Ein Junge spielt in seinem Kinderzimmer
Nur fünf Prozent des Spielzeugs im Zimmer wird genutzt Bildrechte: imago/photothek

Überfluss im Kinderzimmer Warum zu viel Spielzeug Kindern schadet

Noch nie haben die Deutschen so viel Geld für Spielzeug ausgegeben. 3,1 Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr, 800 Millionen mehr als vor zehn Jahren. Die Geburtenrate sank über die Jahre. Der Spielzeugumsatz stieg. Immer weniger Kinder bekommen immer teureres Spielzeug - mancher Soziologe sieht darin auch das schlechte Gewissen einer alternden Gesellschaft gegenüber den letzten Minderjährigen. Die Folge ist Chaos im Kinderzimmer - ein Haufen Plastikmüll, der nach kurzer Zeit unbrauchbar wird, und für die Fantasie bleibt immer weniger Raum.

von Carmen Salas und Dennis Wagner, artour

Ein Junge spielt in seinem Kinderzimmer
Nur fünf Prozent des Spielzeugs im Zimmer wird genutzt Bildrechte: imago/photothek

Kaum etwas erfreut Eltern mehr als die kurzzeitig leuchtenden Augen der Kleinen, wenn sie ein neues Spielzeug bekommen. Und so hat jedes zehnjährige Kind in seinem Kinderzimmer inzwischen 17 Puppen, 29 Kuscheltiere, 14 Bausätze, 61 Fahrzeuge … - kurzum: 238 Spielzeuge pro Kind. Durchschnittlich. Laut einer britischen Studie. Und die ist neun Jahre alt.

Die zwangsweise Unordnung, das Chaos im Überfluss belastet auf Dauer nicht nur die Nerven der Eltern. "Durch diesen Überfluss kann es passieren, dass ich überhaupt nicht die emotionale Stabilität erreiche, die wichtig ist, damit ich in bestimmten Situationen lerne, mein Verhalten zu variieren“, warnt der Spielforscher Jens Junge.

Wenn ich zu viel Spielzeug habe und der kreative Spieltrieb eher abgetötet wird, fehlt mir vielleicht auch in manchen Stress-Situationen die Gelassenheit.

Jens Junge, Spielforscher

Spielzeugfasten im Kindergarten

Damit die kindliche Kreativität nicht verkümmert, haben manche Kindergärten ein regelrechtes Spielzeugfasten eingeführt. Weniger ist oft mehr. Im Berliner Musikkindergarten zum Beispiel quillt kaum ein Regal über - und trotzdem wird den Kindern hier nie langweilig. Es gibt Musikinstrumente, Bastelmaterialien und auch Spielzeug - jedoch wird darauf geachtet, dass nichts zu eindeutig ist. Alles soll alles sein können.

"Wir probieren das im Kleinkindbereich ganz viel aus, weil wir da die Erfahrung gemacht haben, dass zu viel Spielzeug die Kinder wirklich überfordert, dass wir lieber mehr von einer Sorte anbieten, also VIELE Bausteine oder VIELE Pappröhren“, sagt Nina Braune vom Musikkindergarten Berlin. "Und dann kommen die Kinder ins Spiel damit."

Mehr Spielzeug für weniger Kinder

Zwei Jungen spielen in einem Kinderzimmer
Viel Spielzeug und zwei Kinder Bildrechte: imago/Schöning

3,1 Milliarden Euro geben die Deutschen im Jahr für Spielzeug aus, 800 Millionen mehr als vor zehn Jahren. Dabei sinkt die Geburtenrate. Längst finden sich vor allem die Welten großer Filmstudios in den Großmarktregalen - mit exakter Bau- und Spielanleitung. Die Spielfiguren haben Namen und Charaktereigenschaften, feste Biografien und Ziele. Marketingexperten manipulieren die Bedürfnisse der Kinder. Aus Spielzeug hat die Industrie konsumierbare Produktlinien gemacht.

Das veränderte Angebot verändert auch die Kinder, beklagt Ingetraut Palm-Walter. Ihr Spielgut-Verein testet seit immerhin 65 Jahren Spielzeug. Ihre Diagnose ist ernüchternd: "Wir stellen bei unseren Tests schon fest, dass gerade bei Baumaterialien, wo nichts vorgegeben ist, viele Kinder gar nichts damit anfangen können", sagt Palm-Walter. "Die schieben das dann weg und sagen: Ich weiß nicht, wie das geht. Weil sie immer denken, es gibt für alles, was man tut, einen Plan, nach dem man vorgehen muss. Und das ist, finde ich, eine fatale Entwicklung."

Eltern kaufen, was die Kinder wollen

Spielen ist in gewissem Sinne ein Galopp durch die Möglichkeiten der realen Welt. Hüpf- und Rollenspiele hat es zu jeder Zeit gegeben. Jedoch sind heute vor allem gut vermarktete, künstliche Spielwelten jene, die das Imaginarium der Kinder prägen. Mit einer Hilfe zur spielerischen Verarbeitung der Realität hat dieses Überangebot an Spielzeug nur noch sehr wenig zu tun. "Es scheint so, als seien heute viele Eltern unkritischer“, sagt Palm-Walter. „Es werden Sachen gekauft, weil die Kinder sich das wünschen. Und da ist auch die Gleichaltrigen-Gruppe, die dann gewisse Sachen einfach hat. Dieser Druck ist auch stärker geworden."

Bereits in der "Berliner Abendschau" von 1964 hieß es:

Schon immer hat man sich Gedanken über gutes Spielzeug gemacht. Aber nie war gutes und sinnvolles Spielzeug wichtiger, als heute, in einer Zeit, in der die Kinder von äußeren Reizwirkungen überflutet werden.

Berliner Abendschau" von 1964

Nicht erst seit Mitte der 60er-Jahre ist die Klage über eine drohende Spielzeug-Epidemie virulent. Aber noch nie war der Überfluss so groß und das Wissen um seine Überflüssigkeit so verbreitet. „Es gibt auf dem Markt ganz viel Spielzeug für Kinder von Erwachsenen - aber Kinder brauchen meiner Meinung nach kein spezielles Spielzeug“, sagt Nina Braune vom Musikkindergarten Berlin.

Kinder brauchen einen Raum, in dem sie spielen können, Räume, in denen sie sich bewegen können und Materialien, mit denen sie spielen können. Aber kein Spielzeug.

Nina Braune, Musikkindergarten Berlin

Freunde wichtger als Spielzeug

Kinder nutzen laut der erwähnten britischen Studie nur fünf Prozent ihres Krams im Kinderzimmer. Die Quelle alles Guten liegt eben im Spiel, sagte der Erfinder der Kindergärten, Friedrich Fröbel. Viel wichtiger als das Womit ist das Mit wem. "Mein Lieblingsspiel war Memory, wo ich immer wieder die Chance hatte, gegen meine Eltern schnell zu gewinnen. Gegen diese großen Menschen, die mir dauernd sagen, was erlaubt ist, was verboten ist“, sagt Spielforscher Jens Junge. "Dass ich es geschafft habe, dieses Machtverhältnis irgendwie umzukehren in diesem Spielerlebnis, um ihnen zu zeigen: guck mal, ich habe gewonnen, obwohl ihr euch angestrengt habt - das war ein schönes Erlebnis."

Ein ganz wichtiger, zentraler Punkt am Spielen sei, dass man jemanden brauche, der mit einem zusammenspielt, betont Nina Braune. „Man braucht Freundschaften. Man braucht jemanden, mit dem man sich über die Regeln verständigt, man braucht jemanden, der mit einem zusammen auch mal die Grenzen überschreitet und austestet, wie weit kann ich denn gehen, muss ich wirklich am Ende alles wieder an den Platz zurücklegen, wie meine Erzieherin mir das sagt, oder kann ich vielleicht mich davor auch mal heimlich wegdrücken - man braucht jemanden, der mit einem zusammen diese Welten betritt, die man sich erschafft."

Um die Freude am Klang des Einzelnen finden zu können, braucht es wirklich nicht viel. Und nicht viel heißt ja vor allem: Nicht viel ...

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 02. Mai 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Mai 2019, 14:15 Uhr

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