MDR KULTUR-Zukunftswerkstatt #4: Orchester Das Leiden der freien Musiker während Corona

Zum vierten Mal hat MDR KULTUR zur digitalen Zukunftswerkstatt eingeladen. Thema war diesmal die mitteldeutsche Orchesterlandschaft und dabei auch die Situation derjenigen, ohne die diese Landschaft ziemlich fahl aussähe: die freischaffenden Musiker.

Eine Grafik mit einem Computer und Schrift, auf der "Digitale Zukunftswerkstatt" steht.
Bildrechte: MDR/Florian Leue

Am Bildrand lehnt ein Kontrabass, im Hintergrund Pauken, eine Harfe, ein Flügel. Alles erstrahlt elegant in blauem Licht. Davor im Halbkreis die Diskussionsteilnehmer. Ohne Tonaussetzer, ohne stockendes Bild dürfen sie halbwegs normal miteinander reden. Zum ersten Mal findet die Zukunftswerkstatt nicht virtuell statt, die Teilnehmer filmen sich also nicht selbst von zu Hause, sondern lassen sich filmen – im Orchestersaal des MDR in Leipzig.

Mehr Spielraum – im wörtlichen Sinne

Wie schön, denkt die Zuschauerin in diesem Moment. Die Lockerungen sind gekommen und sie sind spürbar. Ähnlich geht es auch der Musikbranche. Auch sie hat wieder mehr Spielraum, im wahrsten Sinne des Wortes. Markus L. Frank zum Beispiel – er ist Generalmusikdirektor der Anhaltischen Philharmonie am Anhaltischen Theater Dessau – berichtet in der Show begeistert von der sogenannten Raumbühne: eine spezielle Zuschauerbühne, die in der nächsten Spielzeit an seinem Haus installiert wird. Dort sitze das Publikum direkt auf der Bühne, zwar mit Mindestabstand, aber so, "dass dieses Bahnhofsgefühl nicht aufkommt, sondern irgendwie das Gefühlt von Theater und Gemeinschaft entsteht".

Thüringer Symphoniker
Thüringer Symphoniker Bildrechte: Peter Scholz

Während die Dessauer Musiker ihrer Wiederaufnahme entgegenfiebern, haben die Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt ihren Spielbetrieb wieder aufgenommen. Zwar nicht in der alten Form, wie Chefdirigent Oliver Weder erklärt, sondern vor allem in Kammermusikensembles – und das erfolgreich. Die Zahl der Abonnements, so erzählt er, habe seit Corona sogar zugenommen.

Einnahmeausfälle von 100 Prozent

Eines der drängendsten Themen an diesem Abend: Wie geht es den Freiberuflern? Schließlich verleihen sie der mitteldeutschen Orchesterlandschaft Farbe, werden von großen Institutionen wie dem MDR Sinfonieorchester engagiert, treten zusammen mit ihren angestellten Orchesterkollegen bei Konzerten auf. Aber während die Angestellten seit Corona nur zähneknirschend in Kurzarbeit gingen, beklagen die Selbstständigen Einnahmeausfälle von bis zu 100 Prozent. Ihr Vertreter in der Runde war Markus Müller, Barockoboist und Dozent an der Musikhochschule Nürnberg. Vehement wies er auf die finanziellen Ängste in der Szene hin. "Wir sind auf unsere Partner angewiesen, die uns in normalen Zeiten bezahlen und von denen wir leben."

Alle im selben Boot?

Was also tun diese Partner? Zum Beispiel sammeln sie Spenden mithilfe der Deutschen Orchestervereinigung. Und sie bekennen sich zu ihren freischaffenden Kollegen. So beschwor Gewandhausdirektor Andreas Schulz in einem Einspieler die Einheit der Musikszene: Ohne Frage, die freie Szene habe zwar wesentlich mehr Nöte. Es müsse geklärt werden, ob alle die Fördersummen bekommen, die sie zwingend benötigten, um zu überleben. Aber vom Grunde her säßen alle in einem Boot.

In einem Boot – wirklich? Barockoboist Markus Müller sah das anders:

Das Gewandhaus ist vielleicht eher in einem komfortablen Kreuzfahrtschiff unterwegs, wohingegen die freie Szene in einem Rettungsboot, das schon ein Loch hat, rumschippert.

(Markus Müller, Barockoboist und Lehrkraft an der Musikhochschule Nürnberg)

Wertschätzung für Freiberufler

Es sei doch eher das gleiche Wasser, in dem alle zusammen schwimmen, merkte Angela Kaiser an dieser Stelle an, Leiterin des Bereichs Journalistische Klassik bei MDR KLASSIK, womit sie die Diskussion wieder in zielführende Gewässer lenkte. Ermöglicht eben erst die Einsicht, dass nicht alle Musiker gleich sind, das gegenseitige Verständnis. Und die Wertschätzung. "Was wären wir denn ohne Freiberufler?", fragte Annette Josef, Hauptabteilungsleiterin beim neuen MDR KLASSIK-Kompetenzzentrum. Das fange schon beim nicht-festangestellten Gastdirigenten an, und da seien die Sänger, die Solisten und Musiker, die im Orchester aushelfen, die sich zum Teil auf bestimmte Stile oder Instrumente spezialisiert haben. "Ohne die Freiberufler wäre ja die Vielfalt, das musikalische Angebot überhaupt nicht möglich."

Am Ende wurde noch einmal die Einheit geprobt: Jeder Gast durfte einem weiteren seine Dienste anbieten. Freiberufler Markus Müller bot Annette Josef die fachkundige Beratung in Sachen freie Szene. Er selbst wiederum bekam ein Geschenk: Von Oliver Weder wurde er eingeladen zu einem Solokonzert auf der Rudolstädter Heidecksburg. Ein Lichtblick, zumindest für einen der unzähligen freischaffenden Musiker.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Juni 2020 | 18:00 Uhr