"). 2014 entführte das Team die Mauerkreuze aus dem Regierungsviertel und montierte sie an den EU-Außengrenzen ("Erster Europäischer Mauerfall"). In diesem Jahr rief das ZPS mit Flugblättern in Istanbul zum Sturz von Staatspräsident Erdogan auf.

Tiger, Mauertote, Flugblätter Die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit

Mit der Mahnmal-Aktion vor dem Wohnhaus von AfD-Politiker Björn Höcke ist dem Zentrum für Politische Bildung erneut ein Coup gelungen. Auch viele ihrer bisherigen Aktionen sorgten für Aufsehen.

Ein Tiger ist in Berlin vor dem Maxim Gorki Theater im Tigergehege mit der Aufschrift 'Flüchtlinge Fressen' zu sehen.
Flüchtlinge fressen

Im Juni 2016 errichtete das ZPS eine Arena mit vier libyschen Tigern, mitten in Berlin vor dem Maxim Gorki Theater. Dort sollten sich freiwillige Flüchtlinge fressen lassen - aus Protest gegen das Beförderungsverbot.
Der Paragraf (§ 63 Abs. 3 AufenthG) besagt, dass Transportunternehmen, die Reisende ohne gültigen Aufenthaltstitel an Bord nehmen, hohe Strafen zahlen und die Personen auf eigene Kosten rückführen müssen. Also kann ein Flüchtling z. B. nicht mit einem Flugzeug nach Europa reisen.
Das ZPS charterte ein Flugzeug, das hundert Syrer aus der Türkei nach Deutschland holen sollte. Würde die Politik das verhindern, würden Flüchtlinge von den Tigern gefressen werden, hieß es damals.
Bildrechte: dpa
Ein Tiger ist in Berlin vor dem Maxim Gorki Theater im Tigergehege mit der Aufschrift 'Flüchtlinge Fressen' zu sehen.
Flüchtlinge fressen

Im Juni 2016 errichtete das ZPS eine Arena mit vier libyschen Tigern, mitten in Berlin vor dem Maxim Gorki Theater. Dort sollten sich freiwillige Flüchtlinge fressen lassen - aus Protest gegen das Beförderungsverbot.
Der Paragraf (§ 63 Abs. 3 AufenthG) besagt, dass Transportunternehmen, die Reisende ohne gültigen Aufenthaltstitel an Bord nehmen, hohe Strafen zahlen und die Personen auf eigene Kosten rückführen müssen. Also kann ein Flüchtling z. B. nicht mit einem Flugzeug nach Europa reisen.
Das ZPS charterte ein Flugzeug, das hundert Syrer aus der Türkei nach Deutschland holen sollte. Würde die Politik das verhindern, würden Flüchtlinge von den Tigern gefressen werden, hieß es damals.
Bildrechte: dpa
Die leeren Halterungen für die Gedenkkreuze der Mauertoten stehen neben dem Reichstagsgebäude an der Spree in Berlin
Erster europäischer Mauerfall

Wenige Tage vor dem 25. Mauerfall-Jubiläum 2014 verschwanden die Gedenkkreuze für die Mauertoten vom Berliner Spreeufer. Damit protestierten die Aktivisten vom ZPS gegen die EU-Flüchtlingspolitik. Sie brachten die Kreuze an den EU-Außengrenzen an.
Auf der Internetseite vom ZPS heißt es: " Die Mauertoten flüchteten in einem Akt der Solidarität zu ihren Brüdern und Schwestern über die Außengrenzen der Europäischen Union, genauer: zu den zukünftigen Mauertoten. 30.000 Tote forderten die EU-Außenmauern seit dem Fall des Eisernen Vorhangs."
Bildrechte: dpa
Ein Imam steht am Grab mit den sterblichen Überresten eines 60-jährigen Flüchtlings auf dem Friedhof Alter Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin, während die Medienvertreter und Trauergäste fotografieren
Die Toten kommen

2015 brachte das ZPS Leichen von Flüchtlingen nach Berlin. Die Menschen waren bei ihrer Flucht über das Mittelmeer gestorben und dort anonym verscharrt worden.
Auf seiner Internetseite schrieb das ZPS: " Menschen, die auf dem Weg in ein neues Leben vor der Europäischen Union ertrunken sind, haben es über den Tod hinaus ans Ziel ihrer Träume geschafft. Gemeinsam mit den Angehörigen haben wir menschenunwürdige Grabstätten geöffnet, die Toten identifiziert, exhumiert und nach Deutschland überführt."
Bildrechte: dpa
Kampagne Scholl2017.Vor dem Kanzleramt im Berliner Regierungsviertel wird ein Mercedes V8 Biturbo auf einer Bühne zusammen mit Bannern Willst du dieses Auto? Töte die Diktatur aufgestellt. Zusätzlich sind auf den Bannern Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan und Salman ibn Abd al-Aziz und Logos G20 Tyrannenmord 2017 Hamburg und Bundesamt für Diktatorenbeseitigung abgebildet.
Scholl 2017
Im Sommer 1942 verfassten die Mitglieder der Weißen Rose um Hans und Sophie Scholl Flugblätter und brachten sie in Umlauf. Dafür wurden sie von den Nationalsozialisten ermordet.
Mit der Aktion Scholl 2017 rief das ZPS zu einem Schülerwettbewerb an bayerischen Gymnasien auf: Schüler sollen sich als neue Geschwister Scholl registrieren lassen und ein Flugblatt verfassen - dafür könnten sie ein Auto oder ein Netflix-Abo gewinnen. Dann würden sie in eine Diktatur ihrer Wahl reisen, um die Flugblätter dort zu verteilen. In dem Aufruf befanden sich auch gefakte Grußworte von den Staatsministern Joachim Herrmann und Ludwig Spaenle.
Ein aus dieser Aktion stammendes Flugblatt wurde mit Hilfe eines ferngesteuerten Druckers in Istanbul hundertfach aus einem Hotelzimmer auf eine Straße am Gezi-Park geworfen. Dort begannen 2013 die Proteste gegen Erdogan. Auf dem Flugblatt stand "Tod dem Diktator".
Bildrechte: IMAGO
Aktion des Zentrums für Politische Schönheit: 25.000 Belohnung
25.000 Euro Belohnung
2012 stellte das ZPS ein Plakat am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin auf. Die Aufschrift: "Belohnung: 25.000 Euro". Die Summe sollte Belohnung sein - für Hinweise auf Delikte wie Steuerhinterziehung, Geldwäsche oder Kapitalanlagebetrug der Eigentümer des Panzerkonzerns Krauss-Maffei Wegmann.
Mit der Initiative wollten die Aktivisten auf einen möglichen Panzer-Deal zwischen Saudi-Arabien und Deutschland aufmerksam machen. Letztendlich scheiterte der Milliardendeal mit 260 Leopard II Panzern.
Bildrechte: dpa
Mahnmal vor Björn Höckes Haus.
Bau das Holocaust-Mahnmal direkt vor Höckes Haus

Im Januar 2017 bezeichnete der Fraktionsvorsitzende der AfD im Thüringer Landtag das Berliner Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande". Im November errichtete das ZPS vor dem Wohnhaus Höckes 24 massive Betonstelen, die dem Berliner Holocaust-Denkmal nachempfunden sind.
Philipp Ruch vom ZPS sagte: "Die Zivilgesellschaft finanziert dieses Mahnmal. Das bedeutet: Wir können die grotesken Forderungen zur Geschichtspolitik nicht länger auf sich beruhen lassen. Auch nicht nach knapp einem Jahr ohne Distanzierung. Die Erinnerung muss in den braunen Ecken in Beton gegossen werden."
Bildrechte: MDR
Alle (6) Bilder anzeigen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 23. November 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. November 2017, 16:58 Uhr

Mehr zum Thema

Mehr Politik bei MDR KULTUR

Peter Zudeick
Bildrechte: WDR/Herby Sachs