MDr Thüringen-Moderator Steffen Quasebarth besucht den Wohnort von AfD-Höcke. Dort hat vor einem Jahr hat das Zentrum für Politische Schönheit eine Nachbildung des Berliner Holocaust Mahnmals aufgebaut.
Journalisten bei einer Aktion des Zentrums für Politische Schönheit Bildrechte: MDR/Thomas Niemann

Zentrum für Politische Schönheit Welche Rolle spielen die Medien bei den Aktionen des ZPS?

Eine neue Aktion des Zentrums für Politische Schönheit war seit Tagen angekündigt. Nun haben sie einen Online-Pranger zur Meldung von Chemnitzer Demonstranten veröffentlicht. Auch hier werden die Aktivisten wieder eine hohe mediale Aufmerksamkeit erreichen, wie bei anderen Aktionen zuvor auch. Sie ist Teil des Konzeptes. Woran liegt das und ist es legitim? Im Gespräch dazu ist der Medienjournalist Steffen Grimberg.

MDr Thüringen-Moderator Steffen Quasebarth besucht den Wohnort von AfD-Höcke. Dort hat vor einem Jahr hat das Zentrum für Politische Schönheit eine Nachbildung des Berliner Holocaust Mahnmals aufgebaut.
Journalisten bei einer Aktion des Zentrums für Politische Schönheit Bildrechte: MDR/Thomas Niemann

Seit 2009 ist das Zentrum für Politische Schönheit aktiv und spätestens seit 2015 wirklich in aller Munde. Aufsehen erregten sie mit der Errichtung eines Holocaust-Mahnmals auf dem Nachbargrundstück von Björn Höckes Privatdomizil. Auch die Aktion "Flüchtlinge fressen" erregte Aufmerksamkeit.

Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit
Der 1981 in Dresden geborene Philosoph Philipp Ruch ist Gründer und künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit Bildrechte: IMAGO

Nun gibt es eine neue Aktion der Aktivisten. Auch hier setzen sie wieder auf mediale Aufmerksamkeit. Sie ist fest eingeplant und zentraler Bestandteil der Aktionen. Springt die Presse hier zu schnell über das vorgehaltene Skandal-Stöckchen? Oder ist es schon lange legitim, sich mit breitenwirksamen Aktionen für eine Sache zu engagieren? Dazu im Gespräch ist der Medienjournalist Steffen Grimberg, ehemals Journalist bei der "taz" und dem TV-Medienmagazin "Zapp" sowie ehemaliger ARD-Sprecher und derzeit u.a. beim MDR-Medienportal "Medien360G"  aktiv.

Das Interview mit Steffen Grimberg:

Das Zentrum für Politische Schönheit beherrscht Inszenierung und Dramaturgie ziemlich gut, oder?

Steffen Grimberg, gestikulierend
Steffen Grimberg war mit MDR KULTUR im Gespräch Bildrechte: imago/Sven Simon

Das ist absolut der Fall. Sie nutzen auch die sozialen Medien ganz perfekt. Das heißt, sie machen auch lange im Vorfeld schon einem den Mund wässrig, beziehungsweise aufmerksam auf die Dinge, die da kommen. Und es ist ein bisschen wie eine Schnitzeljagd, weil dann ja auch immer so peu à peu ein paar mehr Informationen rauskommen, ohne dass man, bislang allerdings, bei ihren Maßnahmen schon wirklich im Vorfeld viel gewusst hat.

Denn, das muss man auch sagen, viele dieser Geschichten haben ja einen irre langen Vorlauf. Für das Holocaust-Mahnmal in Höckes Nachbarschaft, wurde ja extra langfristig das Nachbargrundstück angemietet. Das ist schon ganz interessant, dass sowas nicht früher rauskommt. Aber sie beherrschen dieses Inszenierungsklavier wirklich ganz hervorragend.

Welche Bedürfnisse von Journalisten und Medien bedienen die Künstler, dass das so gut funktioniert? Welche Beziehungen gibt es da?

Naja, ich glaube, das Zentrum für Politische Schönheit wäre ohne die mediale Aufmerksamkeit, die Berichterstattung noch nicht einmal die Hälfte wert, in Anführungsstrichen. Die Aktionen sind spektakulär. Sie bewegen sich auch immer hart an der Grenze, teilweise des guten Geschmacks, teilweise aber auch der Legalität. Wobei - und damit brüstet sich das Zentrum für Politische Schönheit ja auch - sie alle Prozesse, die gegen sie angestrengt wurden, bislang mit Blick eben auf die Kunstfreiheit und die Meinungsfreiheit gewonnen haben.

Das haben sie gemein mit allen politischen Aktionskünstlern seit den 60er- und 70er-Jahren. Die Damen und Herren damals hätten wahrscheinlich sehr viel Freude an den sozialen Medien gehabt, dann wären ihre Aktionen noch weiter um die Welt gegangen.

Mahnmal vor Björn Höckes Haus.
Das nachgebaute Holocaust-Mahnmal in Blickweite des Wohnhauses von AfD-Politiker Björn Höcke Bildrechte: MDR

Absolut. Andererseits, es gibt ja Vorläufer. Es gab in West-Berlin das "Büro für ungewöhnliche Maßnahmen" aus der Sponti-Bewegung, das hat auch immer schon gut für Furore gesorgt.

Diese massenmedialen Reflexe, dass wir dort de facto - dessen müssen wir uns als Journalisten auch bewusst sein - auch über Stöckchen springen, die uns hingehalten werden, das hat schon immer funktioniert. Wenn es nun mal eine spektakuläre Aktion ist, die, wenn man so will, einen Gesprächswert für die Allgemeinheit hat, für die breite Öffentlichkeit, dann finde ich es natürlich auch legitim, dass Medien darüber berichten. Alles andere wäre ja Käse.

Zumal sich das Zentrum für Politische Schönheit, und das tut es in der Regel, mit den Großen anlegt und nicht nach unten tritt. Also, die großen Waffenkonzerne standen auf der Agenda. Man hat Partei genommen für Flüchtlinge, also seit 2015 ist das ein ganz, ganz großes Thema für das Zentrum für Politische Schönheit. Und das ist ein bisschen die Position von Robin Hood, denn die gefällt, glaube ich, nicht nur den Medien ganz gut.

Die gefällt nicht nur den Medien ganz gut, die hat ja sogar was mit der Rolle der Medien, wenn Sie so wollen, auch gemein. Nicht in dem Sinne, dass die Medien sich mit der Sache gemein machen. Aber natürlich sind auch Medien, ist Berichterstattung immer im Dienste von Aufklärung unterwegs, ohne sich aber, das ist dann ganz wichtig, hier selber sozusagen direkt hinter meinetwegen so einer Aktion des Zentrums für Politische Schönheit zu stellen. Das ist dann wiederum das Privileg einer solchen Aktionstruppe. Die kann ganz klare Kante, Haltung, Meinung beziehen, auch sehr extreme Positionen vertreten.

Wir haben als Medien dann darüber zu berichten. Wir haben auch zu analysieren, wir haben selbstverständlich auch die Kritikerinnen und Kritiker anzuhören und ihre vorgetragenen Argumente zu prüfen und auch der Öffentlichkeit sozusagen zu Ohren und Augen zu bringen. Und dann eben, wenn es zu einer juristischen Klärung kommt, auch über deren Ergebnis zu berichten.

Das Interview führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Dezember 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2018, 10:15 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR